UN-Gericht: Israel muss sich Völkermord-Vorwurf stellen
04.01.2024 - 13:07:39Gut drei Monate nach dem Beginn des Gaza-Kriegs gegen die islamistische Hamas muss sich Israel erstmals vor einem internationalen Gericht fĂŒr den MilitĂ€reinsatz verantworten. SĂŒdafrika hatte Israel vor dem Internationalen Gerichtshof mit Sitz in Den Haag verklagt und des Völkermords beschuldigt. Die Anhörungen dazu wurden nun fĂŒr den 11. und 12. Januar angesetzt, wie das höchste UN-Gericht am Mittwochabend in Den Haag entschied.
SĂŒdafrika hatte sich bei der Klage vom 29. Dezember auf die Völkermordkonvention berufen. Beide Staaten haben diese Konvention unterzeichnet. Die UN-Richter sollen aus Sicht SĂŒdafrikas im Eilverfahren ein Ende der Gewalt gegen PalĂ€stinenser anordnen, um deren Rechte zu schĂŒtzen.
Israel gerÀt immer mehr in die Kritik
Auslöser des Gaza-Kriegs war die Terrorattacke der Hamas und anderer extremistischer PalĂ€stinenserorganisationen am 7. Oktober. Sie ermordeten mehr als 1200 Menschen. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Ziel ist die völlige Zerstörung der Hamas. Angesichts der katastrophalen humanitĂ€ren Lage in dem abgeriegelten KĂŒstengebiet und der hohen Zahl ziviler Opfer geriet Israel zuletzt international immer mehr in die Kritik.
Nach Ansicht von SĂŒdafrika haben die Angriffe Israels «einen völkermörderischen Charakter», da sie auf die Vernichtung der PalĂ€stinenser in diesem Gebiet abzielten. Israel wies die Anschuldigungen entschieden zurĂŒck.
Brisante ĂuĂerungen aus der Regierung
Allerdings könnten ĂuĂerungen von Polizeiminister Itamar Ben-Gvir von der rechtsextremen Partgei Otzma Jehudit und von Finanzminister Bezalel Smotrich von der rechtsextremen Religiös-Zionistischen Partei Israel weitere Probleme in dem Verfahren in Den Haag bereiten: Beide hatten ĂŒber eine mögliche Vertreibung von PalĂ€stinensern aus dem Gazastreifen in andere LĂ€nder spekuliert. Die USA, die EU und LĂ€nder wie Deutschland und Frankreich hatten die ĂuĂerungen scharf zurĂŒckgewiesen.
Auch Israels Kulturminister Miki Sohar von der konservativen Likud-Partei von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu kritisierte seine Kabinettskollegen und dementierte, dass Israel an solchen GesprĂ€chen beteiligt sei. «Es ist klar, dass niemand in Israel traurig wĂ€re, wenn sie (die PalĂ€stinenser) freiwillig gingen. Aber das ist nicht realistisch und die internationale Gemeinschaft wĂŒrde das auch nicht akzeptieren», sagte er der Nachrichtenseite ynet. Solche Themen solle man nicht auf offener BĂŒhne diskutieren.
Der Gerichtshof ist das höchste Gericht der Vereinten Nationen und soll bei Konflikten zwischen Staaten Recht sprechen. Urteile sind bindend. Allerdings haben die UN-Richter selbst keine Möglichkeit, Urteile auch durchzusetzen. Dazu mĂŒssten sie den UN-Sicherheitsrat anrufen.
UN-Hochkommissar: Massenvertreibung von PalĂ€stinensern unrechtmĂ€Ăig
Der Hochkommissar fĂŒr Menschenrechte, Volker TĂŒrk, hat ĂuĂerungen israelischer Minister zu einer möglichen Massenvertreibung von PalĂ€stinensern aus dem Gazastreifen als «sehr verstörend» verurteilt. UN-Vertreter TĂŒrk wies auf X (vormals Twitter) daraufhin, dass schon jetzt 85 Prozent der Menschen innerhalb des PalĂ€stinensergebietes vertrieben worden seien. «Sie haben das Recht, nach Hause zurĂŒckzukehren», betonte er. Das internationale Recht verbiete gewaltsame Umsiedlungen und Deportationen von geschĂŒtzten Personen in und aus besetzten Gebieten, so TĂŒrk.


