Macron-Rede, Dresden

Macron-Rede in Dresden: «Wir mĂŒssen Europa verteidigen»

27.05.2024 - 20:26:20

PlĂ€doyers fĂŒr ein starkes und souverĂ€nes Europa hĂ€lt Macron regelmĂ€ĂŸig. So viel Jubel wie vor Tausenden jungen Leuten in Dresden erntet er selten. Und er hat eine wichtige Botschaft vor der Europawahl.

Wie ein Star von Zigtausenden jungen Zuhörern bejubelt hat Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron in Dresden ein flammendes PlĂ€doyer fĂŒr Europa gehalten. «Wir mĂŒssen die Kraft, das Engagement wiederfinden, es (Europa) ĂŒberall zu verteidigen», appellierte der französische Staatschef vor der Frauenkirche. Immer wieder wechselte er bei seiner Rede vom Französischen ins Deutsche und begeisterte das vorwiegend junge Publikum mit seinen ehrgeizigen Visionen und persönlichen Noten. Den Gipfel fand sein Auftritt bei der «FĂȘte de l'Europe», als Macron mit BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier, einem Jugendchor und dem Publikum die Europa-Hymne sang.

In seiner gut 40-minĂŒtigen, leidenschaftlichen Rede pochte Macron an dem geschichtstrĂ€chtigen Ort darauf, dass ein starkes und souverĂ€nes Europa nötig sei. Denn Europa befinde sich am Scheideweg, sagte der französische Staatschef vor Jugendlichen auch aus Polen, Tschechien und Frankreich. «Europa ist eine Geschichte von Frieden, Wohlstand und Demokratie.» All dies sei nun aber bedroht, wenn Europa nicht handele. Europa könne sterben, warnte Macron. «Europa ist ein Garant fĂŒr Frieden. FĂŒr viele von uns klang dieses Argument lange Zeit ĂŒberholt. Doch heute herrscht wieder Krieg in Europa.»

Gerade angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beschwor Macron die Notwendigkeit einer eigenstĂ€ndigen europĂ€ischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, innerhalb der Nato mĂŒssten die EuropĂ€er als Alliierte agieren. Forderungen, die Macron vor einem Monat erst in einer viel beachteten Rede in der Pariser Sorbonne-UniversitĂ€t herausgehoben hatte, ebenso wie seine Vision fĂŒr ein wirtschaftlich eigenstĂ€ndiges Europa. In der Wirtschaftspolitik mĂŒsse Europa souverĂ€ner und unabhĂ€ngiger werden, insbesondere gegenĂŒber der Konkurrenz durch China und die USA, betonte der PrĂ€sident. «Europa braucht ein Wachstumsmodell fĂŒr kĂŒnftige Generationen.» 

«Europa ist kein Supermarkt»

Knapp zwei Wochen vor der Europawahl warnte Macron in Dresden auch vor dem Erstarken von Extremen in Europa - auch vor dem Hintergrund, dass die Rechtsnationalen um Marine Le Pen Umfragen zufolge bei dem Votum in Frankreich stĂ€rkste Kraft werden und Macrons Liberale deutlich ĂŒberholen dĂŒrften. Demokratie und Freiheit seien allen als so selbstverstĂ€ndlich erschienen, meinte Macron. Nach dem Mauerfall habe man gedacht, dieser Wind werde sich ĂŒberall ausbreiten.

«Aber lasst uns heute um uns schauen! Lasst uns die Faszination fĂŒr autoritĂ€re Regime anschauen. Lasst uns in Europa den illiberalen Moment anschauen, den wir durchleben!» Macron mahnte, vielen wollten zwar die Gelder aus BrĂŒssel, doch von unabhĂ€ngiger Justiz, Pressefreiheit, Kulturvielfalt und Autonomie der UniversitĂ€ten nichts wissen. «Diese Tendenz ist keine Tendenz, sie ist RealitĂ€t in Ungarn. Das war RealitĂ€t bis zu den wunderbaren Wahlen in Polen.» Macron ergĂ€nzte: Â«Ăœberall in unseren Demokratien gedeihen diese Ideen, denen von den Extremen und besonders den Rechtsextremen Aufschwung gegeben wird.» 

Eindringlich forderte der 46-JĂ€hrige: «Lasst uns aufwachen! Unser Europa ist kein Supermarkt!» Europa sei nicht nur ein Ort, an dem man sich gemeinsame Regeln gebe. «Es ist eine SĂ€ule der Werte, der Kultur, der individuellen und politischen Freiheiten.» Man mĂŒsse Europa verteidigen und auf die Sorgen und auf die GrĂŒnde fĂŒr die Wut mit einem Europa des Respekts antworten. «Ein Europa, das in gewisser Weise einen Humanismus von Grund auf aufbaut.»

Steinmeier fordert Mut und Zuversicht fĂŒr Europa

Auch BundesprĂ€sident Steinmeier und Sachsens MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer warben in Dresden fĂŒr Freiheit und Demokratie in Europa. «Europa ist nicht aus Zweifeln und Ängstlichkeit entstanden, Europa ist das Ergebnis von Mut und Zuversicht; und die mĂŒssen wir auch jetzt zeigen», sagte Steinmeier. Generationen hĂ€tten daran gearbeitet, «dass dieser Kontinent ein Kontinent von Freiheit und Demokratie wird», sagte das deutsche Staatsoberhaupt. «Es liegt an uns, diese Arbeit fortzusetzen», sagte er mit Blick auf die Europawahl am 9. Juni.

Macron berĂŒhrt von Reise nach Ostdeutschland

Mehrfach schlug Macron, fĂŒr den eine Rede auf Deutsch bei weitem keine alltĂ€gliche Angelegenheit ist, in Dresden persönliche Töne an, berichtete von seinen ersten BerĂŒhrungen mit Deutschland in der Schule. «Ich lernte die deutsche Sprache und Kultur und tue das immer noch. Ich tue mein Bestes, glauben Sie mir.» Macron schilderte, wie er an einem Austausch zwischen seinem Heimatort Amiens und Dortmund teilnahm. «Ich entdeckte Ihr Land, das damals noch durch die Mauer geteilt war.»

Macron ist der erste französische PrĂ€sident, der bei einem offiziellen Besuch nach Ostdeutschland reist. «Heute als erster französischer PrĂ€sident seit der Wiedervereinigung hier in Dresden vor Ihnen zu sprechen, ehrt mich (...) ganz besonders. Es berĂŒhrt mich sehr», sagte der 46-JĂ€hrige. «Es ist eine Ehre fĂŒr mich als Franzose und Freund von Deutschland, aber auch als ĂŒberzeugter EuropĂ€er.» Kurz kam Macron auch darauf zu sprechen, dass er eigentlich bereits vor einem knappen Jahr zum Staatsbesuch in Dresden erwartet worden war, die Reise aber wegen heftiger Unruhen in Frankreich kurzfristig absagen musste. Mit leichtem Witz sagte er dazu nun auf Deutsch: «Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.»

@ dpa.de