Spanien: 87-Jährige stirbt nach Zwangsräumung in Madrid
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 21:59 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie 87-jährige Spanierin Maricarmen Abascal ist zwei Wochen nach ihrer Zwangsräumung in Madrid in einem Krankenhaus gestorben.
70 Jahre in derselben Wohnung
Der Mieterbund teilte mit, Abascal sei am 7. Oktober gestorben. Die Polizei hatte sie am 23. September nach jahrelangem Streit mit ihrem Vermieter aus der Wohnung geholt, in der sie rund 70 Jahre gelebt hatte.
Nach der Räumung war die schwer geschwächte Frau direkt in ein Krankenhaus gebracht worden. Trotz einer späteren Einigung mit dem Vermieter über eine Rückkehr konnte sie nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren.
Proteste gegen Wohnungsnot
Das Schicksal der Rentnerin löste in Spanien Massenproteste unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ – „Nicht eine weitere Maricarmen“ – aus. Auf der zentralen Plaza del Sol in Madrid entstand ein Protestcamp.
Die Regierung reagierte mit Dekreten für einen stärkeren Mieterschutz. Die Vorhaben wurden am Freitag jedoch von der rechten Mehrheit im Parlament abgelehnt.
Sánchez kondoliert der Familie
Ministerpräsident Pedro Sánchez kondolierte den Angehörigen. Sein Mitgefühl gelte der Familie und allen, die den Verlust wie ihren eigenen empfänden, schrieb er auf der Plattform X.
Gesundheitsministerin Mónica García erklärte ebenfalls auf X, Abascals Kampf habe in ganz Spanien das Bewusstsein wachgerüttelt und eine nicht mehr erlöschende Zündschnur entzündet.
Neuwahl und geplanter Generalstreik
Sánchez setzte am Montag eine vorgezogene Parlamentswahl für den 29. November an. Die Gewerkschaften kündigten außerdem einen Generalstreik für den 11. November an, der das Land lahmlegen soll.
Abascal hatte sich noch vom Krankenbett aus an die Spanier gewandt. Sie habe es nicht geschafft, ihr Haus zu verteidigen, aber dafür gekämpft, dass auch andere für das kämpften, was ihnen zustehe.
Wohnungskrise mit politischen Folgen
Der Fall Maricarmen Abascal steht für den wachsenden Druck auf Spaniens Wohnungsmarkt. Seit 2015 sind die Angebotsmieten nach einer aktuellen Analyse um rund 80 Prozent gestiegen und damit deutlich stärker als die Verbraucherpreise. Besonders in den Großstädten übersteigt die Nachfrage das Angebot.
Die Ursachen reichen zurück bis zum Immobilienboom der 2000er Jahre. Damals entstanden mehr als vier Millionen Wohnungen. Nach dem Platzen der Blase 2007 brach der Neubau jedoch ein; zugleich verlor die Baubranche Fachkräfte und Kapazitäten. Heute wächst die Bevölkerung, während Wohnraum nur langsam hinzukommt. Tourismus, Zuwanderung und Käufe durch ausländische Investoren erhöhen den Druck zusätzlich.
Wahlkampf über bezahlbares Wohnen
Die Wohnungsfrage ist damit nicht nur ein soziales, sondern ein zentrales politisches Thema. Die gescheiterten Mieterschutzpläne, die angekündigte Neuwahl am 29. November und der geplante Generalstreik zeigen, dass sich die Auseinandersetzung auf Parlament, Straße und Arbeitswelt ausweitet. Für Mieterinnen und Mieter bedeutet das kurzfristig vor allem politische Unsicherheit; über konkrete Entlastungen entscheidet letztlich die künftige Mehrheit.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Wohnungskrise löst Neuwahlen aus: Wie ein Bauboom Spanien Jahrzehnte später einholt“ (06.10.2026)
Der Bericht bestätige den Zusammenhang zwischen der Zwangsräumung, den Protesten und der vorgezogenen Parlamentswahl. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt auf strukturelle Ursachen: den Immobilienboom, den anschließenden Einbruch des Neubaus, Bevölkerungswachstum und zusätzliche Nachfrage durch Tourismus und ausländische Käufer.
DER SPIEGEL: „Wohnungskrise in Spanien: Gewerkschaften kündigen Generalstreik an“ (05.10.2026)
Der Artikel berichte ebenfalls über die Zwangsräumung als Auslöser landesweiter Proteste und stelle die angekündigte Arbeitsniederlegung in den Mittelpunkt. Er betone zusätzlich, die Gewerkschaften verbänden die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum mit höheren Einkommen; offen bleibe, welche konkreten Maßnahmen nach der Wahl parlamentarische Mehrheiten fänden.
Medienübergreifend bestehe Einigkeit über die politische Sprengkraft der Wohnungsnot und den Zusammenhang mit dem Fall Abascal. Unterschiede gebe es vor allem beim Fokus: Während der dpa-Bericht den Tod und die Reaktionen darauf schildere, beleuchteten die anderen Beiträge stärker Ursachen, Gewerkschaftsmobilisierung und die Folgen für die Neuwahl.
