Putin, Amtszeit

Putin will sich fĂŒnfte Amtszeit sichern

14.03.2024 - 10:16:36

Russlands PrÀsidentenwahl an diesem Wochenende ist weder frei noch fair und soll mitten im Krieg vor allem Putins Macht stÀrken. Trotzdem lohnt genaueres Hinsehen - und ein Blick in die Zukunft.

Nach mehr als zwei Jahren Krieg gegen die Ukraine hĂ€lt Russland ab diesem Freitag (15. MĂ€rz) drei Tage lang eine PrĂ€sidentenwahl ab, deren Sieger jetzt schon feststeht: Kremlchef und Kriegsherr Wladimir Putin wird sich aller Voraussicht nach ein Rekordergebnis bescheinigen lassen und so seine fĂŒnfte Amtszeit sichern.

Echte Oppositionspolitiker sind von der Wahl ausgeschlossen, ins Ausland geflohen, sitzen im GefÀngnis - oder sind tot. Hinzu kommen laut Beobachtern Betrug und Manipulation. Die Abstimmung ist so weit von demokratischen Standards entfernt, dass einige nur noch von «Scheinwahlen» sprechen. Im Folgenden einige Fragen und Antworten:

Wie lÀuft der Urnengang ab?

Russlands zentrale Wahlkommission hat die Wahl fĂŒr drei Tage angesetzt: Vom 15. bis zum 17. MĂ€rz sind insgesamt mehr als 112 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen - darunter 4,5 Millionen Menschen in den völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Hinzu kommen rund zwei Millionen Wahlberechtigte in anderen LĂ€ndern. Russland erstreckt sich ĂŒber elf Zeitzonen; die Wahl beginnt im Ă€ußersten Osten und endet um 19.00 Uhr MEZ im Westen in der Ostsee-Exklave Kaliningrad. Mit Schließung der letzten Wahllokale werden Prognosen veröffentlicht, die aller Voraussicht nach auf einen haushohen Sieg Putins hinweisen. Das Endergebnis will die Wahlkommission spĂ€testens am 28. MĂ€rz verkĂŒnden.

Die Scheinabstimmungen in den besetzten Gebieten sind völkerrechtswidrig und deshalb international nicht anerkannt. Die UrnengĂ€nge dort haben bereits begonnen und sorgen auch deshalb fĂŒr Verstörung, weil Bilder zeigen, wie die ukrainischen Menschen teils in Anwesenheit schwer bewaffneter russischer Soldaten zur Stimmabgabe gedrĂ€ngt werden. Neben Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson organisiert Moskau Abstimmungen auch auf der bereits 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Doch auch auf russischem Staatsgebiet werden demokratische Standards so schwer verletzt, dass Beobachtern zufolge von freier Wahl keine Rede sein kann.

Was genau macht die Abstimmung so unfair?

Wie schon bei frĂŒheren Abstimmungen wird auch dieses Mal mit Betrug in großem Stil gerechnet - auch, weil es vor Ort keine Kontrolle durch unabhĂ€ngige internationale Wahlbeobachter geben wird. Als besonders anfĂ€llig fĂŒr Manipulation gilt die Online-Stimmabgabe, weshalb Kremlkritiker den Russen davon abraten.

Die unabhĂ€ngige Wahlbeobachtungsorganisation «Golos», die seit Jahren in Russland als «auslĂ€ndischer Agent» gebrandmarkt ist, hat auch an anderer Stelle Kritik geĂŒbt: So werde in den einzelnen Regionen schon im Vorfeld «massenhaft» Druck auf Angestellte großer, teils staatlicher Unternehmen ausgeĂŒbt, damit diese ihre Stimme abgeben und so die Wahlbeteiligung in die Höhe treiben, heißt es in einem kĂŒrzlich veröffentlichten Bericht. Orientiert man sich an den Daten des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstituts Wziom, dann strebt der Kreml eine Beteiligung von mehr als 70 Prozent an. 

Vor allem aber verweisen unabhĂ€ngige Beobachter darauf, dass viele echte Oppositionspolitiker entweder ins Ausland geflohen oder in Russland festgenommen und zu teils drakonischen Haftstrafen verurteilt worden sind. FĂŒr besonderes Entsetzen sorgte Mitte Februar zudem der Tod des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny, der vor einigen Jahren selbst einmal PrĂ€sidentschaftskandidat werden wollte.

Gibt es ĂŒberhaupt ernstzunehmende Gegenkandidaten?

Nein. Putins drei Mitbewerber - der Kommunist Nikolai Charitonow, der Liberale Wladislaw Dawankow und Leonid Sluzki von der nationalistischen Partei LDPR - sind nicht nur völlig chancenlos, sie sind in wesentlichen Punkten auch voll auf Kremllinie. Jedem von ihnen prognostizieren die staatlichen Meinungsforscher fĂŒnf bis sechs Prozent der Stimmen. Putin wiederum werden 82 Prozent vorausgesagt - so viel wie noch nie in zuvor seit seinem Amtsantritt als russischer Staatschef vor fast einem Vierteljahrhundert im Jahr 2000. 

Die einzigen wirklich oppositionellen Bewerber Jekaterina Dunzowa und Boris Nadeschdin wurden von der Wahlkommission gar nicht erst als Kandidaten zugelassen. Trotzdem machten die beiden Kriegsgegner vielen kritisch eingestellten Russen Mut: Die rund 200.000 Menschen, die im Januar teils in langen Schlangen anstanden, um Nadeschdin mit ihrer Unterschrift zu unterstĂŒtzen, sorgten damals weit ĂŒber Russland hinaus fĂŒr Schlagzeilen.

Zugleich unterstĂŒtzen viele Russinnen und Russen Putin. Warum?

Wahlmanipulationen und Repressionen können den Erfolg des Kremlchefs nur zum Teil erklĂ€ren. TatsĂ€chlich erheben auch unabhĂ€ngige Meinungsforscher wie die des renommierten Lewada-Zentrums regelmĂ€ĂŸig Daten, die eine hohe Zustimmung fĂŒr den LangzeitprĂ€sidenten zeigen - wenn auch eher eine passive.

ErklĂ€ren lĂ€sst sich das Experten zufolge einerseits mit einem Wunsch vieler Russen nach StabilitĂ€t, vor allem aber auch mit Russlands professioneller Propagandamaschinerie. Insbesondere seit Kriegsbeginn schwört Putin seine Landsleute regelrecht darauf ein, dass Russland sich gegen eine Bedrohung durch einen «kollektiven Westen» zur Wehr setzen mĂŒsse, weil sonst angeblich die Sicherheit des Landes in Gefahr sei. Das verfĂ€ngt bei vielen Menschen.

Welche Rolle spielt der Krieg gegen die Ukraine bei dieser Wahl?

Putin wird das hohe Wahlergebnis, das er sich produzieren lĂ€sst, sicherlich dazu nutzen, um die angeblich riesige Zustimmung fĂŒr seinen brutalen Angriffskrieg zu unterstreichen. Zugleich aber wird die zunehmende KriegsmĂŒdigkeit vieler Russen sichtbar: Da sind nicht nur die Schlangen fĂŒr Nadeschdin, sondern beispielsweise auch die Proteste von Ehefrauen mobilisierter MĂ€nner, die es seit Wochen immer wieder in der NĂ€he des Roten Platzes gibt.

Genau deshalb habe der Kreml das Thema Krieg im Wahlkampf bewusst ausgeklammert, sagt der Politikwissenschaftler Alexander Kynew im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Moskau: «Jedes GesprĂ€ch ĂŒber den Krieg fĂŒhrt zu der Frage: Wann hört er auf? Die Staatsmacht hat darauf keine Antwort. Deshalb geht sie der Diskussion aus dem Weg.»

Ist mit Protesten am Wahltag zu rechnen?

TatsĂ€chlich rufen die UnterstĂŒtzer des gestorbenen Nawalny und andere Oppositionelle die Russen dazu auf, am Wahltag um exakt 12.00 Uhr vor den Wahllokalen zu erscheinen. An den langen Schlangen - so ihre Hoffnung - soll sich dann ablesen lassen, wie hoch die Unzufriedenheit im Land ist. Ob die Aktion Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. BefĂŒrchtet wird, dass es zu Festnahmen kommt. 

Dass sich Bilder wie von der Nawalny-Beerdigung in nĂ€chster Zeit wiederholen könnten, gilt unterdessen als ausgeschlossen. Zu der Beisetzung Anfang MĂ€rz waren Tausende Menschen erschienen und hatten zur Überraschung vieler Beobachter offen kremlkritische Sprechchöre wie «Nein zum Krieg!» und «Russland ohne Putin!» angestimmt. FĂŒr gewöhnlich aber werden Kritiker und Andersdenkende seit Kriegsbeginn direkt festgenommen, wenn sie ihren Unmut in irgendeiner Form öffentlich Ă€ußern. 

Wie wird es nach der Wahl weitergehen?

Der 71 Jahre alte Putin hat sich dann sechs weitere Jahre an der Spitze Russlands gesichert - und kann theoretisch auch im Jahr 2030 noch einmal antreten. Damit so viele Amtszeiten möglich sind, hatte der Kremlchef extra vor knapp vier Jahren die Verfassung Àndern lassen. Nach der PrÀsidentenwahl steht traditionell auch die Ernennung einer neuen Regierung an. 

Einige Politologen gehen davon aus, dass die Repressionen gegen Kritiker in Russland nach der Wahl noch zunehmen. Der russische Politikwissenschaftler Andrej Kolesnikow sagte in einem Medien-Briefing, das die Deutsche Sacharow-Gesellschaft organisierte: «Dieses Regime wird sich zweifellos ausschließlich in eine schlechte Richtung entwickeln. Es wird keine Schwachstellen zulassen. Es wird sich nicht liberalisieren. Es wird sich nicht normalisieren. Und genau darin liegt die Gefahr.» Seiner EinschĂ€tzung nach ist Putins Russland mittlerweile mehr als nur ein autoritĂ€rer Staat: «Es gibt definitiv Elemente von Totalitarismus oder Neototalitarismus.»

Gibt es irgendeine Aussicht auf politischen Wandel?

In naher Zukunft sieht den kaum jemand. Ein bedeutender Teil der russischen Gesellschaft bestehe aus «passiven Konformisten», die den Krieg mittrĂŒgen, sagt Kolesnikow. Zwar gebe es trotz aller Repressionen weiter auch verantwortungsvolle BĂŒrger, die sich dagegenstellten. Doch fĂŒr Wandel brauche es zusĂ€tzlich auch einen «Impuls von oben» - wie am Ende der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow.

Eine Oppositionspolitikerin, die aus SicherheitsgrĂŒnden anonym bleiben will, betont unterdessen, wie wichtig die Bedeutung von Zivilgesellschaft und Vernetzung auch im Stillen und im Kleinen dennoch sei: «Putin wird frĂŒher oder spĂ€ter gehen, aber die Gesellschaft wird bleiben.»

@ dpa.de