Bidens, Israel-Dilemma

Bidens Israel-Dilemma - Schwierige Mission der USA in Nahost

25.10.2023 - 08:25:42 | dpa.de

Seit Tagen bereitet Israels Armee eine Bodenoffensive in Gaza vor. Doch die ist bislang ausgeblieben. Das dĂŒrfte auch mit US-PrĂ€sident Joe Biden zu tun haben. Was ist sein Plan?

  • US-PrĂ€sident Joe Biden bei seinem Besuch in Tel Aviv am 18. Oktober. Die USA sind der wichtigste VerbĂŒndetete Israels. - Foto: Miriam Alster/Pool Flash 90/AP/dpa
    US-PrĂ€sident Joe Biden bei seinem Besuch in Tel Aviv am 18. Oktober. Die USA sind der wichtigste VerbĂŒndetete Israels. - Foto: Miriam Alster/Pool Flash 90/AP/dpa
  • Telefonieren aktuell regelmĂ€ĂŸig: US-PrĂ€sident Joe Biden (l) und Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu. - Foto: Miriam Alster/Pool Flash 90/AP/dpa
    Telefonieren aktuell regelmĂ€ĂŸig: US-PrĂ€sident Joe Biden (l) und Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu. - Foto: Miriam Alster/Pool Flash 90/AP/dpa
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Im Situation Room, dem Einsatzzentrum im WestflĂŒgel des Weißen Hauses, verbringt US-PrĂ€sident Joe Biden dieser Tage viel Zeit. Mit Offizieren und Geheimdienstanalysten bespricht der mĂ€chtigste Mann der Welt dort die Lage im Nahen Osten.

Der 80-JĂ€hrige greift immer wieder selbst zum Hörer, er spricht regelmĂ€ĂŸig mit Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu. Der Oberbefehlshaber der USA versucht, die FĂ€den zusammen zu halten und nicht die Kontrolle zu verlieren - und das in einer Situation, in der die Welt schon aus den Fugen geraten scheint.

Seit den Terrorangriffen der islamistischen Hamas gegen Israel mit inzwischen mehr als 1400 Toten droht die Situation im Nahen Osten weiter zu eskalieren. Auch fĂŒr Biden ist die Lage kritisch, der Demokrat steckt in einem Dilemma. Da ist einerseits die «bedingungslose UnterstĂŒtzung», die die USA als wichtigster VerbĂŒndeter Israels dem Partner immer wieder zusichern. Aber da ist auch das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, das sich bei einer Bodenoffensive Israels noch weiter verschlimmern wĂŒrde. Die dramatischen Bilder aus Gaza und die hohen Opferzahlen spielen nicht nur der Hamas in die HĂ€nde, sie kosten auch Israel RĂŒckhalt.

Biden will Zeit gewinnen

Israels Armee bombardiert seit den Hamas-Angriffen am 7. Oktober Ziele im Gazastreifen und bereitet eine Bodenoffensive vor. Doch die ist bislang ausgeblieben. Beobachter in den USA gehen davon aus, dass dies auch mit Biden zu tun hat. Medien berichten, dass die USA Israel zu einer Verschiebung der Bodenoffensive geraten hĂ€tten. Die US-Regierung bestĂ€tigt das nicht öffentlich. Vieles spricht aber dafĂŒr - auch mit Blick auf die mehr als 220 Geiseln in den HĂ€nden der Terroristen im Gazastreifen. Darunter sind auch US-Amerikaner.

Biden hat die Befreiung der Geiseln zur höchsten PrioritĂ€t erklĂ€rt. Die Hamas hat mit den EntfĂŒhrten ein gewaltiges Druckmittel in der Hand. Verhandlungen ĂŒber deren Freilassung laufen, dem Vernehmen nach unter der Vermittlung von Katar. Der Beginn einer Bodenoffensive wĂŒrde die - vermutlich an unterschiedlichen Orten im Gazastreifen festgehaltenen - Geiseln gefĂ€hrden. Sie könnten Opfer der KĂ€mpfe werden oder könnten von den Terroristen als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. Bei ihren Massakern in Israel haben Hamas-Terroristen gezeigt, zu welcher BrutalitĂ€t sie fĂ€hig sind.

Biden muss den Menschen in den USA, wo der Demokrat bei der PrĂ€sidentenwahl im kommenden Jahr im Amt bestĂ€tigt werden will, zeigen, dass die Vereinigten Staaten in der Lage sind, ihre BĂŒrgerinnen und BĂŒrger auf der ganzen Welt zu schĂŒtzen. Und auch einen FlĂ€chenbrand in der Region, in den womöglich auch US-Truppen hineingezogen werden könnten, kann er sich nicht erlauben.

Der katastrophale Abzug aus Afghanistan, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und nun der Gaza-Krieg: All diese internationalen Krisen fallen in Bidens Amtszeit. Dabei rĂŒhmt sich der Demokrat fĂŒr seine jahrzehntelange internationale Erfahrung und stellt sich als Krisenmanager dar. Doch fĂŒr seine politischen Gegner, allen voran Ex-PrĂ€sident Donald Trump, sind die schrecklichen Ereignisse ein gefundenes Fressen: ein Zeichen von SchwĂ€che und Kontrollverlust.

Deutliche Worte an Israel

Der Gaza-Krieg fĂ€llt noch dazu in eine Zeit, in der sich das VerhĂ€ltnis zwischen den USA und Israel ohnehin schon auf einem Tiefpunkt befindet. Biden hatte Netanjahu fĂŒr dessen viel kritisierte Justizreform öffentlich zurechtgewiesen. Auch bei Israels Siedlungspolitik fanden die USA zuletzt deutliche Worte. Doch all das tritt angesichts des Hamas-Angriffs in den Hintergrund.

Allerdings haben die USA das Vorgehen der politischen FĂŒhrung in Israel sehr genau im Blick. Wenige Tage nach den Hamas-Angriffen hielt Biden eine Rede. Er beschrieb mit eindringlichen Worten die Abscheulichkeiten der Hamas. Das war auch als eine Botschaft an die Amerikaner zu verstehen, um die UnterstĂŒtzung seiner Landsleute fĂŒr Israel sicherzustellen. Doch schon in dieser Rede hatte Biden auch eine Botschaft an Netanjahu - wenn auch in einem Nebensatz. Demokratien wie Israel und die USA seien stĂ€rker und sicherer, wenn sie nach dem Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit handelten, sagte er.

Schutz der Zivilisten in Gaza im Blick

SpĂ€ter mahnte Biden den Schutz der Zivilbevölkerung in Gaza klar an. Bei seinem Besuch in Israel vergangene Woche sagte er: «Auch wenn Sie diese Wut spĂŒren, lassen Sie sich nicht von ihr auffressen.» Er zog einen Vergleich zu den TerroranschlĂ€gen am 11. September 2001. «Nach 9/11 waren wir in den Vereinigten Staaten wĂŒtend. Und wĂ€hrend wir Gerechtigkeit suchten und bekamen, haben wir auch Fehler gemacht.» In Kriegszeiten mĂŒsse man harte Entscheidungen treffen, aber die große Mehrheit der PalĂ€stinenser gehöre nicht zur Hamas. «Die Menschen in Gaza brauchen Lebensmittel, Wasser, Medikamente und UnterkĂŒnfte.»

Die Lage der etwa 2,2 Millionen Menschen dort ist miserabel - Israel hat den dicht besiedelten KĂŒstenstreifen nach den Angriffen komplett abgeriegelt. Die USA fordern, dass Zivilisten, die weg wollen, sicher ausreisen können. Darunter sind auch mehrere hundert Menschen mit US-Pass. Rund 1,4 Millionen Menschen wurden durch die Angriffe Israels nach UN-Angaben vertrieben, rund 600.000 harren in meist völlig ĂŒberfĂŒllten NotunterkĂŒnften aus. Die USA wollen eine weitere Verschlechterung der ohnehin katastrophalen Lage vermeiden und mĂŒhen sich, den Menschen in Gaza Zugang zu humanitĂ€rer Hilfe zu geben.

Bidens Nahostpolitik auf der Kippe

Bislang ist unklar, welchen Plan Israel fĂŒr die Zeit nach dem Abschluss der erwarteten Bodenoffensive fĂŒr den Gazastreifen hat. Biden sagte, er hielte es fĂŒr einen «großen Fehler», falls Israel den Gazastreifen wieder besetzen sollte. «Hineinzugehen und die Extremisten auszuschalten», sei notwendig, doch Israel mĂŒsse sich an geltendes Kriegsrecht halten. Es mĂŒsse einen Pfad zu einem palĂ€stinensischen Staat geben, mahnte Biden. Dieser Pfad sei die Zwei-Staaten-Lösung, die die USA seit Jahrzehnten unterstĂŒtzten.

Diese rĂŒckt mit dem Gaza-Krieg in weite Ferne. Mit FriedensvertrĂ€gen zwischen Israel und arabischen Staaten haben die USA versucht, das Konfliktpotenzial im Nahen Osten zu entschĂ€rfen. Im Zuge der aktuellen Eskalation hat Saudi-Arabien GesprĂ€che ĂŒber eine solche AnnĂ€herung mit Israel beendet. Gleichzeitig droht ein FlĂ€chenbrand. Vermehrte Raketen- und Drohnenangriffe auf US-MilitĂ€rstĂŒtzpunkte in Syrien und im Irak zeigen, dass der Konflikt bereits dabei ist, sich auszuweiten. Israel drohen im Norden zudem vermehrt Angriffe durch die vom Iran unterstĂŒtzte libanesische Schiitenorganisation Hisbollah. Und es ist davon auszugehen, dass die israelische Bodenoffensive die Wirkung eines Brandbeschleunigers haben könnte.

Zur Abschreckung haben die USA bereits mehrere Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge ins östliche Mittelmeer verlegt, Truppen des US-MilitĂ€rs wurden in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt. Biden dĂŒrfte deren möglichen Einsatz als Oberbefehlshaber im Situation Room in Washington aber sehr genau abwĂ€gen. Das Risiko ist hoch, dass es neben Gaza weitere KriegsschauplĂ€tze geben könnte.

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