Schweiz: Mehrheit lehnt striktere NeutralitÀt ab
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 12:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Schweizer haben bei einer Volksabstimmung den Vorstoà abgelehnt, eine striktere NeutralitÀt in der Verfassung zu verankern.
Klare Mehrheit gegen Initiative
Nach einer ersten Hochrechnung stimmten 71 Prozent der Abstimmenden mit Nein, wie der Co-Leiter des Umfrage-Instituts gfs.bern, Lukas Golder, im Schweizer Fernsehen SRF sagte.
Die Initiative stammte von der Vereinigung âPro Schweizâ, die der rechtskonservativen SVP nahesteht. Sie wollte die NeutralitĂ€t des Landes ĂŒber die bisherige ZurĂŒckhaltung in bewaffneten Konflikten und MilitĂ€rbĂŒndnissen hinaus verschĂ€rfen.
Sanktionen gegen Kriegsparteien im Zentrum
Nach dem Willen der Initiatoren sollte die Schweiz auch daran gehindert werden, Sanktionen gegen Kriegsparteien zu verhĂ€ngen. Dass die Schweizer Regierung nach der russischen Vollinvasion der Ukraine die Sanktionen der EuropĂ€ischen Union weitgehend ĂŒbernommen hatte, war der Vereinigung ein Dorn im Auge.
Gegner setzen auf Zusammenarbeit
Die Gegner der Initiative argumentierten, die Sicherheit der Schweiz sei nur in Kooperation mit anderen LĂ€ndern gewĂ€hrleistet. Zudem dĂŒrfe ein Staat nicht TĂ€ter und Opfer eines bewaffneten Konflikts gleich behandeln.
NeutralitÀt zwischen Tradition und Sanktionen
Die Schweizer NeutralitĂ€t ist in der Verfassung verankert und prĂ€gt seit Langem die AuĂen- und Sicherheitspolitik des Landes. Der aktuelle Streit entzĂŒndete sich besonders daran, dass Bern nach dem russischen GroĂangriff auf die Ukraine die Sanktionen der EuropĂ€ischen Union weitgehend ĂŒbernahm. Damit stellte sich die praktische Frage, ob NeutralitĂ€t ausschlieĂlich militĂ€rische Nichtbeteiligung bedeutet oder auch eine politische Distanz zu den Konfliktparteien verlangt.
Die abgelehnte Initiative hĂ€tte diese EntscheidungsspielrĂ€ume deutlich eingeschrĂ€nkt. Vorgesehen waren eine ausdrĂŒckliche âimmerwĂ€hrende und bewaffneteâ NeutralitĂ€t sowie ein Sanktionsverbot gegenĂŒber kriegfĂŒhrenden Staaten, sofern die MaĂnahmen nicht vom UN-Sicherheitsrat beschlossen worden wĂ€ren. FĂŒr die Schweiz hĂ€tte das nicht nur die Russlandpolitik, sondern auch ihre auĂenpolitische Zusammenarbeit mit europĂ€ischen Partnern berĂŒhrt.
Bedeutung des Abstimmungsergebnisses
Das klare Nein stĂ€rkt zunĂ€chst den bisherigen Kurs, wonach die Schweiz ihre NeutralitĂ€t mit internationaler Kooperation verbinden kann. Die Regierung behĂ€lt damit grundsĂ€tzlich die Möglichkeit, Sanktionen politisch zu ĂŒbernehmen, wenn sie dies als Beitrag zur europĂ€ischen Sicherheit und zur UnterstĂŒtzung des Völkerrechts bewertet. Zugleich bleibt die gesellschaftliche Bindung an den NeutralitĂ€tsgedanken bestehen: Die Abstimmung beendet die Debatte nicht, sondern grenzt lediglich den Versuch ein, sie verfassungsrechtlich zu verschĂ€rfen.
FĂŒr die europĂ€ischen Partner bedeutet das Ergebnis mehr auĂenpolitische Beweglichkeit Berns. FĂŒr Leserinnen und Leser in Deutschland ist vor allem relevant, dass die Schweiz ihre bisherige Zusammenarbeit mit europĂ€ischen Staaten nicht durch ein neues, strikteres Verfassungsgebot begrenzen muss. Wie weit sie diese SpielrĂ€ume kĂŒnftig nutzt, bleibt eine politische Entscheidung.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: âIn Verfassung verankern: Schweizer stimmen ĂŒber StĂ€rkung der NeutralitĂ€t abâ (26.09.2026)
Der Bericht habe die Abstimmung als VorstoĂ fĂŒr eine strengere Definition der NeutralitĂ€t eingeordnet und hervorgehoben, dass Sanktionen ohne UN-Beschluss untersagt werden sollten. Er bestĂ€tige zudem die ablehnende Haltung der Regierung, lege den Schwerpunkt jedoch auf die Ausgangslage vor dem Votum und nicht auf die nun vorliegende Hochrechnung.
Deutschlandfunk: âInternationale Konflikte â Volksabstimmung ĂŒber eine striktere NeutralitĂ€t der Schweizâ (27.09.2026)
Der Beitrag beschreibe die Initiative als Forderung, sich neben bewaffneten Konflikten auch von Sanktionen gegen kriegfĂŒhrende Staaten fernzuhalten. Er stelle dem das Argument gegenĂŒber, NeutralitĂ€t dĂŒrfe nicht dazu fĂŒhren, TĂ€ter und Opfer gleichzubehandeln, und bestĂ€tige damit die zentralen Konfliktlinien der Abstimmung.
Beide BeitrĂ€ge stellten die Initiative und ihre sicherheitspolitische BegrĂŒndung dar; der Deutschlandfunk rĂŒcke stĂ€rker die grundsĂ€tzliche Debatte ĂŒber die Grenzen der NeutralitĂ€t in den Mittelpunkt, wĂ€hrend n-tv die geplanten VerfassungsĂ€nderungen und die Position der Regierung hervorhebe.
