Tschechien: Opposition behauptet Mehrheit im Senat trotz ANO-Sieg bei Kommunalwahl
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 08:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie liberale und konservative Opposition in Tschechien hat bei der Senatswahl einen Achtungserfolg erzielt und ihre Mehrheit in der Parlamentskammer bereits gesichert.
FĂŒnf Mandate im ersten Wahlgang
Nach dem am Sonntag veröffentlichten vorlĂ€ufigen Endergebnis errangen fĂŒnf Oppositionskandidaten schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Ăber die ĂŒbrigen frei werdenden Mandate entscheiden Stichwahlen am 16. und 17. Oktober. Die rechtspopulistische Partei ANO von Regierungschef Andrej Babis schickt 13 Kandidaten in die zweite Runde.
Zur Wahl stand wie alle zwei Jahre nur ein Drittel der insgesamt 81 Sitze im Senat. Die Kammer kann GesetzesÀnderungen verzögern und VerfassungsÀnderungen verhindern. Deshalb gilt sie als Gegengewicht zum von den rechten Regierungsparteien dominierten Abgeordnetenhaus.
ANO gewinnt Kommunalwahlen
Bei den parallel abgehaltenen Kommunalwahlen blieb ANO die stÀrkste Partei. Sie kam nach dem vorlÀufigen amtlichen Endergebnis auf knapp 13,3 Prozent der Stimmen, nach 16,6 Prozent im Jahr 2022.
âDiese Wahlen haben bestĂ€tigt, dass die ANO-Bewegung die stĂ€rkste politische Kraft des Landes ist, und zwar de facto auf allen Ebenen mit Ausnahme des Senatsâ, sagte Babis. Zugleich warf der 72-JĂ€hrige den Medien vor, Unwahrheiten zu verbreiten, unter anderem ĂŒber die zweithöchste Neuverschuldung in der Geschichte des EU- und Nato-Mitglieds.
Unterschiede zwischen den StÀdten
Die meisten Mandate in den Stadt- und GemeinderĂ€ten gingen an unabhĂ€ngige Kandidaten. Unter den Oppositionsparteien schnitten die BĂŒrgermeisterpartei STAN, die Christdemokraten KDU-CSL und die BĂŒrgerdemokraten ODS am besten ab.
Prag bestĂ€tigte seinen Ruf als liberale Hochburg der Opposition. In ĂstĂ nad Labem nahe der Grenze zu Sachsen verlor ANO das Rathaus an eine lokale WĂ€hlervereinigung. In Pilsen und Ostrava siegte die Regierungspartei dagegen klar. Im Mittelpunkt des Wahlkampfs standen Wohnungsnot sowie Gesundheits- und Verkehrspolitik.
Erster Stimmungstest fĂŒr die Regierung
Die Beteiligung lag bei der Kommunalwahl bei 48 Prozent und bei der Senatswahl bei 43,3 Prozent. Beide Abstimmungen galten als erster Stimmungstest fĂŒr die Regierung von Babis seit ihrem Amtsantritt im Dezember.
ANO regiert mit den Kleinparteien Motoristen und Freiheit und direkte Demokratie. Transparency International kritisiert wiederholt einen möglichen Interessenkonflikt Babis' als Regierungschef und GrĂŒnder eines groĂen Firmengeflechts. Zuletzt stieĂ auch der Plan des Kabinetts auf Kritik, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kĂŒnftig direkt aus dem Staatshaushalt statt ĂŒber RundfunkgebĂŒhren zu finanzieren.
Senat als institutionelles Gegengewicht
Der Ausgang der Senatswahl verĂ€ndert das Machtzentrum in Prag nicht grundsĂ€tzlich: Die Regierungsparteien verfĂŒgen im Abgeordnetenhaus ĂŒber die politische Initiative, wĂ€hrend die Opposition im Senat ihre Mehrheit behauptet. Weil nur ein Drittel der 81 Sitze zur Wahl stand, ging es nicht um einen vollstĂ€ndigen Wechsel der Kammer, sondern um die StabilitĂ€t ihrer bisherigen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse.
Der Senat kann Gesetzesvorhaben verzögern und VerfassungsĂ€nderungen blockieren. Dadurch erhĂ€lt die Opposition ein institutionelles Instrument, auch wenn sie bei landesweiten Wahlen derzeit hinter der ANO zurĂŒckliegt. FĂŒr die Regierung bedeutet das, dass besonders weitreichende Vorhaben zusĂ€tzliche Verhandlungen oder Kompromisse erfordern können.
Signal ĂŒber die Regierungspartei hinaus
Die Kommunalwahlergebnisse zeichnen ein differenzierteres Bild. ANO bleibt landesweit die stĂ€rkste politische Kraft, verliert gegenĂŒber 2022 jedoch Stimmenanteile. Zugleich zeigen die Resultate in Prag und ĂstĂ nad Labem, dass lokale BĂŒndnisse und oppositionelle Parteien in wichtigen StĂ€dten konkurrenzfĂ€hig bleiben.
FĂŒr die Regierung ist die Abstimmung deshalb mehr als eine Momentaufnahme: Sie liefert Hinweise darauf, wie stark nationale Politik, kommunale Sachthemen und die Bewertung des Regierungsstarts ineinandergreifen. Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Verkehr betreffen den Alltag unmittelbar. Die Stichwahlen am 16. und 17. Oktober entscheiden, wie groĂ der oppositionelle Erfolg im Senat tatsĂ€chlich ausfĂ€llt.

