Wahl im Iran: Zwischen Hoffnung, Misstrauen und Machtkampf
25.06.2024 - 10:08:14Auf den wuseligen StraĂen der iranischen Millionenmetropole Teheran ist kurz vor der PrĂ€sidentschaftswahl am 28. Juni nur wenig von einem Wettbewerb um das Amt zu spĂŒren. Im Stadtzentrum locken Wahlplakate mit Versprechen eines starken Staats, einer Verbesserung der Wirtschaftslage, Fortschritt oder Dienst am BĂŒrger. Konkreter wird es kaum. Stattdessen dominieren bunte Banner das Stadtbild, die fĂŒr ein bevorstehendes religiöses Fest werben.
Vor Jahren noch zeigten viele Iranerinnen und Iraner öffentlich ihre UnterstĂŒtzung, etwa, als der damalige PrĂ€sident Hassan Ruhani gegen den jĂŒngst tödlich verunglĂŒckten Ebrahim Raisi um seine Wiederwahl kĂ€mpfte. Davon ist heute nichts zu spĂŒren. Tiefe Narben in der Gesellschaft haben die Wahlen der vergangenen Jahrzehnte im Iran hinterlassen. Die Ăra der Hoffnung, einer AnnĂ€herung mit dem Westen ist fĂŒr viele nur noch ein GefĂŒhl von Nostalgie. Die gesellschaftlichen GrĂ€ben sind groĂ, zuletzt dominierten gar militĂ€rische Spannungen die Politik des Irans.
Auf den Wahlkampfveranstaltungen der PrĂ€sidentschaftskandidaten kommt dennoch Stimmung auf. Stundenlang warten etwa AnhĂ€nger der Reformbewegung in einer Sporthalle bei rund 30 Grad auf den moderaten Kandidaten Massud Peseschkian. Als er die BĂŒhne betritt, bebt die Halle. Kurz vor der Wahl weckt der frĂŒhere Gesundheitsminister Hoffnungen einer enttĂ€uschten WĂ€hlergeneration. «Ich verspreche Euch, das Volk nie anzulĂŒgen», ruft der 69-JĂ€hrige.
Konservative Fundamentalisten dominieren Bewerberfeld
Bei der PrĂ€sidentenwahl, die auf den Tod von Amtsinhaber Raisi am 19. Mai bei einem Hubschrauberabsturz folgt, treten sechs handverlesene Kandidaten an. Die sogenannten Fundamentalisten - erzkonservative Politiker und loyale AnhĂ€nger des Systems - sind am stĂ€rksten vertreten. Unter ihnen dĂŒrften vor allem der amtierende ParlamentsprĂ€sident Mohammed Bagher Ghalibaf (62) und der Hardliner Said Dschalili (58) um Stimmen der RegierungsanhĂ€nger werben. Ghalibaf, frĂŒherer General der mĂ€chtigen Revolutionsgarden, gilt als Opportunist und Machtpolitiker, Dschalili vertritt radikalere Positionen.
Der moderate Peseschkian genieĂt breite UnterstĂŒtzung aus dem Lager der Reformpolitiker. Als frĂŒherer Gesundheitsminister hat er bereits Regierungserfahrung. Bei einer hohen Wahlbeteiligung dĂŒrften seine Chancen gar nicht schlecht sein. Insbesondere, wenn es in die Stichwahl geht und sich das iranische Volk zwischen einem Konservativen und Reformer entscheiden mĂŒsste.
Wenig Wahlstimmung, viel Frustration
Aktuell ist wenig zu spĂŒren von der Ăra der Hoffnung, als der frĂŒhere PrĂ€sident Hassan Ruhani eine WiederannĂ€herung mit dem Westen einfĂ€delte. Den Glauben an groĂe innenpolitische VerĂ€nderungen haben die meisten, vor allem die jungen Menschen im Iran verloren. Der Tod der jungen Kurdin Jina Masa Amini im Herbst 2022 entfachte landesweite Proteste gegen das islamische Herrschaftssystem. Die Wahlbeteiligung bei der diesjĂ€hrigen Parlamentswahl erreichte ein Rekordtief von rund 40 Prozent.
Irans politisches System vereint seit der Revolution von 1979 republikanische und auch theokratische ZĂŒge. Freie Wahlen gibt es jedoch nicht: Das Kontrollgremium des WĂ€chterrats prĂŒft Kandidaten stets auf ihre Eignung. Eine grundsĂ€tzliche Kritik am System wird nicht geduldet, wie die Niederschlagung von Protesten in den vergangenen Jahren zeigte. Anders als in vielen anderen LĂ€ndern ist der PrĂ€sident im Iran nicht das Staatsoberhaupt. Die eigentliche Macht konzentriert sich auf den ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei.
«Ich habe keine gute Aussicht auf die Zukunft oder Perspektive und habe auch keine Hoffnung auf Reformen», sagt der 27 Jahre alte Mohammed, der im Medienbereich arbeitet. Wichtige Themen wie die angeschlagene Wirtschaft, die Abwanderung von FachkrĂ€ften wĂŒrden zwar debattiert, aber «nach den Wahlen vergessen werden», befĂŒrchtet er.
RegierungsanhÀnger hoffen auf Einigkeit und Machterhalt
Der politischen FĂŒhrung dĂŒrfte bewusst sein, dass ein wesentlicher Teil der iranischen Gesellschaft das politische System inzwischen ablehnt oder kritisch sieht. Dennoch gehen Experten davon aus, dass der Staatsspitze die Wahlbeteiligung als Gradmesser fĂŒr ihre LegitimitĂ€t wichtig ist. So wird auch die Zulassung des moderaten Peschkians gedeutet: Mit einem zwar moderaten, aber ungefĂ€hrlichen Kandidaten dĂŒrfte die Wahlbeteiligung steigen, wĂ€hrend der eigentliche Machtkampf unter den systemtreuen Konservativen ausgefochten wird. Doch Peseschkians AnhĂ€nger glauben, er werde unterschĂ€tzt.
Hussein, ein RegierungsanhĂ€nger, ist noch unentschlossen. «Ich hoffe, dass wir uns zwischen Dschalili und Ghalibaf auf eine Person einigen können», sagt der Angestellte am Hauptbahnhof in Teheran. «Ich halte beide fĂŒr fĂ€hig», fĂŒgt er hinzu. Wie viele Konservative macht er die westlichen Sanktionen fĂŒr die miserable Wirtschaftslage verantwortlich. Und: «Das Kopftuchthema ist ein Propagandainstrument der feindlichen Medien geworden», glaubt der 36-JĂ€hrige.
Staatsmacht setzt auf KontinuitÀt
Expertinnen und Experten erwarten keine groĂen politischen UmwĂ€lzungen durch die Wahl. «Das Spektrum an Bewerbern ist nicht viel gröĂer als bei den letzten Wahlen. Mit den Kandidaten ist der RevolutionsfĂŒhrer auch kein groĂes Risiko eingegangen. Die FĂŒhrung setzt vor allem auf KontinuitĂ€t», sagt die Iran-Expertin Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). «Keiner der Kandidaten hat das Profil oder Gewicht, Chamenei machtpolitisch herauszufordern.» Die besten Wahlchancen sieht Zamirirad beim konservativen Lager. «Aber der Wahlausgang ist im Gegensatz zu den letzten Wahlen von 2021, die einzig auf die Person Raisi zugeschnitten waren, offen. Damals war nur einer als Sieger denkbar. Das sieht diesmal anders aus.»


