«Grazie Silvio!»: Italien verabschiedet Berlusconi
14.06.2023 - 19:17:50 | dpa.deDer Sarg von Silvio Berlusconi wird nach dem groĂen StaatsbegrĂ€bnis aus dem MailĂ€nder Dom getragen, drauĂen auf dem prĂ€chtigen Platz jubeln Tausende ihrem Idol zu. «Grazie Silvio!», ruft einer aus der Menge, der Applaus wird stĂ€rker. «C'Ăš solo un presidente» (Es gibt nur einen PrĂ€sidenten), singt die Menge dann. Riesige rotschwarze Fahnen von Berlusconis ehemaligem FuĂballclub AC Milan werden geschwenkt. Die Angehörigen verabschieden sich von den EhrengĂ€sten und winken. Sie haben TrĂ€nen in den Augen, so wie viele AnhĂ€nger auf der anderen Seite der Metallabsperrung.
Italien hat einen einmaligen Staatsakt fĂŒr den prĂ€gendsten und umstrittensten Politiker der vergangenen Jahrzehnte veranstaltet. Schon Stunden vor Beginn der Trauerfeier fanden sich AnhĂ€nger am Dom ein, MĂ€nner, Frauen, Jugendliche und Rentner. Sie harrten in der heiĂen MailĂ€nder FrĂŒhlingssonne aus, um ihren «Presidente» noch einmal zu sehen. «Wer nicht hĂŒpft, der ist ein Kommunist», johlen einige und springen sofort hoch. Die Szenen erinnerten eher an Fans im FuĂballstadion als an TrauergĂ€ste bei einer Beerdigung.
Bei Berlusconi war immer alles extrem: Die Triumphe und AbstĂŒrze, die Verehrungen und Peinlichkeiten. Nur folgerichtig sorgte der einstige Politik-Veteran nach seinem Tod mit 86 Jahren in Italien noch mal fĂŒr einmalige Szenen und - wie könnte es anders sein - auch fĂŒr Kritik.
Regierung und Parlament halten inne
Vor dem StaatsbegrĂ€bnis am Mittwoch hat die Regierung fĂŒr drei Tage ihre Arbeit weitgehend niedergelegt. Im Parlament wurden Sitzungen und Abstimmungen gar fĂŒr rund eine Woche abgesagt. «Was fĂŒr eine Ăbertreibung, völlig deplatziert», sagte die frĂŒhere Ministerin und EU-Kommissarin Emma Bonino in der Zeitung «La Repubblica» dazu.
Kritiker erinnerten daran, dass selbst nach den brutalen Bombenattentaten der Mafia 1992 gegen die Juristen Giovanni Falcone und Paolo Borsellino oder dem Mord an Ex-MinisterprÀsident Aldo Moro durch Terroristen 1978 die Parlamente einberufen worden waren. Von einer «Trauer, die spaltet», titelte die Zeitung «La Stampa».
Dass die Regierung einen nationalen Trauertag samt Halbmastbeflaggung an öffentlichen GebĂ€uden ausrief, ist ein Novum nach dem Tod eines frĂŒheren MinisterprĂ€sidenten. Ăblicherweise geschieht dies nach schweren Katastrophen mit vielen Opfern - etwa verheerenden Erdbeben oder zuletzt der schlimmen Flut in der Emilia-Romagna. «Wir werden uns an keiner Heiligsprechung beteiligen», stellte Chiara Gribaudo, die stellvertretende Parteichefin der Sozialdemokraten, klar.
Berlusconi fĂŒr manche einer der wichtigsten MĂ€nner Italiens
AnhĂ€nger, WeggefĂ€hrten und Koalitionspartner von Berlusconi sehen das ganz anders. Sie rĂŒhmten den MailĂ€nder als einen der wichtigsten MĂ€nner des Landes der vergangenen Jahrzehnte. MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni schrieb in einem Gastbeitrag fĂŒr den «Corriere della Sera», viele hĂ€tten versucht, Berlusconi «mit unlauteren Mitteln» zu besiegen. «Am Ende aber haben seine Gegner verloren», meinte sie.
Die ultrarechte MinisterprĂ€sidentin war ebenso wie fast das ganze Kabinett und StaatsprĂ€sident Sergio Mattarella bei der Trauerfeier dabei. Rund 2000 Leute durften in den Dom, unter ihnen war auch Ungarns MinisterprĂ€sidenten Viktor Orban, Emir Tamim bin Hamad Al Thani aus Katar und der irakische PrĂ€sident Abdul Latif Raschid. Auch Spitzenleute aus Industrie, Unterhaltung und Sport kamen zur Messe. Die meisten EU-Staaten wurden von ihren Botschaftern vertreten. Auf dem Platz ĂŒbertrugen vier GroĂbildschirme den Gottesdienst.
Keiner war nach 1945 lÀnger Regierungschef
Berlusconi stand von 1994 bis 2011 mit Unterbrechungen insgesamt vier Regierungen vor. Kein anderer war in der italienischen Nachkriegszeit lĂ€nger MinisterprĂ€sident. Er war Immobilienmogul, Medientycoon und fĂŒhrte den AC Mailand an die europĂ€ische FuĂball-Spitze. UnzĂ€hlige Justizermittlungen - darunter wegen Steuerhinterziehung, Betrug, Verbindungen zur Mafia und BegĂŒnstigung von Prostitution MinderjĂ€hriger - ĂŒberstand der Selfmade-MilliardĂ€r unbeschadet.
Ein Mann mischte sich am Mittwoch auf dem Domplatz unter die Leute, auf dessen T-Shirt «Ich trauere nicht» stand und der ein Plakat hochhielt mit der Aufschrift «Schande der Republik». Als sich Empörung breitmachte, wurde er schnell von der Polizei weggebracht, wie die Nachrichtenagentur Ansa meldete. Mailands Erzbischof Mario Delpini sagte in der Predigt: «Wenn ein Mann eine Persönlichkeit ist, gibt es immer welche, die applaudieren und welche, die ihn hassen.»
«Er war ein groĂer Pfeiler des Landes»
Am Mittwoch ĂŒberwog die Zuneigung. «Berlusconi symbolisierte den italienischen Erfolg», sagt Daniele Valarani, der mit einer Flagge der Partei Forza Italia schon seit dem Vormittag auf dem Domplatz wartete. Gaia Vettorato ist aus Monza angereist. Dort spielte sie beim FuĂballclub AC Monza, dessen PrĂ€sident Berlusconi bis zu seinem Tod am Montag war. «Ich hatte die Ehre, ihn kennenzulernen», schildert die junge Frau. «Ich habe es als Pflicht gesehen, hierherzukommen. Er war ein groĂer Pfeiler des Landes.»
Sie hĂ€lt zusammen mit Freunden ein groĂes, weiĂes Laken in die Kameras, auf dem ein Zitat Berlusconis geschrieben ist: «L'Italia Ăš il paese che amo» - Italien ist das Land, das ich liebe. Bei Berlusconis letzter Reise ins Zentrum seiner Heimatstadt Mailand wurde diese Liebe am Mittwochnachmittag tausendfach erwidert.
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