Serbien-Wahl: Studentenliste fordert Vucic mit 250 Sitzen heraus
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 05:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSerbiens Parlament umfasst 250 Mandate
- Rund 6,5 Millionen Serbinnen und Serben sind am Sonntag zur vorgezogenen Parlamentswahl aufgerufen.
- Die Studentenliste tritt mit einem Elf-Punkte-Programm unter dem Motto „Serbien oder die Mafia“ an.
- Die Bewegung entstand nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad mit 16 Todesopfern.
Serbien wählt zwischen Vucic und Studentenliste
Rund 6,5 Millionen Serbinnen und Serben wählen am Sonntag ein neues Parlament mit 250 Mandaten. Bei der vorgezogenen Wahl geht es zugleich um den politischen Kurs des Balkanlandes zwischen einer demokratischen Perspektive mit möglicher EU-Annäherung und einer autoritär geprägten Herrschaft nach russischem Vorbild.
Vucic strebt zurück in die Regierung
Der starke Mann Serbiens, Aleksandar Vucic, bestimmt seit 2012 in wechselnden Funktionen die Politik. Als Spitzenkandidat der regierenden Serbischen Fortschrittspartei SNS will er nach seinem Rücktritt als Staatspräsident Ende September im Falle eines Wahlsiegs Regierungschef werden.
Herausgefordert wird die SNS von einer Liste der neuen Studentenbewegung. Umfragen räumen ihr Chancen auf einen Wahlsieg ein, sicher gilt ein Erfolg jedoch nicht.
Proteste nach dem Unglück in Novi Sad
Die Bewegung entstand nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024. Dabei starben 16 Menschen; Kritiker machten Korruption und Schlamperei in der Regierung für das Unglück mitverantwortlich.
Die Studentinnen und Studenten besetzten Universitäten, blockierten Straßen und organisierten Fußmärsche durch das Land. Ihre Liste umfasst vor allem Lehrkräfte, Ärzte und Künstler und wird von dem Kardiologen Ilija Srdanovic aus Novi Sad angeführt.
Programm verspricht Kampf gegen Korruption
Unter dem Motto „Serbien oder die Mafia“ fordert die Bewegung in elf Punkten die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie. Außerdem verspricht sie, Korruption und Kriminalität unter den derzeit Regierenden zu verfolgen.
Die Studentenliste legt sich beim künftigen Verhältnis zur EU nicht fest. Bei den Protesten waren Europa-Fahnen selten zu sehen, nachdem regierungsnahe Medien über Jahre Russland und China hervorgehoben und die EU negativ dargestellt hatten.
Serbiens außenpolitische Bedeutung
Die EU-Beitrittsverhandlungen mit Serbien laufen seit 2014, stagnieren aber seit Jahren. Als Gründe gelten unter anderem demokratische Rückschritte. Serbien hat als einziges europäisches Land außer Belarus die EU-Sanktionen gegen Russland nicht übernommen.
Vucic unterstützt zudem serbische Nationalisten im benachbarten Bosnien-Herzegowina. Gleichzeitig wirbt er um westliche Investitionen und will den Abbau von Lithium im naturgeschützten Jadar-Tal durch einen britisch-amerikanischen Bergbaukonzern ermöglichen.
Regierungspartei verfügt über starke Strukturen
Die SNS gilt als schlagkräftige Wahlmaschine. Experten nennen als mögliche Manipulationsmittel Einschüchterung, Stimmenkauf und nicht aktuell gehaltene Wählerregister.
Auch die weitreichenden Medien unter Regierungskontrolle verschaffen Vucic Vorteile. Die Wahlforscherin Vukosava Crnjanski von CRTA sagte, die Regierung könne die Wahl gewinnen, aber nicht auf demokratischem Weg.
Die Wahl fällt in eine Phase, in der Serbiens politisches System seit Jahren von der SNS und Aleksandar Vucic geprägt wird. Die Studentenbewegung entstand nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 und verbindet Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit mit dem Kampf gegen Korruption.
Für die Europäische Union reicht die Bedeutung des Urnengangs über die Sitzverteilung im Parlament hinaus. Serbien verhandelt seit 2014 über einen EU-Beitritt, doch die Gespräche stagnieren wegen demokratischer Rückschritte. Zugleich hält Belgrad enge Beziehungen zu Russland und China aufrecht und hat die EU-Sanktionen gegen Russland nicht übernommen.
Wahlkampf unter ungleichen Bedingungen
Aktuelle Berichte beschreiben ein enges Rennen zwischen der SNS und der Studentenliste. Zugleich stehen Medienfreiheit, der Einsatz staatlicher Ressourcen und Vorwürfe des Drucks auf Beschäftigte und Wähler im Zentrum der Debatte. Das verschärft die Frage, ob ein möglicher Regierungswechsel politisch und institutionell reibungslos umgesetzt werden könnte.
Ein Erfolg der Studentenliste würde zunächst einen Machtwechsel ermöglichen, aber nicht automatisch eine einheitliche außenpolitische Linie schaffen. Die Bewegung ist in Fragen der EU und der Russland-Sanktionen heterogen. Für Bürgerinnen und Bürger wären deshalb vor allem die Bildung einer tragfähigen Regierung, die Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe und die weitere Entwicklung der Beziehungen zu EU, Russland und China entscheidend.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Korruption und Schläger: Studenten könnten Vu?i?s System bei Wahlsieg auffliegen lassen“ (24.10.2026)
Der Beitrag ordne die Wahl als bislang größte Herausforderung für Vucic ein und betone die mögliche Bedeutung eines Wahlsiegs der Studenten für das bestehende Macht- und Korruptionssystem. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt stärker auf mögliche Reaktionen des Machtapparats nach einem knappen Ergebnis und auf die außenpolitische Konkurrenz um Serbien.
Der Artikel stelle die Umfragen und die Mobilisierung der Opposition in den Mittelpunkt und beschreibe ein enges Rennen mit Vorteilen für die SNS. Gemein ist beiden Beiträgen die Einschätzung, dass die Studentenliste realistische Chancen besitzt; offen bleibt, ob ein Wahlsieg tatsächlich zu einer stabilen Regierungsbildung führen würde.
