Hungersnot in Gaza? Das sagen die offiziellen Kriterien
01.08.2025 - 04:00:59Experten warnen mit Nachdruck vor einer Hungersnot im Gazastreifen. Israel hat seit MĂ€rz nur vereinzelt Hilfslieferungen in das KĂŒstengebiet gelassen. Seither spitzt sich die humanitĂ€re Lage dort zu. Fragen und Antworten dazu, was das bedeutet:Â
Was ist eine Hungersnot?
Eine «Hungersnot» ist ein seltenes und extrem dramatisches Ereignis. Ihre Ausrufung basiert auf streng festgelegten Kriterien. Diese sind von Experten der 2004 gegrĂŒndeten IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification) mit einem HauptbĂŒro in Rom definiert. Die Kriterien sind international anerkannt und gelten fĂŒr die Analyse und Bewertung von Nahrungskrisen in LĂ€ndern weltweit.
In der IPC-Skala gibt es fĂŒnf Stufen der ErnĂ€hrungslage in einem Land oder einer Region. Die allerhöchste - und schlimmste - ist Stufe 5: «Katastrophe/Hungersnot». Darunter spricht man von Hungerkrisen.
Wann wird eine Hungersnot ausgerufen?
FĂŒr die Einstufung als Hungersnot («famine with solid evidence») mĂŒssen drei Kriterien gleichzeitig erfĂŒllt sein:Â
- Mindestens 20 Prozent der Haushalte einer Region sind von einem extremen Lebensmittelmangel betroffen;
- Mindestens 30 Prozent der Kinder leiden unter akuter MangelernÀhrung;
- TÀglich sterben mindestens zwei Erwachsene oder vier Kinder pro 10.000 Einwohner an Hunger oder aufgrund des Zusammenspiels von UnterernÀhrung und Krankheit.
Wenn eine unabhĂ€ngige Datenerhebung nicht oder nur eingeschrĂ€nkt möglich ist, kann fĂŒr eine Region auch eine Hungersnot mit hinreichenden Beweisen («famine with reasonable evidence») erklĂ€rt werden. Dabei sind fĂŒr zwei der drei oben genannten Kategorien eindeutige Hinweise erfĂŒllt; fĂŒr den dritten ziehen Analysten Hinweise aufgrund der Gesamtlage heran.Â
Ein Beispiel hierfĂŒr ist der Gazastreifen: Die UN-ErnĂ€hrungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) hat elf Mitarbeiter vor Ort, die bei jeder IPC-Erhebung UnterstĂŒtzung leisten. Dennoch fehlen aktuell aufgrund der eingeschrĂ€nkten Zugangsmöglichkeiten und den von der Hamas kontrollierten Behörden unabhĂ€ngige, umfassende Daten.Â
Wer ruft eine Hungersnot offiziell aus?
GrundsÀtzlich erstellen die IPC-Experten die fachliche EinschÀtzung. Die offizielle Ausrufung liegt «in der Verantwortung entweder der Regierung und des Staates selbst oder von autorisierten Institutionen» wie etwa UN-Vertretern, erklÀrt ein ranghoher FAO-Vertreter, Abdulhakim Rajab Elwaer, der Deutschen Presse-Agentur.
Zwischen der IPC und einer möglichen offiziellen Deklaration einer Hungersnot steht das sogenannte Famine Review Committee. Es besteht aus unabhĂ€ngigen Experten, die einberufen werden, um die Daten und EinschĂ€tzungen der IPC zu prĂŒfen. Auf dieser Grundlage können sie eine Empfehlung abgeben. UN-Vertreter etwa können daraufhin eine Hungersnot öffentlich ausrufen â auch wenn betroffene Regierungen das oft nicht anerkennen, wie Elwaer sagt.
Warum wird eine Hungersnot nicht immer sofort erklÀrt?
Ăblicherweise, weil sie nicht plötzlich beginnt, sondern sich oft ĂŒber Monate hinweg zuspitzt â und das unter Bedingungen, die eine formale Einstufung erschweren. Eine Besonderheit der IPC-Berichte ist, dass sie einen Trend sichtbar machen, da sie in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden erscheinen, erklĂ€rt Elwaer. So kann man beobachten, ob sich die Lage verbessert oder weiter verschĂ€rft.
Hinzu kommt: In Kriegsgebieten ist es oft extrem schwierig, verlĂ€ssliche Daten zu Sterblichkeit oder Gesundheitslage zu erheben, was eine genaue ĂberprĂŒfung der Lage erschwert. In manchen FĂ€llen versuchen auch Staaten oder Konfliktparteien, eine Hungerkrise herunterzuspielen, um Kritik oder Konsequenzen zu vermeiden.
Wann wurde zuletzt eine Hungersnot ausgerufen?
In den vergangenen 15 Jahren wurden nach IPC-Angaben vier Hungersnöte bestĂ€tigt: 2011 in Somalia, 2017 und 2020 im SĂŒdsudan und zuletzt 2024 im Sudan.
2011 starben durch Hunger in Teilen Somalias mehr als 250.000 Menschen. Die Gebiete wurden von der islamistischen Miliz Al-Shabab beherrscht, die Hilfsleistungen nur bedingt zulieĂ. Im SĂŒdsudan fĂŒhrten ein jahrelanger Konflikt und wirtschaftlicher Verfall zu der Notlage, die 2017 erst einige Regionen betraf, 2020 das gesamte Land. Bei der Hungersnot im BĂŒrgerkriegsland Sudan 2024 wiesen die Experten die Kriterien einer Hungersnot in mindestens fĂŒnf Gebieten nach.Â
Wieso wurde fĂŒr den Gazastreifen noch keine Hungersnot erklĂ€rt?
Aktuell gilt fĂŒr den gesamten Gazastreifen die Stufe vier auf der IPC-Skala («Emergency/Notfall»). Das bedeutet unter anderem, dass nach IPC-EinschĂ€tzung viele betroffene Haushalte nicht genug zu essen haben. Das schlĂ€gt sich in sehr hoher akuter UnterernĂ€hrung und ĂŒberhöhter Sterblichkeit nieder. In dieser Phase ist laut IPC Nothilfe mit Nahrungsmittellieferungen nötig, damit Menschen nicht an UnterernĂ€hrung sterben.
Phase fĂŒnf setzt - wie oben bereits beschrieben - formell einen extremen Mangel an Nahrungsmitteln, akute UnterernĂ€hrung und eine bestimmte Zahl hungerbedingter TodesfĂ€lle voraus. Die Experten von IPC warnten diese Woche, dass die ersten beiden Kriterien zumindest in Teilen des Gazastreifens bereits erfĂŒllt werden - extremer Mangel an Nahrungsmitteln praktisch in den meisten Teilen des Gazastreifens und akute UnterernĂ€hrung in Gaza-Stadt.Â
Zudem zeichnet sich in dem abgeriegelten KĂŒstengebiet ein negativer Trend ab: Zwischen den IPC-Berichten vom Dezember, Mai und dem Aktuellen hat sich die Gesamtsituation der Bevölkerung verschlechtert.Â
Konkret bedeutet das im Gazastreifen nach IPC-Angaben aktuell: 39 Prozent der Bewohner mĂŒssen teils mehrere Tage ohne eine einzige Mahlzeit auskommen. Mehr als eine halbe Million Menschen, also fast ein Viertel der Bevölkerung, erlebe bereits «hungersnot-Ă€hnliche Bedingungen.» Vom Famine Review Committee heiĂt es: «Ohne rasche und konzertierte MaĂnahmen ist eine Hungersnot unvermeidlich.»
Wie neutral ist die EinschÀtzung von IPC?
IPC ist eine internationale Initiative, in der Regierungen, UN-Organisationen wie die FAO, das Kinderhilfswerk Unicef und das WelternÀhrungsprogramm (WFP) sowie NGOs und weitere Partner zusammenarbeiten, um ErnÀhrungskrisen verlÀsslich einzuschÀtzen.
Ărtliche Teams sammeln in den betroffenen LĂ€ndern Daten zu ErnĂ€hrung, Preisen oder Gesundheit. Diese flieĂen in standardisierte IPC-Modelle ein. Nationale IPC-Arbeitsgruppen, bestehend aus Regierungsvertretern, UN-Agenturen, NGOs und Wissenschaftlern analysieren anschlieĂend die Lage und fĂŒhren die Klassifizierung durch.Â
Wenn ein Land möglicherweise Phase fĂŒnf erreicht hat, also eine Hungersnot, ĂŒberprĂŒft schlieĂlich das Famine Review Committee (FRC), eine Gruppe aus hochrangigen, neutralen Experten fĂŒr ErnĂ€hrung und Statistik, laut IPC diese Daten auf technische Genauigkeit und NeutralitĂ€t der Analyse, bevor die Ergebnisse bestĂ€tigt und kommuniziert werden.
Hat Israel die IPC in der Vergangenheit bereits kritisiert?
Ja, zum Beispiel anlĂ€sslich eines frĂŒheren IPC-Berichts vom Mai dieses Jahres, der auch schon das Risiko einer drohenden Hungersnot unterstrich. Die israelische MilitĂ€rbehörde Cogat, die die Hilfslieferungen in den Gazastreifen genehmigt (oder blockiert), schrieb damals in einer ErklĂ€rung: «Selbst aus der eigenen Analyse der IPC geht hervor, dass im Gazastreifen keine Hungersnot herrscht. Der Begriff "drohende Hungersnot" ist irrefĂŒhrend, da er sich auf zukĂŒnftige Szenarien bezieht, die die IPC prognostiziert, die aber seit Kriegsbeginn wiederholte Male nicht einzutreten pflegten.»
Wie sieht Israel die Lage im Gazastreifen?
MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu sagte jĂŒngst: «Es gibt keine Politik des Aushungerns im Gazastreifen, und es gibt keinen Hunger im Gazastreifen.» Auch andere israelische Politiker betonen stets, dass es keine Hungersnot in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen gebe.Â
Nach zunehmender internationaler Kritik angesichts der dramatischen Versorgungslage im Gazastreifen lĂ€sst Israel seit Sonntag wieder gröĂere Hilfslieferungen auf dem Landweg in das KĂŒstengebiet und erlaubt auch AbwĂŒrfe aus der Luft.
Was bringt die offizielle Ausrufung einer Hungersnot?
Dies hat einerseits einen psychologischen Effekt. Manche Regierungen und Organisationen treten erst richtig in Aktion, wenn eine offizielle ErklĂ€rung vorliegt - obwohl die Anzeichen lĂ€ngst da sind. Damit werden mehr Gelder zur UnterstĂŒtzung frei. Ăhnlich war es bei der Corona-Pandemie: Obwohl Anfang 2020 die Lage zunehmend kritisch wurde, sind viele LĂ€nder erst in den Krisenmodus gegangen, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell von einer Pandemie sprach.Â
Der FAO-Vertreter betont, eine formelle Ausrufung sei «extrem notwendig». Zwar werde bei menschengemachten Krisen eine solche ErklĂ€rung von Regierungen oft vermieden, weil sie faktisch belege, dass die Hungersnot nicht naturbedingt, sondern politisch verursacht worden sei. Das mache die Verantwortlichen angreifbar. «Es ist eine direkte Anschuldigung», so Elwaer.Â
Eine offizielle Ausrufung durch die IPC-Partner gilt laut Elwaer als ein gemeinsames Urteil der internationalen Gemeinschaft. Sie könne auch als Grundlage fĂŒr Schritte des Internationalen Gerichtshofs, des UN-Sicherheitsrats oder einzelner Staaten dienen - etwa fĂŒr Sanktionen oder politischen Druck.





