Minusma, UN-Friedensmission

Mali fordert «unverzĂŒglichen Abzug» von UN-Blauhelmen

17.06.2023 - 05:13:04

Tausende UN-Friedenssoldaten sollen das von Islamisten heimgesuchte Mali stabilisieren. Die Junta sieht sich bei ihrem harten Kurs gegen die Terroristen gegÀngelt. Es kommt zum offenen Bruch.

Die MilitÀrregierung des westafrikanischen Krisenstaats Mali fordert den sofortigen Abzug der seit einem Jahrzehnt im Land stationierten UN-Friedensmission Minusma.

Außenminister Abdoulaye Diop beschuldigte die Blauhelme der Vereinten Nationen, darunter auch Hunderte Bundeswehr-Soldaten, «Teil des Problems» geworden zu sein, anstatt ausreichend auf die Sicherheitslage reagiert zu haben. «Vor diesem Hintergrund fordert die malische Regierung den unverzĂŒglichen RĂŒckzug von Minusma. Die Regierung ist jedoch bereit, diesbezĂŒglich mit den Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten», sagte Diop gestern im UN-Sicherheitsrat.

«Situation, in der es keinen Frieden zu wahren gibt»

Malis Übergangsregierung unter Oberst Assimi GoĂŻta bekrĂ€ftigte am spĂ€ten Abend ihre «strategische» Entscheidung, den Abzug der Minusma zu fordern. Es sei «unmöglich, den Frieden zu wahren in einer Situation, in der es keinen Frieden zu wahren gibt», teilte sie mit. Sie warf der UN-Mission vor, das Mandat zur UnterstĂŒtzung der malischen AutoritĂ€ten ins Gegenteil verkehrt zu haben.

Die AnkĂŒndigung der MilitĂ€rjunta kam kurz vor einem lang erwarteten Verfassungsreferendum in Mali an diesem Sonntag. Die 23 Millionen BĂŒrger Malis sollen mehr als zwei Jahre nach dem letzten MilitĂ€rputsch ĂŒber eine neue Verfassung abstimmen, was als erster Schritt hin zu PrĂ€sidentschaftswahlen bis kommendem MĂ€rz gilt. Die Übergangsregierung wirbt offensiv fĂŒr die Annahme des Entwurfs, der unter anderem dem PrĂ€sidenten mehr Macht verleiht.

Terrorgruppen breiten sich aus

Die UN-Mission zur Stabilisierung des Landes ist seit 2013 in Mali aktiv, nachdem islamistische Terroristen in Folge des Zusammenbruchs des angrenzenden Libyen und einer Rebellion der nomadischen Tuareg 2012 den Norden des Landes am Rande der Sahara ĂŒberrannt hatten. Eine MilitĂ€rintervention der frĂŒheren Kolonialmacht Frankreich drĂ€ngte die teils mit den Terrormilizen IS und Al-Kaida verbĂŒndeten Islamisten nur vorĂŒbergehend zurĂŒck. Die Terrorgruppen breiten sich seitdem im Norden und Zentrum Malis und in seinen Nachbarstaaten aus.

Das MilitĂ€r ĂŒbernahm 2020 und 2021 in zwei Putschen die Macht in dem Sahelstaat mit rund 23 Millionen Einwohnern und wandte sich Russland zu, von dem es sich robustere Hilfe gegen die Islamisten versprach. WĂ€hrend die MilitĂ€rjunta nur von Ausbildern spricht, sind SchĂ€tzungen zufolge bis zu 2000 russische Wagner-Söldner im Land aktiv.

Frankreich beendete daraufhin seinen MilitĂ€reinsatz. Deutschland will seine Soldatinnen und Soldaten zum 31. Mai 2024 abziehen. Der Bundestag hatte Ende Mai das Mandat letztmalig verlĂ€ngert. Derzeit sind knapp 1100 Bundeswehrsoldaten in Mali. Die Bundeswehr wurde zuletzt immer wieder eingeschrĂ€nkt. So verweigerte Bamako etwa Fluggenehmigungen fĂŒr die von den Deutschen im UN-Auftrag betriebene AufklĂ€rungsdrohne Heron.

«Beziehungen seit der Ankunft der Russen verschlechtert»

Die Vereinten Nationen sind fĂŒr den Betrieb einer Friedensmission auf das EinverstĂ€ndnis des Landes angewiesen. Das Mandat der Minusma hĂ€tte vom UN-Sicherheitsrat bis zum 30. Juni um ein weiteres Jahr verlĂ€ngert werden mĂŒssen. Der Missionsleiter und Sonderbeauftragte des UN-GeneralsekretĂ€rs, El-Ghassim Wane, sagte im Sicherheitsrat, dass die Minusma alles daran gesetzt haben, ihr Mandat trotz der «vielfĂ€ltigen EinschrĂ€nkungen, denen sie ausgesetzt ist, darunter auch EinschrĂ€nkungen der Bewegungsfreiheit» bestmöglich umzusetzen.

«Die Beziehungen zwischen Mali und Minusma haben sich seit der Ankunft der Russen verschlechtert. Mali will nicht, dass die Minusma Menschenrechtsverletzungen der Armee und der Russen untersucht. Der Bericht zum Massaker in Moura hat das Tischtuch endgĂŒltig zerrissen», sagte der RegionalbĂŒroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ulf Laessing. Die UN erhoben im Mai schwere VorwĂŒrfe. Im Bericht war von mehr als 500 Toten, Hinrichtungen und Dutzenden Vergewaltigungen bei einem Einsatz der malischen Armee gegen Islamisten im MĂ€rz 2022 in dem Dorf in der Region Mopti die Rede. Zeugen schilderten demnach, dass auch «bewaffnete weiße MĂ€nner» vor Ort gewesen seien.

Schwierige Sicherheitslage

Malis Außenminister wies «die voreiligen Schlussfolgerungen des voreingenommenen Berichts» gestern erneut zurĂŒck. «Wir sehen in diesem Bericht eine echte Entschlossenheit einiger Staaten, unsere gemeinsame Organisation zu instrumentalisieren, um Mali fĂŒr seine souverĂ€nen Entscheidungen zu schaden oder gar zu bestrafen», sagte Diop. Die Junta hatte sich bereits im Mai scharf gewehrt und erklĂ€rt, Zivilisten aus Moura seien dabei nicht ums Leben gekommen.

Die Sicherheitslage vor allem im Zentrum des Landes hat sich seit dem Kurswechsel der Regierung nicht verbessert. Experten beobachten, dass hĂ€rteres Vorgehen den Islamisten mehr Zulauf verschafft. Im Rahmen der UN-Mission sind in Mali frĂŒheren Angaben zufolge noch rund 12.000 Soldaten eingesetzt. Die Deutschen sind hauptsĂ€chlich nahe der Stadt Gao im Nordosten des Landes im Einsatz, wo sich auch FlĂŒchtlingscamps mit Zehntausenden Menschen befinden. Mali gilt als gefĂ€hrlichste UN-Friedensmission. Seit 2013 starben rund 170 Blauhelme.

KAS-Experte Laessing sagte: «Der Abzug wĂŒrde die Sicherheitslage nochmal verschlechtern. Die Minusma baut auch Schulen, rĂŒstet Polizeistationen aus — sie ersetzt den Staat, der in der FlĂ€che nicht prĂ€sent ist. Tausende wĂŒrden ĂŒber Nacht arbeitslos, die sich mangels Alternativen Banditen oder Dschihadisten anschließen wĂŒrden.» Minusma sorge in StĂ€dten fĂŒr Sicherheit, in die etwa BinnenflĂŒchtlinge zögen um den Terrormilizen zu entkommen. «Die wĂŒrden dann weiter nach Niger und auf die Libyen-Route fliehen.»

@ dpa.de