Tschechien: Opposition hÀlt Mehrheit im Senat trotz ANO-Erfolg bei Kommunalwahl
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 21:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie liberale und konservative Opposition hat bei der Senatswahl in Tschechien einen ĂŒberraschenden Achtungserfolg erzielt und ihre Mehrheit im Oberhaus verteidigt.
FĂŒnf Mandate im ersten Wahlgang
FĂŒnf Oppositionskandidaten errangen nach der AuszĂ€hlung von mehr als 90 Prozent der Wahlbezirke bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Ăber die ĂŒbrigen frei werdenden Mandate entscheiden Stichwahlen in der kommenden Woche.
Die rechtspopulistische Partei ANO von Regierungschef und MilliardÀr Andrej Babis schickt die meisten Kandidaten in die zweite Runde. UnabhÀngig vom Ausgang der Stichwahlen steht bereits fest, dass die Opposition ihre Mehrheit im 81 Sitze umfassenden Senat halten kann.
Oberhaus als Gegengewicht
Der Senat bildet damit weiterhin ein Gegengewicht zum von den rechten Regierungsparteien dominierten Abgeordnetenhaus. Zur Wahl stand wie alle zwei Jahre lediglich ein Drittel der Senatssitze.
Die Kammer kann GesetzesĂ€nderungen verzögern und VerfassungsĂ€nderungen verhindern. Politologen bezeichnen sie deshalb als «demokratische RĂŒckversicherung».
ANO bleibt bei Kommunalwahl stÀrkste Kraft
Bei den ebenfalls am Samstag beendeten Kommunalwahlen knĂŒpfte die ANO nach dem Teilergebnis an ihren Erfolg von vor vier Jahren an. Nach der AuszĂ€hlung von 85 Prozent der Wahlbezirke kam sie auf rund 13 Prozent der Stimmen, nach 16,60 Prozent im Jahr 2022.
«Diese Wahlen haben bestĂ€tigt, dass die ANO-Bewegung die stĂ€rkste politische Kraft des Landes ist, und zwar de facto auf allen Ebenen mit Ausnahme des Senats», sagte Babis. Zugleich warf er den Medien vor, Unwahrheiten zu verbreiten, unter anderem ĂŒber die zweithöchste Neuverschuldung in der Geschichte des Landes.
UnabhÀngige Kandidaten vorn
Die meisten Mandate in den Stadt- und GemeinderĂ€ten gingen an unabhĂ€ngige Kandidaten. Unter den Oppositionsparteien schnitten die BĂŒrgermeisterpartei STAN, die Christdemokraten KDU-CSL und die BĂŒrgerdemokraten ODS am besten ab.
Prag bestÀtigte nach dem Teilergebnis seinen Ruf als liberale Hochburg der Opposition. In Pilsen und Ostrava siegte dagegen klar die ANO. Die vollstÀndigen Ergebnisse werden voraussichtlich erst am Sonntag vorliegen.
Erster Stimmungstest fĂŒr die Regierung
Die beiden Abstimmungen galten als erster Stimmungstest fĂŒr die seit Dezember amtierende Regierung unter Babis. Seine ANO regiert zusammen mit den Kleinparteien Motoristen und Freiheit und direkte Demokratie.
Organisationen wie Transparency International kritisieren wiederholt einen möglichen Interessenkonflikt Babis' als Regierungschef und GrĂŒnder eines groĂen Firmengeflechts. Auch das Vorhaben der Regierung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kĂŒnftig direkt aus dem Staatshaushalt statt ĂŒber RundfunkgebĂŒhren zu finanzieren, stieĂ zuletzt auf Kritik.
Senat als institutionelles Gegengewicht
Der Wahlausgang bestÀtigt die besondere Rolle des tschechischen Senats im politischen System. Anders als das Abgeordnetenhaus wird die Kammer nicht vollstÀndig auf einmal gewÀhlt, sondern schrittweise erneuert. Dadurch können politische Mehrheiten im Oberhaus stabiler bleiben, selbst wenn sich die KrÀfteverhÀltnisse bei Parlaments- oder Kommunalwahlen verÀndern.
Die Senatsmehrheit der Opposition begrenzt den Handlungsspielraum der Regierung insbesondere bei VerfassungsĂ€nderungen. Auch wenn der Senat Gesetzesvorhaben in vielen FĂ€llen nicht dauerhaft blockieren kann, ermöglicht er Verzögerungen, PrĂŒfungen und öffentliche Auseinandersetzungen. FĂŒr die Regierung ist das deshalb ein institutionelles Korrektiv, nicht aber automatisch ein Machtwechsel.
Kommunalwahl mit anderer Aussage
Das starke Abschneiden der ANO bei den Kommunalwahlen weist zugleich auf die doppelte Bedeutung des Wahlabends hin. Auf lokaler Ebene zÀhlen neben der nationalen Parteibindung auch bekannte Kandidaten, kommunale Netzwerke und konkrete Themen wie Verkehr, Wohnraum oder die Entwicklung der StÀdte. Der Erfolg der ANO zeigt daher ihre breite politische Verankerung, wÀhrend die Senatsresultate die Grenzen dieser Dominanz sichtbar machen.
FĂŒr die Regierung dĂŒrfte entscheidend sein, ob sie aus dem Ergebnis UnterstĂŒtzung fĂŒr ihre Politik ableiten kann, ohne die Konflikte mit dem Senat zu verschĂ€rfen. Die anstehenden Stichwahlen können die genaue StĂ€rke der einzelnen Lager noch verĂ€ndern; die oppositionelle Mehrheit im Oberhaus bleibt nach dem dpa-Bericht jedoch bestehen.

