Ukraine: Russland greift trotz Trumps Waffenruhe Kraftwerk an
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 02:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Charkiw meldet Verletzte und Kraftwerkstreffer
- Trump verkündet am Sonntagnachmittag eine sofortige Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen in Russland und der Ukraine.
- Nach ukrainischen Angaben werden bei russischen Drohnen- und Gleitbombenangriffen auf Charkiw sechs Menschen verletzt.
- Die EU-Außenminister wollen knapp 1.600 weitere mit Russlands Militärkomplex verbundene Akteure sanktionieren.
Die ukrainische Führung wirft Russland vor, die von US-Präsident Donald Trump verkündete begrenzte Waffenruhe unmittelbar gebrochen zu haben.
Ukraine verlangt Zustimmung Moskaus
Außenminister Andrij Sybiha sprach von einem klaren Verstoß gegen die Feuerpause, die nach Trumps Ankündigung vom Sonntagnachmittag mit sofortiger Wirkung für beide Kriegsparteien gelten sollte.
Nach ukrainischen Angaben griff das russische Militär Charkiw im Osten des Landes mit Drohnen und Gleitbomben an. Dabei wurden demnach sechs Menschen verletzt; Selenskyj berichtete außerdem von einem Treffer in einem Heizkraftwerk.
Selenskyj reagiert zunächst überrascht
Von russischer Seite lag bis zum frühen Morgen keine Reaktion vor. Selenskyj erklärte später, die Ukraine sei zu einer zunächst auf den Energiesektor begrenzten Waffenruhe bereit, benötige dafür aber die Zustimmung Russlands und eine Vereinbarung mit den USA.
„Die Ukraine will Frieden - die Frage ist, ob Russland ihn will“, sagte der ukrainische Präsident in seiner abendlichen Videoansprache. Er warf Kremlchef Wladimir Putin vor, frühere Vorschläge zur Deeskalation stets abgelehnt zu haben.
EU bereitet neue Sanktionen vor
Die EU-Außenminister wollen nach Angaben von EU-Beamten knapp 1.600 weitere Personen und Organisationen mit Verbindungen zum militärisch-industriellen Komplex Russlands sanktionieren. Zusätzlich sollen Strafmaßnahmen gegen 77 Akteure folgen, die an der Ausrichtung von Parlamentswahlen in besetzten ukrainischen Gebieten beteiligt gewesen seien.
Die Maßnahmen sehen in der Regel Reisebeschränkungen, das Einfrieren von Vermögenswerten sowie ein Verbot der Bereitstellung von Geldern und wirtschaftlichen Ressourcen vor.
Streit über Raffinerien und Diesel
Trump fordert von der Ukraine, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, und macht sie für eine weltweite Dieselknappheit mitverantwortlich. Ein ukrainischer Regierungsbeamter erklärte dagegen, ein solcher Verzicht würde Russland wegen seines größeren Raffinerienetzes bevorteilen.
Auch republikanische US-Senatoren kritisieren Trumps geplante Dieselimporte aus Russland. Sie verweisen auf ein Gesetz aus dem Jahr 2022, das die Einfuhr russischer Energieträger untersagt.
Neue Drohnenangriffe gemeldet
Ukrainische Drohnen legten am Abend den Flugbetrieb an mehreren Moskauer Flughäfen vorübergehend lahm. Nach russischen Angaben wurden mindestens 25 anfliegende Maschinen umgeleitet; Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach von 23 abgeschossenen Drohnen.
Bei einem russischen Angriff auf Iwano-Frankiwsk in der Westukraine wurden nach Angaben des Bürgermeisters mindestens drei Soldaten getötet und drei weitere verletzt.
Eine Waffenruhe ohne gemeinsame Grundlage
Die angekündigte Feuerpause beschränkt sich auf Energieanlagen und ist damit deutlich enger als ein umfassender Waffenstillstand. Für die Zivilbevölkerung wäre sie dennoch relevant, weil Angriffe auf Kraftwerke, Heizwerke und Stromnetze unmittelbar die Versorgung im Winter gefährden.
Politisch zeigt der Vorgang ein grundlegendes Problem der amerikanischen Vermittlung: Eine öffentliche Ankündigung ersetzt keine gemeinsam ausgehandelte Vereinbarung. Kiew erklärt sich grundsätzlich bereit, verlangt aber eine Zustimmung Moskaus, klare Details und Gegenseitigkeit. Der gemeldete Angriff kurz nach Trumps Erklärung verschärft genau diese offene Frage.
Druck auf Kiew und Moskau
Selenskyjs Kritik richtet sich nicht nur gegen den Angriff, sondern auch gegen die aus seiner Sicht unzureichende Einflussnahme Washingtons auf den Kreml. Zugleich setzt Trump die Ukraine unter Druck, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Damit verknüpft sich die Waffenruhe mit Energiepreisen, Sanktionen und amerikanischer Innenpolitik.
Für Europa erhöht die Entwicklung den Handlungsdruck. Die geplanten EU-Sanktionen sollen Russlands militärisch-industrielle Basis treffen, während die Ukraine zugleich kurzfristig Luftverteidigung und Schutz ihrer Energieinfrastruktur benötigt. Entscheidend bleibt, ob aus der politischen Ankündigung ein überprüfbarer Mechanismus mit klaren Regeln und Reaktionen auf Verstöße entsteht.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Trump meldet "Energie-Waffenruhe" zwischen Russland und Ukraine“ (11.10.2026)
Der Bericht bestätige Trumps sofortige Ankündigung und hebe hervor, dass weder Kiew noch Moskau sie zunächst bestätigt hätten. Er stelle zudem die Vorgeschichte heraus: Nach einer ähnlichen Erklärung im September seien die Angriffe fortgesetzt worden, während Selenskyj nun Details und die Zustimmung Russlands verlange.
Der Artikel bestätige ebenfalls die Ankündigung und die anschließenden Angriffe auf ukrainische Energieanlagen. Anders als der tagesschau-Bericht richte er den Schwerpunkt stärker auf die Überraschung in Kiew und Moskau sowie auf den Zusammenhang mit Trumps Dieseldeal; offen bleibe, wie verbindlich die Erklärung tatsächlich sei.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass Trump eine sofortige Energie-Waffenruhe verkündet habe und eine gemeinsame Bestätigung der Kriegsparteien zunächst fehle. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Schwerpunkt: Während tagesschau.de die diplomatischen Bedingungen und die Vorgeschichte betone, rücke die Frankfurter Rundschau die unmittelbar gemeldeten Angriffe und den Energiehandel stärker in den Mittelpunkt.

