Nancy Faeser, Deutschland

Migration: Faeser bietet Tunesien Kooperation an

19.06.2023 - 16:14:16

Tunesien soll bei Abschiebungen besser kooperieren und Schleusern das Handwerk legen. Doch Faeser weiß, dass sie den Tunesiern auch etwas anbieten muss. Mit mehr Arbeitsvisa wird es wohl nicht getan sein.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat in Tunesien Möglichkeiten fĂŒr eine kĂŒnftige Vereinbarung zu Migrationsfragen ausgelotet. Mit Blick auf die gefĂ€hrlichen Überfahrten mit Schlepperbooten sagte die SPD-Politikerin in der Hauptstadt Tunis, ihr gehe es auch darum, «das furchtbare Sterben im Mittelmeer zu beenden».

Zuvor hatte Faeser GesprĂ€che mit Innenressortchef Kamel Fekih und PrĂ€sident Kais Saied gefĂŒhrt. Dabei sei es gelungen, «Arbeitsstrukturen» zu etablieren, sagte Faeser. Nach Angaben aus Teilnehmerkreisen kamen auch Menschenrechtsfragen zur Sprache.

Aus den Reihen der GrĂŒnen war vergangene Woche Kritik an der geplanten Reform des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems gekommen. Ein Argument, das dabei mehrfach fiel: Tunesien dĂŒrfe nicht als sogenannter sicherer Drittstaat angesehen werden, also ein Staat, in dem die Rechte von FlĂŒchtlingen gewahrt sind.

Anstieg der Migranten

Hintergrund des Besuchs von Faeser ist ein sprunghafter Anstieg der Zahl der Migranten, die in Booten Marke Eigenbau von Tunesien nach Europa aufbrechen, in der ersten JahreshĂ€lfte. Ein Grund dafĂŒr waren nach EinschĂ€tzung der Bundespolizei Äußerungen von PrĂ€sident Saied, die im Februar zu einer Welle von Gewalt und Schikanen gegen AuslĂ€nder aus afrikanischen Staaten sĂŒdlich der Sahara gefĂŒhrt hatten. Aber auch die Wirtschaftskrise in Tunesien trieb viele Menschen in die Boote. Die Anerkennungsquote fĂŒr Asylbewerber aus Tunesien lag zuletzt unter zwei Prozent.

Beamte der Bundespolizei, die in Tunesien seit 2015 ein Projekt fĂŒr die Ausbildung und AusrĂŒstung der SicherheitskrĂ€fte hat, hatten der Ministerin am Sonntagabend berichtet, in den Tagen nach der Rede des PrĂ€sidenten hĂ€tten sich praktisch keine Migranten aus diesen LĂ€ndern mehr auf die Straße gewagt. SpĂ€ter habe sich die Situation dann wieder entspannt.

Faeser betonte, es gehe ihr einerseits darum, Abschiebungen in das arabische Land zu erleichtern. Andererseits soll es fĂŒr tunesische ArbeitskrĂ€fte mehr Möglichkeiten der Erwerbsmigration nach Deutschland geben. Faeser besucht Tunesien gemeinsam mit ihrem französischen Amtskollegen GĂ©rald Darmanin. Die frĂŒhere Kolonialmacht Frankreich hat traditionell enge Beziehungen zu Tunesien. Im vergangenen Jahr war allerdings nicht Frankreich, sondern Italien der wichtigste Handelspartner Tunesiens.

Tunesien als Transitland

Tunesien gehört aktuell neben Belarus zu den wichtigsten TransitlĂ€ndern fĂŒr irregulĂ€re Migration nach Europa. Allein in den ersten fĂŒnf Monaten kamen nach Kenntnis der Bundespolizei rund 26.000 Menschen auf diesem Weg, nach rund 4000 Bootsmigranten im Vorjahreszeitraum. Unter den irregulĂ€ren Migranten sind auch Tunesier, die auf ein besseres Leben in Europa hoffen.

Mit Indien hatte die Bundesregierung Ende 2022 ein sogenanntes Migrationsabkommen vereinbart. Georgien und Moldau sollen demnÀchst folgen - auch wenn die in der Bundesregierung besprochene Einstufung dieser beiden Staaten als sogenannte sichere HerkunftslÀnder noch etwas lÀnger dauern könnte.

Tunesien war einst die Wiege des sogenannten Arabischen FrĂŒhlings, einer Serie von AufstĂ€nden, durch die 2011 mehrere langjĂ€hrige arabische Machthaber hinweggefegt wurden. Der frĂŒhere tunesische PrĂ€sident Zine al-Abidine Ben Ali floh damals nach Saudi-Arabien. Nach anfĂ€nglichen demokratischen Fortschritten machte sich in Tunesien ErnĂŒchterung breit, unter anderem wegen der nach wie vor hohen Jugendarbeitslosigkeit. Tunesien braucht zudem Devisen und wirbt um auslĂ€ndische Investitionen.

Vor einer Woche war EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen in Tunis. Sie stellte dem unter wirtschaftlichen Problemen leidenden Land zusÀtzliche Finanzhilfen in Höhe von bis zu 900 Millionen Euro in Aussicht. An den Treffen nahmen auch Italiens MinisterprÀsidentin Giorgia Meloni und der niederlÀndische Regierungschef Mark Rutte teil.

@ dpa.de