Putin gibt sich siegesgewiss - Selenskyj bietet Treffen an
05.06.2026 - 00:15:04 | dpa.de
Vor dem Hintergrund stockender US-VermittlungsbemĂŒhungen hat der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj dem russischen Staatschef Wladimir Putin in einem offenen Brief direkte FriedensgesprĂ€che angeboten. Er schlage ein Treffen in einem Drittstaat vor, um «SchlĂŒsselfragen» persönlich mit dem Kremlchef zu klĂ€ren, hieĂ es in dem vom PrĂ€sidentenbĂŒro in Kiew veröffentlichten Schreiben. Als Antwort erneuerte der Kreml nur sein - von Selenskyj schon mehrfach abgelehntes - Angebot fĂŒr Verhandlungen in Moskau und die Forderung nach einer vollstĂ€ndigen Kontrolle der ukrainischen Donbass-Region als Voraussetzung fĂŒr einen Frieden.Â
Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg gab sich Putin siegesgewiss. Probleme habe vor allem die ukrainische Gegenseite, sagte er in einer Pressekonferenz fĂŒr auslĂ€ndische Nachrichtenagenturen.
Von seiner heutigen Rede vor groĂem Publikum erwarten viele Russen jedoch, dass Putin Lösungen aufzeigt fĂŒr die aufgestauten Probleme im eigenen Land. Bei der Veranstaltung beantwortet er traditionell Fragen, die sich auch um den Ukraine-Krieg drehen dĂŒrften. Im fĂŒnften Kriegsjahr sieht sich Russland mit einem Wachstumseinbruch und andauernden westlichen Sanktionen konfrontiert. Dennoch will der Kreml auf dem Forum ökonomische Kraft demonstrieren.Â
Selenskyj pocht auf direkte Verhandlungen mit PutinÂ
Klar ist, dass Putin fĂŒr FriedensgesprĂ€che - wenn ĂŒberhaupt - genauso wenig nach Kiew reisen wird wie Selenskyj nach Moskau. Deshalb nannte der Ukrainer als Alternativen die Schweiz, die TĂŒrkei oder einen der arabischen Staaten.Â
US-PrĂ€sident Donald Trump sagte vor Journalisten im WeiĂen Haus auf den Brief angesprochen, dass er es gut fĂ€nde, wenn es zu einem Treffen zwischen Putin und Selenskyj kĂ€me.Â
Als ersten Schritt schlug der ukrainische Staatschef eine Waffenruhe entlang der jetzigen Frontlinie vor, die von den Vereinigten Staaten ĂŒberwacht werden soll. Dem könne ein Gefangenenaustausch «aller gegen alle» und eine RĂŒckkehr von Zivilisten und «wĂ€hrend des Krieges verschleppten» Kindern folgen. An den GesprĂ€chen sollten nach Ansicht Selenskyjs zudem Vertreter Europas und der USA auch als mögliche Garanten beteiligt werden.Â
Inhaltlich ging die russische Seite nicht auf den Brief ein. Putin hatte kurz vor der Veröffentlichung des Schreibens gesagt, «wir sind zweifellos dazu bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen». Basis dafĂŒr seien jedoch die Abmachungen von Anchorage, betonte der Kremlchef. In der Stadt in Alaska hatte ihn US-PrĂ€sident Trump im vergangenen Sommer getroffen. Konkrete Ergebnisse oder Abmachungen wurden danach allerdings nicht bekannt.
Russland beharrt auf voller Kontrolle ĂŒber DonbassÂ
Putin sagte, seine Forderung nach einer vollstĂ€ndigen russischen Kontrolle der Gebiete Donezk und Luhansk widerspreche als Friedensbedingung nicht der postulierten Dialogbereitschaft. Seiner Darstellung zufolge greift die russische Armee auf ganzer Front an, wĂ€hrend der Ukraine Soldaten fehlten. Auf dem Schlachtfeld habe Russlands MilitĂ€r die Oberhand und verbuche stĂ€ndig Gebietsgewinne, meinte er weiter.Â
Die dafĂŒr von ihm angegebene Zahl von 2.440 hinzugewonnen Quadratkilometern liegt indes deutlich ĂŒber Kiews Angaben. Nach Berechnungen regierungsnaher ukrainischer MilitĂ€rbeobachter hat die russische Armee mit abnehmendem Tempo seit Jahresbeginn knapp 700 Quadratkilometer erobert.Â
Putin: Russischer Angriff auf Nato-Land ist «Unsinn»Â
Putin wies bei der Pressekonferenz im Westen verbreitete Warnungen vor einer russischen Gefahr und einem womöglich baldigen Angriff auf ein Nato-Land mit Nachdruck als «Unsinn» zurĂŒck. «Aber meiner Meinung nach ist es nicht nur Unsinn â es ist eine bewusste Provokation», sagte Putin. Es werde gezielt eine Bedrohungslage heraufbeschworen, «die in Wirklichkeit gar nicht existiert».Â
Ziel sei es, «die Bevölkerung der eigenen LĂ€nder dazu zu zwingen, mehr Geld fĂŒr die Verteidigung auszugeben», sagte Putin. Er sei verwundert, dass ein Teil der Bevölkerung in den europĂ€ischen LĂ€ndern diese ErzĂ€hlungen glaube. «Jeder, der denkt, dass Russland das Territorium der Nato ĂŒberfallen könnte, sollte sich die Frage stellen: Wozu?»Â
Das westliche VerteidigungsbĂŒndnis gilt als militĂ€risch ĂŒberlegen gegenĂŒber Russland, durch bröckelnden Zusammenhalt und fragliche RĂŒckendeckung des mĂ€chtigen US-MilitĂ€rs unter Trump aber auch als geschwĂ€cht.
Die Beteuerungen Putins, er plane keine Attacken gegen Nato-Gebiet, werden immer wieder angezweifelt im Westen. Der Kremlchef hatte auch vor Beginn der russischen Invasion der Ukraine erklĂ€ren lassen, dass Moskau keinen Krieg plane. Auch bei der Annexion der Krim und der UnterstĂŒtzung prorussischer Separatisten im SĂŒdosten der Ukraine griff der Kreml zu TĂ€uschungsmanövern.
Kreml besteht auf neutralen VermittlernÂ
Im PressegesprĂ€ch beteuerte Putin seine Bereitschaft zum Dialog auch mit Europa zur Beendigung des Krieges. Als Vermittler kĂ€men aber nur neutrale «Leute» infrage, «denen man vertrauen kann». Er sei «verwundert», dass sein PlĂ€doyer fĂŒr Ex-Kanzler Gerhard Schröder als Vermittler wild diskutiert worden sei in Deutschland. Es gehe nicht darum, ob Schröder sein Freund sei oder nicht; der Ex-Kanzler sei ein Staatsmann, der fĂŒr die Interessen Deutschlands eintrete und seine eigenen Positionen verteidige. Deutschland und Europa seien wegen der Waffenlieferungen an die Ukraine nicht neutral.
Gegen die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ins Spiel gebrachte assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine habe Russland nichts. «Das geht uns nichts an. Wir sind nicht dagegen», sagte Putin. Moskau habe nichts gegen wirtschaftliche Verbindungen und Integration auf dem europÀischen Kontinent einzuwenden. «Wir sind dagegen, dass sich die EU in einen MilitÀrblock verwandelt», das wecke Sorgen in Russland, betonte Putin.
Seit Beginn des von Putin befohlenen Kriegs im Februar 2022 unterstĂŒtzen die EU und deren Mitglieder die Ukraine, nicht nur mit Waffenlieferungen. Wegen der Spekulationen um einen zumindest teilweisen US-TruppenrĂŒckzug aus Europa mehren sich zudem Stimmen, die eine stĂ€rkere militĂ€rische Zusammenarbeit der EU-LĂ€nder fordern.
«Wenn Russland mĂŒde wird, steht Wandel bevor»
In seinem Brief an Putin schrieb Selenskyj, die Russen hĂ€tten die stĂ€ndige Gefahr von ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffen, die steigenden Preise und EinschrĂ€nkungen ihrer Freiheiten zunehmend satt. Zugleich schrumpften die Ressourcen des russischen Machtapparats. «Sie werden nicht genug Geld oder politisches Kapital haben, um weiterhin die LoyalitĂ€t der Russen zu erkaufen, wie Sie es in den letzten 26 Jahren getan haben.» Es sei keine ukrainische Drohung, sondern «eine Tatsache der russischen Geschichte, die Sie gut kennen: Wenn Russland mĂŒde wird, steht Wandel bevor. Wir können diese MĂŒdigkeit befördern. Und Sie können Ihren Krieg stoppen.»
