Eskalation, Libanon

Eskalation im Libanon: 2.750 Verletzte bei Explosionen

17.09.2024 - 17:56:23

Plötzlich explodieren im Libanon zeitgleich Hunderte kleine KommunikationsgerÀte, sogenannte Pager. Ein Zusammenhang mit den Spannungen zwischen der Hisbollah und Israel liegt nahe.

  • Seit Beginn des Kriegs im Gazastreifen zwischen Israel und der islamistischen Hamas vor fast einem Jahr kommt es im Grenzgebiet zwischen Israel und dem nördlichen Nachbar Libanon nahezu tĂ€glich zu militĂ€rischen Konfrontationen. (Archivbild) - Foto: Mohammad Zaatari/AP/dpa

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  • Es ist fraglich, ob der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon noch diplomatisch gelöst werden kann. (Archivbild) - Foto: stringer/dpa

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  • Wer oder was die Explosionen verursachte, ist noch unklar - der Verdacht fĂ€llt auf Israel.  - Foto: Hussein Malla/AP/dpa

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Seit Beginn des Kriegs im Gazastreifen zwischen Israel und der islamistischen Hamas vor fast einem Jahr kommt es im Grenzgebiet zwischen Israel und dem nördlichen Nachbar Libanon nahezu tÀglich zu militÀrischen Konfrontationen. (Archivbild) - Foto: Mohammad Zaatari/AP/dpaEs ist fraglich, ob der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon noch diplomatisch gelöst werden kann. (Archivbild) - Foto: stringer/dpaWer oder was die Explosionen verursachte, ist noch unklar - der Verdacht fÀllt auf Israel.  - Foto: Hussein Malla/AP/dpa

Der Konflikt zwischen Israel und der schiitischen Hisbollah-Miliz spitzt sich weiter zu: Bei mutmaßlich koordinierten Explosionen Hunderter tragbarer FunkempfĂ€nger sind im Libanon rund 2.750 Menschen verletzt und 9 Menschen getötet worden. Der Zustand von rund 200 Verletzten sei kritisch, erklĂ€rte der geschĂ€ftsfĂŒhrende libanesische Gesundheitsminister Firas Abiad in der Hauptstadt Beirut. Die Hisbollah machte Israel fĂŒr die zeitgleichen Explosionen der sogenannten Pager verantwortlich und kĂŒndigte Vergeltung fĂŒr die «sĂŒndige Aggression» an.

Unter den Verletzten sollen viele Hisbollah-KĂ€mpfer sein, darunter auch Mitglieder der Elitetruppe Radwan. Zudem wurden hochrangige Hisbollah-Vertreter verletzt, wie eine der Miliz nahestehende Quelle bestĂ€tigte. Örtlichen Medien zufolge trugen auch zwei LeibwĂ€chter von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah Verletzungen davon.

Im Raum stand die Vermutung, dass Israel die GerÀte als Angriff auf Hisbollah-KÀmpfer gezielt zur Explosion gebracht haben könnte. Israels Armee kommentierte die VorfÀlle zunÀchst nicht. Der israelische Kan-Sender berichtete, MilitÀr und Verteidigungsministerium gingen davon aus, dass die Hisbollah mit einem MilitÀreinsatz gegen Israel reagieren werde. Es gab dazu am Abend Beratungen im MilitÀrhauptquartier in Tel Aviv. 

Pager soll wichtiges Kommunikationsmittel der Hisbollah sein

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Hisbollah habe die Pager erst kĂŒrzlich in einer Lieferung erhalten. Das «Wall Street Journal» berichtete unter Berufung auf Hisbollah-Mitglieder, Hunderte von ihnen hĂ€tten solche GerĂ€te. Die GerĂ€te seien vermutlich mit Schadsoftware versehen gewesen, die zu einer Überhitzung und zur Explosion gefĂŒhrt hĂ€tten. 

Experten gingen davon aus, dass es sich bei den Pagern um ein fĂŒr die Miliz sehr wichtiges Kommunikationssystem handelte. Die Hisbollah ist demnach aus SicherheitsgrĂŒnden von Mobiltelefonen auf Pager umgestiegen - unter anderem, weil bei diesen der Aufenthaltsort nicht ermittelt werden kann. Damit - so die Logik - wĂ€ren sie auch weniger anfĂ€llig fĂŒr Überwachungsmaßnahmen oder Angriffe der elektronischen KriegsfĂŒhrung. 

In Videos von Überwachungskameras im Libanon war zu sehen, wie es etwa in SupermĂ€rkten zu kleineren Explosionen kam. Teils lagen Menschen danach am Boden. Bilder aus KrankenhĂ€usern zeigten ĂŒberfĂŒllte RĂ€ume mit blutenden Patienten. 

Auch in Syrien, wo die Hisbollah und andere Iran-treue Milizen aktiv sind, kam es zu solchen Explosionen. Dabei seien 14 Hisbollah-Mitglieder verletzt worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle fĂŒr Menschenrechte mit Sitz in London. 

Panik in den Straßen

Augenzeugen berichteten von Panik in den Straßen Beiruts. Zahlreiche Krankenwagen waren im Einsatz. Das Gesundheitsministerium rief alle KrankenhĂ€user zu höchster Alarmbereitschaft und die BĂŒrger zu Blutspenden auf.

Auch Irans Botschafter im Libanon, Modschtaba Amani, soll Medienberichten zufolge bei der Explosion eines Pagers verletzt worden sein. Dieser habe einem LeibwĂ€chter gehört, berichtete die iranische Nachrichtenagentur Tasnim. Die Hisbollah ist der wichtigste nicht-staatliche VerbĂŒndete der Islamischen Republik Iran.

Israel spricht von Notwendigkeit eines MilitÀreinsatzes im Libanon

Nach fast einem Jahr Dauergefechten zwischen Israel und der Hisbollah mehrten sich zuletzt die Zeichen, dass der Konflikt zu einem offenen Krieg eskalieren könnte. Die RĂŒckkehr der geflĂŒchteten israelischen BĂŒrger in ihre Wohnorte im Norden des Landes zĂ€hlt nun - neben der Befreiung der Geiseln aus dem Gazastreifen und der Zerstörung der Hamas - zu Israels erklĂ€rten Kriegszielen. 

Der einzige Weg dahin sei «ein militĂ€rischer Einsatz», sagte Israels Verteidigungsminister Joav Galant am Montag nach Angaben seines BĂŒros bei einem Treffen mit US-Vermittler Amos Hochstein. Die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung im Konflikt mit der Hisbollah rĂŒcke immer weiter in die Ferne, weil die Miliz ihr Schicksal mit der Hamas im Gazastreifen verbunden habe und sich weigere, den Konflikt zu beenden, sagte er demnach.

Konflikt zwischen Hisbollah und Israel

Seit Beginn des Gaza-Kriegs vor fast einem Jahr kommt es im Grenzgebiet fast tĂ€glich zu Konfrontationen zwischen der Hisbollah und dem israelischen MilitĂ€r. Auf beiden Seiten gab es infolge des Beschusses Tote - die meisten von ihnen waren Mitglieder der Hisbollah. Erst am Dienstag wurden nach israelischen Angaben bei einem Angriff auf einen Ort im SĂŒdlibanon drei Hisbollah-KĂ€mpfer getötet. 

Insgesamt mussten seither rund 60.00 Israelis ihre HĂ€user und Wohnungen in vielen Dörfern sowie der Stadt Kiriat Schmona im Norden Israels verlassen. Viele Betroffene leben seit Monaten in vom Staat bezahlten Hotels. In mehreren Ortschaften im israelischen Grenzgebiet wurden Dutzende HĂ€user sowie Infrastruktur beschĂ€digt. Das MilitĂ€r ist in der Gegend schon immer prĂ€sent. Seit Beginn der Gefechte mit der Hisbollah gibt es dort aber etwa auch Kontrollpunkte der Armee auf von Zivilisten genutzten Straßen. Auch aus dem sĂŒdlichen Libanon sind Tausende Menschen in andere Landesteile geflohen.

Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet erklĂ€rte, einen Bombenanschlag der Hisbollah auf einen ehemaligen ranghohen Sicherheitsvertreter Israels vereitelt zu haben. Die Attacke sei in den kommenden Tagen geplant gewesen, hieß es. Der Sprengsatz sei mit einem FernzĂŒnder ausgestattet gewesen, verbunden mit einer Kamera und einem Handy. So hĂ€tte die Bombe demnach vom Libanon aus von der Hisbollah gezĂŒndet werden können. 

Hisbollah auf «jegliches Szenario» vorbereitet

Unter GeneralsekretĂ€r Hassan Nasrallah hat die Hisbollah mit UnterstĂŒtzung aus Teheran ihren Einfluss stetig ausgebaut. Dieser reicht tief in den von Krisen gelĂ€hmten libanesischen Staat. Die Organisation kontrolliert vor allem den SĂŒden an der Grenze zu Israel, von Schiiten bewohnte Viertel der Hauptstadt Beirut sowie die Bekaa-Ebene im Norden des Landes. Die Hisbollah sieht sich auf «jegliches Szenario» vorbereitet, wie es aus informierten Kreisen hieß. 

Beobachter gehen von weiteren militÀrischen Aktionen aus

Beobachter gehen davon aus, dass es in naher Zukunft zu weiteren und womöglich grĂ¶ĂŸeren militĂ€rischen ZusammenstĂ¶ĂŸen zwischen Israel und der Hisbollah kommen könnte. Das mögliche Ausmaß der Konfrontation sei jedoch unklar, sagte Riad Kahwaji, Direktor des Institute for Near East and Gulf Military Analysis (INEGMA), der dpa. Auch innerhalb der israelischen Regierung gebe es dazu verschiedene Meinungen. Ein israelischer Einsatz mit Bodentruppen im Libanon ist nach EinschĂ€tzungen des politischen Analysten Makram Rabah wahrscheinlich. «Aber es ist eine Frage des Timings», sagte er. 

Bericht: Umfassender Krieg mit Hisbollah nÀher als je zuvor

Die israelische Zeitung «Jerusalem Post» meldete unter Berufung auf politische und militĂ€rische Kreise derweil, Israel sei einem umfassenden Krieg mit der Hisbollah nĂ€her als je zuvor. Ein großangelegter Krieg sei fĂŒr alle Seiten aber weiter riskant.

Israel will durch militĂ€rischen und diplomatischen Druck erreichen, dass sich die Hisbollah-Miliz wieder hinter den 30 Kilometer von der Grenze entfernten Litani-Fluss zurĂŒckzieht - so wie es die UN-Resolution 1701 vorsieht.

Weitere VermittlungsbemĂŒhungen um Waffenruhe im Gazastreifen

US-Außenminister Antony Blinken will sich bis Donnerstag in Ägypten fĂŒr eine Wiederbelebung der GesprĂ€che zur Beendigung des Gaza-Kriegs einsetzen. Ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas scheint derzeit so gut wie ausgeschlossen. Israel will die Hamas in dem Krieg zerstören - doch immer wieder kommen auch viele unbeteiligte PalĂ€stinenser ums Leben. Ägypten, Katar und die USA haben bisher monatelang erfolglos in dem Konflikt vermittelt.

 

@ dpa.de