Putin-Geburtstag: Schröder feiert in Moskau â massive Kritik aus Deutschland
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 10:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Altkanzler Gerhard Schröder hat nach Angaben des Kremls in Moskau den 74. Geburtstag des russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin mitgefeiert und dafĂŒr massive Kritik aus Deutschland ausgelöst.
Göring-Eckardt spricht von âSchandeâ
Die GrĂŒnen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt bezeichnete den Besuch als âEine Schande fĂŒr Deutschland. Ein Verrat an Europa. Ein BĂ€rendienst fĂŒr Frieden.â Auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europaparlaments, kritisierte Schröder scharf.
Strack-Zimmermann nannte ihn auf der Plattform X âDeutschlands frechsten Rentnerâ und verwies auf Schröders frĂŒhere Absagen als Zeuge in einem Untersuchungsausschuss zur Klimastiftung Mecklenburg-Vorpommern und zu Nord Stream 2. Der CDU-Politiker Dennis Radtke warf Schröder ebenfalls vor, fĂŒr den Untersuchungsausschuss zu krank, fĂŒr einen Besuch bei Putin aber fit genug zu sein.
Kreml spricht von spontaner Einladung
Nach Kreml-Angaben hatte Putin am Mittwochmorgen aus den Medien erfahren, dass Schröder in Moskau war. Daraufhin habe er seinen âalten Freundâ zu sich nach Hause eingeladen. Fotos zeigen die beiden MĂ€nner lĂ€chelnd beim HĂ€ndedruck.
Schröder war zuvor in einer Filiale des russischen Globus-Ablegers Hyperglobus aufgetreten und hatte eine BegrĂŒĂungsrede vor BeschĂ€ftigten gehalten. Ende September war er in den Aufsichtsrat des Unternehmens berufen worden.
Stegner verteidigt GesprÀchskanal
Der SPD-AuĂenpolitiker Ralf Stegner verteidigte Schröders Reise. Man mĂŒsse in Russland mit denjenigen reden, die dort seien, sagte er dem âTagesspiegelâ. Schröder könne TĂŒren zu Putin öffnen; wenn der Besuch dem Frieden auch nur geringfĂŒgig gedient habe, sei er ein Erfolg.
Stegner betonte, Schröder sei als Privatmann in Moskau gewesen und kein aktiver Politiker. Der frĂŒhere Bundeskanzler war von 1998 bis 2005 im Amt und ist seit Jahren wegen seiner engen Verbindung zu Putin sowie seiner TĂ€tigkeiten fĂŒr russische Energiekonzerne umstritten.
Treffen vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs
Am Mittwoch, dem Tag von Putins Geburtstag, griff Russland die Ukraine erstmals in diesem Herbst mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen an. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj sprach von mindestens 25 Toten und mehr als 100 Verletzten und bezeichnete den Angriff als âGeburtstagsgeschenk fĂŒr Putinâ.
Im Mai hatte Putin Schröder als möglichen Vermittler im Krieg zwischen Russland und der Ukraine genannt. Die Bundesregierung reagierte darauf mit Skepsis. Schröder war nach seiner Kanzlerschaft unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream 2 AG und Aufsichtsratschef des russischen Ălkonzerns Rosneft. Die Nord-Stream-2-Pipeline wurde zwar Ende 2021 fertiggestellt, wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine aber nicht in Betrieb genommen.
Ein langes VerhÀltnis mit politischer Vorgeschichte
Gerhard Schröders NĂ€he zu Wladimir Putin reicht bis in seine Amtszeit als Bundeskanzler zurĂŒck. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt ĂŒbernahm Schröder Funktionen bei russischen Energieunternehmen, darunter bei Nord Stream und Rosneft. Den Posten beim russischen Ălkonzern gab er 2022 nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf; seine persönlichen Kontakte zum Kremlchef hielt er jedoch aufrecht.
Der aktuelle Besuch fĂ€llt zudem in eine Phase, in der Schröder eine neue Funktion im russischen Einzelhandel ĂŒbernommen hat. Seit Ende September gehört er dem Aufsichtsrat von Hyperglobus an, dem frĂŒheren russischen Ableger der deutschen Globus-Gruppe. Damit verbindet sich sein politischer Zugang zu Putin erneut mit einer wirtschaftlichen TĂ€tigkeit in Russland.
Symbolik und mögliche Folgen
Politisch ist vor allem die Symbolik des Treffens relevant: Schröder feierte Putin persönlich, wĂ€hrend Russland am selben Tag einen schweren kombinierten Angriff auf die Ukraine ausfĂŒhrte. Das verstĂ€rkt die Kritik, Schröder stelle seine langjĂ€hrige Beziehung zum Kreml ĂŒber die politische Distanz Deutschlands zu Russlands FĂŒhrung.
Zugleich verweist die Verteidigung durch Ralf Stegner auf einen gegensĂ€tzlichen Ansatz. Danach könne Schröders direkter Zugang genutzt werden, um GesprĂ€chskanĂ€le offenzuhalten. Ob daraus ein konkreter Beitrag zu Verhandlungen entsteht, bleibt offen. FĂŒr die deutsche Debatte dĂŒrfte der Besuch jedoch vor allem die Frage neu beleben, wie private Wirtschaftsinteressen, frĂŒhere politische Verantwortung und mögliche Vermittlerrollen voneinander zu trennen sind.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Frankfurter Rundschau: ââVerrat und Schandeâ: Altkanzler Schröder reist zu Putins Geburtstagspartyâ (09.10.2026)
Der Bericht bestÀtige Schröders Teilnahme an Putins Geburtstagsfeier und stelle die scharfe Kritik von Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Katrin Göring-Eckardt in den Mittelpunkt. Anders als die dpa-Meldung vertiefe er vor allem die Verbindung zwischen Schröders neuem Mandat beim russischen Globus-Ableger und seinem Besuch in Moskau.
Der Artikel bestĂ€tige den Besuch und betone zusĂ€tzlich den zeitgleichen russischen Angriff auf die Ukraine. Er stelle auĂerdem die Frage, ob die vom Kreml geschilderte spontane Einladung tatsĂ€chlich den gesamten Ablauf erklĂ€re, und ordne Schröders neue TĂ€tigkeit bei Hyperglobus ausfĂŒhrlicher ein.
Beide Berichte stimmten in der Darstellung des Treffens und der politischen Kritik ĂŒberein. Unterschiede lĂ€gen beim Schwerpunkt: WĂ€hrend die Frankfurter Rundschau die Reaktionen hervorhebe, verbinde der Tagesspiegel den Besuch stĂ€rker mit dem Kriegsgeschehen und der offenen Frage nach der Vorbereitung der Einladung.
