Trumps Tabubruch: Nationalgarde gegen Abschiebungs-Protest
08.06.2025 - 16:52:09Widerstand zwecklos, das ist die Botschaft von US-PrĂ€sident Donald Trump: Im demokratisch regierten Bundesstaat Kalifornien will der Republikaner sein Ziel der Massenabschiebung von AuslĂ€ndern ohne gĂŒltige Papiere mit Hilfe militĂ€rischer SicherheitskrĂ€fte durchsetzen. DafĂŒr bricht er auch mit dem Tabu, die Nationalgarde eines Bundesstaats nicht ohne die Einwilligung des jeweiligen Gouverneurs einzusetzen. Trump inszeniert sich als harter Sheriff und wirft den in Kalifornien verantwortlichen Demokraten vor, gemeinsame Sache mit Kriminellen zu machen.Â
Angesichts von vereinzelten Protesten gegen Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE im Raum Los Angeles seit Freitag befahl Trump den Einsatz von mindestens 2.000 Soldatinnen und Soldaten der Nationalgarde, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.Â
Seit 60 Jahren hat kein PrÀsident so auf Nationalgarde zugegriffen
Eine von der «New York Times» zitierte Expertin sagte, es sei das erste Mal seit 60 Jahren, dass der PrĂ€sident sich ohne Einwilligung eines Gouverneurs der Nationalgarde eines Bundesstaats bemĂ€chtigt. Das letzte Mal war demnach 1965, als PrĂ€sident Lyndon B. Johnson Soldaten einsetzte, um wĂ€hrend der BĂŒrgerrechtsbewegung im SĂŒdstaat Alabama die fast ausschlieĂlich schwarzen Demonstranten zu schĂŒtzen.Â
Kaliforniens demokratischer Gouverneur Gavin Newsom erklĂ€rte, Trump heize die Lage mit der Mobilisierung der Nationalgarde absichtlich an und nehme eine weitere Eskalation billigend in Kauf. Ein solcher Einsatz sei nicht Aufgabe der Nationalgarde «und wird das Vertrauen der Ăffentlichkeit erschĂŒttern». Es gebe keinen Mangel an SicherheitskrĂ€ften, die Regierung wolle «ein Spektakel» inszenieren. Er appellierte an die Demonstranten, friedlich zu bleiben und der Regierung keinen Vorwand zu bieten.
Verteidigungsminister droht mit MilitÀreinsatz
Trumps Regierung droht sogar bereits mit dem Einsatz der regulĂ€ren StreitkrĂ€fte im Innern. Das wĂ€re ein noch gröĂerer Tabubruch. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklĂ€rte, bei Bedarf könnten auch in Kalifornien stationierte Marineinfanteristen der StreitkrĂ€fte mobilisiert werden. «Sie sind in hoher Alarmbereitschaft», schrieb er auf der Plattform X. Newsom reagierte entsetzt darauf: Der Verteidigungsminister drohe damit, Soldaten «auf amerikanischem Boden gegen die eigenen BĂŒrger einzusetzen», schrieb er auf X. «Das ist geistesgestörtes Verhalten.»
Die am Freitag ausgebrochenen â und vereinzelt auch gewaltsamen â Proteste im Raum Los Angeles richteten sich gegen die SicherheitskrĂ€fte der US-Einwanderungsbehörde ICE, die Migranten ohne gĂŒltige Papiere festnahmen, um sie abzuschieben. Das WeiĂe Haus sprach von «normalen AbschiebeeinsĂ€tzen». Manche Demonstranten bewarfen die SicherheitskrĂ€fte unter anderem mit Steinen. Das Trump unterstellte US-Heimatschutzministerium sprach von einer massiven Eskalation.Â
Die SicherheitskrĂ€fte traten den Demonstranten in voller Montur mit Schutzschilden und Helmen entgegen, auch TrĂ€nengas wurde eingesetzt. Ărtlichen Medienberichten zufolge wurden vereinzelt auch Gummigeschosse und Rauchgranaten eingesetzt.Â
In der offiziellen Bekanntmachung des US-PrĂ€sidenten hieĂ es, die Nationalgarde werde 60 Tage im Einsatz sein oder so lange, wie es der Verteidigungsminister fĂŒr nötig halte. Der Minister dĂŒrfe im Bedarfsfall auch Angehörige des regulĂ€ren US-MilitĂ€rs «in einer von ihm als angemessen erachteten GröĂenordnung» einsetzen, hieĂ es dort weiter. Die Soldaten sollten der «Gesetzlosigkeit» im Raum Los Angeles ein Ende bereiten, erklĂ€rte die Sprecherin des WeiĂen Hauses, Karoline Leavitt. Das US-MilitĂ€r teilte am Vormittag (Ortszeit) mit, erste Soldaten seien im Raum Los Angeles angekommen. Um die 300 Soldaten wĂŒrden an drei verschiedenen Orten eingesetzt, um Eigentum und Personal des Bundes zu schĂŒtzen.Â
Hoheit ĂŒber Nationalgarde liegt bei den Bundesstaaten
In den USA haben im Normalfall die Bundesstaaten die Kontrolle ĂŒber die Nationalgarde. Die Nationalgarde ist eine militĂ€rische Reserveeinheit und Teil der US-StreitkrĂ€fte. Jeder Bundesstaat hat seine eigene Nationalgarde, die bei WaldbrĂ€nden, WirbelstĂŒrmen, Ăberflutungen oder Unruhen im Inneren eingesetzt werden kann. Sie steht dann unter dem Befehl des jeweiligen Gouverneurs. Kommt es zum Krieg oder zu nationalen NotfĂ€llen, kann der US-PrĂ€sident das Kommando ĂŒbernehmen. Insgesamt verfĂŒgen die USA ĂŒber mehr als 325.000 Nationalgardisten.
US-Senator spricht von «beispiellosem» SchrittÂ
Einer der beiden kalifornischen US-Senatoren, Adam Schiff, nannte den Einsatz der Nationalgarde gegen den Willen des Gouverneurs «beispiellos». Damit solle Chaos gestiftet und eine Eskalation herbeigefĂŒhrt werden. Er forderte ein Ende der Gewalt â es gebe nichts, «was PrĂ€sident Trump sich mehr wĂŒnschen wĂŒrde, als gewaltsame ZusammenstöĂe mit Demonstranten», um den Einsatz des MilitĂ€rs oder eine Form des Kriegsrechts zu rechtfertigen, warnte Schiff auf X.
Trump verunglimpft kalifornischen Gouverneur
Unmittelbar vor dem Beschluss des WeiĂen Hauses hatte Trump bereits eine Drohung losgelassen: Wenn Gouverneur Newsom und die BĂŒrgermeisterin von Los Angeles, Karen Bass, ihre Jobs nicht ordentlich machten, werde die Regierung einschreiten und das Problem mit «Unruhen und PlĂŒnderern» lösen. Anstatt den korrekten Nachnamen des Gouverneurs zu nutzen, bezeichnete Trump ihn in seinem Post auf der Plattform Truth Social als «Newscum» â ein Wortspiel mit dem englischen Begriff «scum», der auf Deutsch «Abschaum» bedeutet.
Die Verunglimpfung des demokratischen Gouverneurs weist auch auf die politische Dimension des Falls hin: Newsom ist nicht nur einer der prominentesten Demokraten, er gilt auch als möglicher Interessent fĂŒr die PrĂ€sidentschaftskandidatur seiner Partei bei der Wahl 2028. Und: Newsom regiert einen enorm wirtschaftsstarken Bundesstaat mit knapp 40 Millionen Einwohnern â das ist mehr als ein Zehntel der US-Bevölkerung.
Erst am Freitag hatte Newsom auf der Plattform X Trump offen herausgefordert. Nach Berichten, wonach die Regierung Milliarden Fördermittel fĂŒr Projekte im demokratischen Kalifornien streichen wolle, schrieb er, Kalifornier zahlten die Rechnungen der Bundesregierung. Die BĂŒrger zahlten gut 80 Milliarden Dollar mehr Steuern an Washington, als das Land zurĂŒckbekomme. «Vielleicht ist es Zeit, damit aufzuhören, @realDonaldTrump» schrieb er an Trump gerichtet.Â
Eskalation in Kalifornien bietet Ablenkung von Streit mit Musk
Trump hat auch mit dem Versprechen von Massenabschiebungen die Wahl gewonnen. AuslĂ€nder ohne gĂŒltige Papiere will er unbedingt abschieben â und bricht dafĂŒr auch manches Tabu. Der Fokus auf die Situation in Kalifornien könnte ihm zudem politisch gelegen kommen, denn seit Tagen muss er immer wieder Fragen zu seinem öffentlichen ZerwĂŒrfnis mit Tech-MilliardĂ€r Elon Musk beantworten und sieht sich mit Kritik an seinem Steuer- und Haushaltsgesetz konfrontiert.
«Gewaltsamer Aufstand» gegen die Staatsgewalt?
Die BĂŒrgermeisterin von Los Angeles, Karen Bass, und die örtliche Polizei distanzierten sich von den ICE-EinsĂ€tzen. Sie wollen wie gehabt in ihrem ZustĂ€ndigkeitsbereich nicht mit der Bundesbehörde zusammenarbeiten, um normale Abschiebungen zu ermöglichen. So verhalten sich viele von Demokraten kontrollierte Stadtverwaltungen in den USA.Â
Nach Darstellung des US-Heimatschutzministeriums griffen am Freitag rund 1.000 Demonstranten ICE-Beamte an. Die örtliche Polizei sei erst nach zwei Stunden eingeschritten, kritisierte das Ministerium. Im Laufe der Woche seien in Los Angeles 118 AuslĂ€nder ohne gĂŒltigen Aufenthaltstitel festgenommen worden, darunter Gangmitglieder und Vorbestrafte.Â
Justizministerin Pam Bondi warnte auf X, wer SicherheitskrĂ€fte behindere oder angreife, mĂŒsse mit Strafverfolgung rechnen. Auch FBI-Direktor Kash Patel drohte mit einem Einsatz seiner Agenten.













