Israel beharrt auf Evakuierung aus Nord-Gaza
14.10.2023 - 12:17:31Das israelische MilitĂ€r hat den Einwohnern des nördlichen Gazastreifens heute einen weiteren Zeitraum ohne Angriffe zugesichert, um sich in den SĂŒden der abgeriegelten KĂŒstenenklave zu begeben. Angesichts einer drohenden Bodenoffensive gegen die islamistische Hamas herrscht unter der palĂ€stinensischen Bevölkerung in dem dicht besiedelten Gebiet Angst und Verzweiflung. Seit dem beispiellosen Massaker an israelischen Zivilisten durch Terroristen vor genau einer Woche fliegt das israelische MilitĂ€r massive Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Dabei wurde nach Angaben des israelischen MilitĂ€rs einer der mutmaĂlichen Hamas-Drahtzieher der blutigen Angriffe getötet.
Nach dem Evakuierungsaufruf der israelischen Armee haben sich deren Angaben zufolge Hunderttausende im Gazastreifen auf den Weg Richtung SĂŒden gemacht. «Wir sind uns im Klaren, dass dies Zeit brauchen wird», sagte MilitĂ€rsprecher Richard Hecht. Die Hamas versuche auch, die Zivilisten aufzuhalten.
Neuer Zeitraum fĂŒr Evakuierung
Bewohner von Beit Hanun im Norden der KĂŒstenenklave sollten zwischen 10.00 Uhr und 16.00 Uhr (09.00 bis 15.00 Uhr MESZ) auf einer vorgegebenen Fluchtroute nach Chan Junis im SĂŒden gehen, wie ein Sprecher der Armee in arabischer Sprache auf der Plattform X (frĂŒher Twitter) mitteilte. DarĂŒber habe man die Bevölkerung auf verschiedenen Wegen unterrichtet - schon am Vortag seien zum Beispiel FlugblĂ€tter abgeworfen worden. Auf der Route sei in den angegeben Stunden Bewegung «ohne Schaden» möglich. Seit der Aufforderung zur Evakuierung haben sich nach SchĂ€tzungen der Vereinten Nationen bis Freitagabend bereits Zehntausende Menschen auf die Flucht begeben.
Die UN befĂŒrchten nach Angaben eines Sprechers eine «katastrophale Situation», sollte die Armee in das dicht besiedelte KĂŒstengebiet einmarschieren. Augenzeugen berichteten von Panik unter der Bevölkerung. Die UN forderten Israel auf, die Anweisung zur Evakuierung der etwa 1,1 Millionen Menschen zu widerrufen. UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres forderte sofortigen Zugang zum Gazastreifen fĂŒr humanitĂ€re Hilfe. «Auch Kriege haben Regeln», betonte er am Freitag in New York.
Menschen auf der Flucht
Im Gazastreifen machten sich Menschen in Autos, auf Lastwagen, mit Eselskarren und zu FuĂ auf der einzigen HauptstraĂe des Gebiets Richtung SĂŒden auf. Die dort herrschende Hamas versuchte, fliehende Zivilisten davon abzuhalten, dem israelischen Aufruf zur RĂ€umung des Nordens zu folgen. Sie sollten nicht auf die «Propagandanachrichten» reinfallen, hieĂ es.
Laut Hamas-Angaben sollen Luftangriffe der israelischen StreitkrĂ€fte 70 Menschen auf der Flucht in den SĂŒden des Gazastreifens getötet und 200 weitere verletzt haben. Die meisten Opfer seien Kinder und Frauen, erklĂ€rte ein Sprecher der Islamistenorganisation am Freitag. Drei Konvois seien bei dem «Massaker» getroffen worden. Die Angaben lieĂen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Vom israelischen MilitĂ€r gab es keine BestĂ€tigung. Die Berichte wĂŒrden geprĂŒft, hieĂ es dort.
MilitÀr: Weiterer Verantwortlicher des Hamas-Massakers tot
Israels Armee hat eigenen Angaben zufolge einen weiteren mutmaĂlich Verantwortlichen der Hamas-TerroranschlĂ€ge bei Luftangriffen im Gazastreifen getötet. Der Mann namens Ali al-Kadhi habe das Massaker in den israelischen Ortschaften im Grenzgebiet angefĂŒhrt, teilte das MilitĂ€r mit.
Das MilitĂ€r hatte zuvor bereits mitgeteilt, einen weiteren mutmaĂlich Verantwortlichen der Terrorattacken, Merad Abu Merad, getötet zu haben. Der Leiter des Hamas-LuftĂŒberwachungssystems in Gaza-Stadt sei maĂgeblich fĂŒr die Steuerung der Terroristen verantwortlich gewesen.
Israelische Vermisste tot gefunden
Neben Bombenangriffen auf Hamas-Ziele unternahm das israelische MilitĂ€r zudem erste begrenzte VorstöĂe in den Gazastreifen. Dabei hĂ€tten die Soldaten am Freitagabend Leichen vermisster Landsleute entdeckt, berichtete die Zeitung «Jerusalem Post». Angaben zur Anzahl gab es zunĂ€chst nicht. Laut einem israelischen Armeesprecher sei Ziel dieser EinsĂ€tze, «das Gebiet von Terroristen und Waffen zu sĂ€ubern». Dabei habe man auch versucht, Vermisste zu finden. Boden- und Panzertruppen hĂ€tten nach Spuren gesucht und «Terrorzellen ausgeschaltet».
Nach Angaben des militĂ€rischen Arms der Hamas sollen 13 der rund 150 aus Israel verschleppten Geiseln bei den israelischen Luftangriffen auf das KĂŒstengebiet getötet worden sein. Darunter seien auch auslĂ€ndische Staatsangehörige, behaupteten die Al-Kassam-Brigaden. Auch dies konnte nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden. Israels Armee wollte dem Bericht nach eigenen Angaben nachgehen.
Netanjahu: Erst der Anfang der Offensive gegen Hamas
Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu bezeichnete die derzeitigen Gegenangriffe im Gazastreifen nach dem Hamas-Terror mit Hunderten getöteten Israelis nur als «Anfang» der Offensive gegen die militanten Islamisten. «Wir werden die Hamas zerstören und gewinnen, aber es wird Zeit brauchen», sagte er am Freitagabend in einer Ansprache an die Nation. «Unsere Feinde haben gerade erst begonnen, den Preis zu zahlen. Ich werde unsere PlĂ€ne nicht nĂ€her erlĂ€utern, aber ich sage Ihnen, das ist erst der Anfang.» Das jĂŒdische Volk habe seit Jahrzehnten nicht mehr solche Schrecken erlebt, so Netanjahu.
Terroristen im Auftrag der Hamas hatten am Samstag vergangener Woche ein Massaker unter israelischen Zivilisten in Grenzorten und auf einem Musikfestival angerichtet - das schlimmste seit Israels StaatsgrĂŒndung. Mehr als 1300 Menschen kamen dabei ums Leben. Auch wurden mehr als 3000 Verletzte gemeldet. Die Zahl der bei israelischen Angriffen im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser ist auf 2215 gestiegen. Zudem seien 8714 Menschen verletzt worden, teilte das Gesundheitsministerium im Gazastreifen mit.
Kritik an Israels Evakuierungsaufruf
Saudi-Arabien und Ăgypten kritisierten den Aufruf des israelischen MilitĂ€rs zur Massenevakuierung des nördlichen Gazastreifens. Saudi-Arabien lehne die «Zwangsumsiedlung» ab, teilte das AuĂenministerium am Freitag mit. Alle Formen der militĂ€rischen Eskalation, die sich gegen Zivilisten richteten, mĂŒssten gestoppt werden. Das Ă€gyptische AuĂenministerium verurteilte die Anweisung zur Evakuierung der Gaza-Einwohner als «schwerwiegende Verletzung der Regeln des humanitĂ€ren Völkerrechts».
Medien: US-BĂŒrger dĂŒrfen heute von Gaza nach Ăgypten ausreisen
Die USA haben Medienberichten zufolge eine vorĂŒbergehende Ăffnung des GrenzĂŒbergangs Rafah von Gaza nach Ăgypten fĂŒr US-BĂŒrger ausgehandelt. Die israelische und die Ă€gyptische Regierung hĂ€tten zugestimmt, US-amerikanischen Staatsangehörigen am Samstag zwischen 12.00 und 17.00 Uhr Ortszeit (11.00 bis 16.00 Uhr MESZ) die Ausreise von Gaza nach Ăgypten zu gestatten, berichteten die Zeitungen «New York Times» und «Washington Post» unter Berufung auf einen hochrangigen Beamten des US-AuĂenministeriums. Unklar war, ob möglicherweise auch andere auslĂ€ndische Staatsangehörige die Grenze ĂŒberqueren könnten.

















