Kommt Frankreich mit neuem Premier aus der Krise?
13.12.2024 - 13:19:38 | dpa.deFrankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron hat gut eine Woche nach dem Regierungssturz seinen Vertrauten François Bayrou zum neuen Premierminister ernannt. Der 73-jĂ€hrige Zentrumspolitiker folgt auf Ex-EU-Kommissar Michel Barnier, dessen Mitte-Rechts-Regierung im Streit um einen Sparhaushalt per Misstrauensvotum von der Opposition gestĂŒrzt wurde.
FĂŒr eine RĂŒckkehr zu politischer StabilitĂ€t in Deutschlands wichtigem EU-Partnerland gilt es als NĂ€chstes, ein neues Kabinett zusammenzustellen, das genĂŒgend RĂŒckhalt aus dem Parlament bekommt. Dort haben weder Macrons Mitte-KrĂ€fte noch ein anderes Lager eine absolute Mehrheit.Â
Sinkt jetzt der Druck auf Macron zurĂŒckzutreten?
Aus Teilen der Opposition gab es nach dem Regierungssturz vergangene Woche die Forderung nach einem RĂŒcktritt des Liberalen Macron, dessen Amtszeit erst 2027 endet. Die Rechtsnationale Marine Le Pen und Linkspartei-Ikone Jean-Luc MĂ©lenchon rechnen sich bei einer vorgezogenen PrĂ€sidentschaftswahl Chancen aus. Wenn eine breit aufgestellte Regierung jetzt möglichst zĂŒgig nach Bayrous Amtsantritt die Arbeit aufnimmt, wird der Druck auf Macron wohl nachlassen. Selbst hatte er einen RĂŒcktritt zuletzt vor einer Woche noch kategorisch ausgeschlossen.
Ist die politische Krise in Frankreich jetzt ĂŒberwunden?
Noch nicht, denn erst wenn möglichst viele Parteien bereit sind, in der kĂŒnftigen Regierung unter Bayrou mitzuarbeiten oder diese zumindest zu dulden, gibt es Aussicht auf politische StabilitĂ€t. Macrons Bestreben ist, dass die kĂŒnftige Regierung dann bis 2027 im Amt bleibt und es keine weiteren vorgezogenen Wahlen gibt.
Damit die neue Regierung nicht wie die alte nach kurzer Zeit gestĂŒrzt wird, wird eine Absprache zwischen möglichst vielen Parteien und der Regierung angestrebt, Konsens in Haushaltsfragen zu suchen und auf einen erneuten Misstrauensantrag zu verzichten.
Was ist mit der deutsch-französischen Zusammenarbeit und Frankreichs Rolle in der EU?
Zwar gibt in der AuĂenpolitik in Frankreich der PrĂ€sident den Ton an, und Macron war trotz der politischen HĂ€ngepartie daheim weiter auf internationaler BĂŒhne aktiv, etwa in Sachen Ukraine. Aber ein Andauern der Regierungsquerelen in Frankreich wĂŒrde Macron auch international und bei seinem Auftreten in BrĂŒssel beeintrĂ€chtigen.Â
Sollte auĂer in Deutschland angesichts einer vorgezogenen Bundestagswahl parallel auch in Frankreich politischer Stillstand andauern, ist das schlecht fĂŒr die EU. Nach EinschĂ€tzung von Diplomaten in BrĂŒssel wird vieles davon abhĂ€ngen, wie es in den nĂ€chsten Wochen und Monaten in Paris weitergeht. Problematisch könnte es demnach vor allem dann werden, wenn EU-Entscheidungen getroffen werden mĂŒssen, die neue finanzielle Verpflichtungen Frankreichs erfordern â zum Beispiel fĂŒr neue Hilfen fĂŒr die Ukraine.
Bekommt Frankreich seine bedrohliche Finanzlage in den Griff?
Das ist noch offen. Die HĂ€ngepartie in Frankreich könnte fĂŒr das Land auch wirtschaftlich bedrohlich werden, da es sich in einer kritischen finanziellen Lage befindet. Die EU-Kommission betreibt wegen zu hoher Neuverschuldung ein Defizitverfahren gegen Paris. Die Staatsschuldenquote ist die dritthöchste in Europa nach Griechenland und Italien. Insgesamt liegt Frankreichs Schuldenberg bei rund 3,2 Billionen Euro und ist in absoluten Zahlen der höchste in Europa.
Die kĂŒnftige Regierung unter Bayrou muss schnell einen Sparhaushalt festzurren, ohne den die öffentlichen Finanzen noch weiter aus dem Ruder laufen. Unklar ist, wie das gelingen soll, denn Barniers Sparhaushalt lieĂen die Abgeordneten mehrheitlich abblitzen und riefen stattdessen nach noch höheren staatlichen Ausgaben.
Steht das rechtsnationale Rassemblement National von Marine Le Pen nach den politischen Turbulenzen gestÀrkt oder geschwÀcht da?
Macrons Plan ist, dass die kĂŒnftige Regierung anders als bisher ohne eine faktische Duldung durch die Rechtsnationalen regieren kann, indem er KrĂ€fte des linken Lagers einbindet und damit fĂŒr ein erneutes Misstrauensvotum die erforderlichen Stimmen fehlen. Aufs Erste könnte er Le Pen damit kaltstellen. Die Rechtsnationalen blicken aber bereits auf die Wahlen 2027 und stellen sich als Opfer von Macrons Strategiespielen dar. Ob sie damit ihr bereits hohes WĂ€hlerpotenzial steigern können oder nicht, ist offen.
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