Gegner, Selenskyjs

Gegner hinterfragen Selenskyjs LegitimitÀt

09.04.2024 - 09:09:58

PrÀsidentenwahlen in der Ukraine gibt es wegen des Kriegsrechts nicht. Deshalb gibt es Debatten um die LegitimitÀt von Staatschef Selenskyj. Gegner in Kiew und Moskau schauen besonders auf ein Datum.

Den 20. Mai vor fĂŒnf Jahren hat der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj als jĂŒngster Staatschef in der Geschichte des Landes noch in bester Erinnerung. Er versprach den Ukrainern damals bei seiner AmtseinfĂŒhrung nach einem Rekordwahlergebnis Frieden.

«Ich bin ohne zu zögern bereit, meine PopularitĂ€t und selbst mein Amt zu verlieren, nur damit der Frieden kommt», sagte er. Stattdessen kĂ€mpft der 46-JĂ€hrige seit mehr als zwei Jahren gegen den russischen Angriffskrieg. Das Kriegsrecht hat nicht nur die PlĂ€ne fĂŒr die PrĂ€sidentenwahl am 31. MĂ€rz durchkreuzt. Es lĂ€sst auch Selenskyjs Vollmachten, die eigentlich am 20. Mai auslaufen, weiter in Kraft.

Trotz dieser im Grunde klaren Lage tobt um das Datum nun eine Debatte. Dass Selenskyj ĂŒber den Tag hinaus an der Macht bleibe und dann ins sechste Amtsjahr startet, «schafft ein unerwartetes Problem fĂŒr die ukrainische Demokratie», sagt der Experte Konstantin Skorkin von der Denkfabrik Carnegie. Anders als die Nachbarn Russland und Belarus sei die Ukraine stolz auf ihre Tradition freier Wahlen. Leiseste Zweifel, dass an dieser Errungenschaft gekratzt werden könnte, lösten daher in der ukrainischen Gesellschaft und der Elite «Schockwellen» aus.

Gegner in Kiew und vor allem in Russland, das seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen hatte, stellen derzeit offen Selenskyjs LegitimitĂ€t in Frage. Zwar haben der PrĂ€sident und sein Apparat unter die Berufung auf die Verfassung klargemacht, das Kriegsrecht sei Garant fĂŒr die Fortsetzung der AmtsgeschĂ€fte und der Vollmachten im vollen Umfang. Aber die Debatte darum will nicht verstummen.

Vielleicht gebe es nach dem 20. Mai gar keinen Grund mehr, sich ĂŒber Selenskyjs Vollmachten noch Gedanken zu machen, meinte der russische Außenminister Sergej Lawrow Ende MĂ€rz in einem Interview. Deutlicher wurde der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja, der sagte, dass Selenskyj dann nicht mehr legitim im Amt sei, weil er eigenmĂ€chtig ĂŒber die Absage der PrĂ€sidentenwahl entschieden habe. Laut Verfassung hĂ€tte die Wahl eigentlich am letzten Sonntag im MĂ€rz im fĂŒnften Amtsjahr angesetzt werden sollen.

Warnung vor russischer Desinformationskampagne

Schon Ende Februar verbreitete der ukrainische MilitĂ€rgeheimdienst eine Warnung, dass Russland zwischen MĂ€rz und Mai eine Desinformationskampagne zur LegitimitĂ€t Selenskyjs nach dem 20. Mai starten werde. «Der Plan des Feindes sieht vor, dass in der ersten JunihĂ€lfte die Lage in unserem Land erschĂŒttert wird und dann unter Ausnutzung der Situation die Ukraine im Osten militĂ€risch besiegt wird», teilte die Behörde mit. FĂŒr den Plan mit dem Namen «Maidan 3» habe Moskau umgerechnet fast 1,4 Milliarden Euro bereitgestellt, behauptete der Geheimdienst. Das sei somit die teuerste Aktion der russischen Geheimdienste in der Geschichte. Beweise legte der Geheimdienst keine vor.

Doch nicht nur die russische Propaganda will in dem Konflikt, der auch ein Informationskrieg ist, mit solchen Debatten Selenskyjs AutoritĂ€t auf internationaler BĂŒhne schwĂ€chen. Auch im Land selbst sind sie lĂ€ngst Gegenstand innerpolitischer GrabenkĂ€mpfe.

Das Lager um Selenskyjs Widersacher Petro Poroschenko, der nach seiner Niederlage 2019 bei der nĂ€chsten Wahl wieder antreten will, stellt den RĂŒckhalt fĂŒr den PrĂ€sidenten ebenso in Frage wie frĂŒhere WeggefĂ€hrten des einstigen Schauspielers. Ex-Parlamentschef Dmytro Rasumkow, der Selenskyjs Wahlkampf und auch die Partei Diener des Volkes gefĂŒhrt hatte, meinte in einem Videoblogeintrag, dass der PrĂ€sident seine Vollmachten abgeben mĂŒsse nach dem 20. Mai. Zwar könne nur das Verfassungsgericht eine endgĂŒltige Antwort auf die Frage geben, doch ducke sich Selenskyj da weg.

Bröckelnde UnterstĂŒtzung im Parlament und drohende Unregierbarkeit

«Das schafft Unsicherheit im Inneren des Landes und nach außen», warnte Rasumkow. Vor allem Kriegsgegner Russland werde das ausnutzen. Ähnlich Ă€ußerte sich ein weiterer Abgeordneter, der frĂŒhere Selenskyj-Gefolgsmann Olexander Dubinskyj, der wegen des Vorwurfs des Hochverrats in Untersuchungshaft sitzt. Legitim sei nur noch das Parlament, die Oberste Rada, sagte er.

Doch bröckelt auch die UnterstĂŒtzung im Parlament fĂŒr Selenskyj immer weiter. Formell gehören seiner Fraktion noch 235 von einmal 254 Abgeordneten. Doch faktisch nehmen nur noch 170-180 der Abgeordneten an den Abstimmungen teil; PrĂ€sident und Regierung sind auf Stimmen anderer Fraktionen oder Gruppen angewiesen. Von den verbliebenen 401 Parlamentariern wollen Selenskyjs Fraktionschef David Arachamija zufolge allein bei der PrĂ€sidentenpartei mindestens 17 ihr Mandat abgeben. Experten erwarten, dass die schon jetzt nicht einfache Suche nach Abgeordnetenstimmen sich nach dem 20. Mai weiter erschweren wird. Es könnte zu einer Form von Unregierbarkeit kommen.

Selenskyj baut indes nach Meinung von Experten einem möglichen Machtverlust vor, wie auch die jĂŒngsten Entlassungen von Wegbegleitern und die Einsetzung von handzahmen Gefolgsleuten zeigten. Selenskyj wappne sich durch den Umbau seines Apparats fĂŒr die schwierigere außen- und innenpolitische Lage, meinte der Carnegie-Experte Skorkin.

GestĂ€rkt wird nach EinschĂ€tzung von Beobachtern vor allem der Leiter der PrĂ€sidialverwaltung, Andrji Jermak, der seit Langem als eine Art PrĂ€sident im Verborgenen gilt. An die Stelle des entlassenen SekretĂ€rs des Sicherheitsrates, Olexij Danilow, und Selenskyjs Berater Serhij Schefir seien Leute Jermaks getreten, heißt es.

Sinkende UnterstĂŒtzung in der Bevölkerung

Umfragen von Meinungsforschungsinstituten sehen zwar weiter RĂŒckhalt in der Bevölkerung fĂŒr Selenskyjs Entscheidungen, aber die UnterstĂŒtzung sinkt zusehends. «NatĂŒrlich werden fĂŒr sich genommen die VorwĂŒrfe einer IllegitimitĂ€t Selenskyjs einfache Ukrainer nicht beunruhigen», sagt Skorkin, «aber wenn diese von schweren militĂ€rischen und sozialen Problemen begleitet werden, dann können sie ernster werden.»

@ dpa.de