Schicksalstage fĂŒr die Ukraine: Wie kann Europa noch helfen?
23.11.2025 - 04:47:43Der Ernst der Lage ist herauszuhören, als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Johannesburg beim G20-Gipfel vor die Kameras tritt. Kurz vorher hat er mit den europĂ€ischen Staats- und Regierungschefs ĂŒber die Friedensinitiative von US-PrĂ€sident Donald Trump beraten. Ăber jenen Plan, der nicht nur den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj, sondern auch seine europĂ€ischen VerbĂŒndeten schockiert. Japan und Kanada reihen sich ein. Es sind quasi alle zusammengetrommelt, die die Ukraine in der entscheidenden Phase des Abwehrkampfes gegen Russland nicht im Stich lassen wollen.Â
Es geht darum, den fĂŒr die Ukraine schlichtweg inakzeptablen Friedensplan vielleicht doch noch in die richtige Spur zu bringen. Und das unter massivem Zeitdruck. Bis Donnerstag will Trump ein Ergebnis. Sein Vorschlag sieht zum Beispiel vor, dass die Ukraine auch bislang noch verteidigte Gebiete an Russland abtritt, ihre militĂ€rischen FĂ€higkeiten beschrĂ€nkt und die Nato einen Verzicht auf jegliche Erweiterung erklĂ€rt. Das kĂ€me einer Kapitulation gleich.
Erzwungene Kapitulation, diktierter Frieden?
FĂŒr die EuropĂ€er ist der Umgang mit dem amerikanischen Plan ein hochriskanter Drahtseilakt. Sie sehen das groĂe Risiko, dass sich die Sicherheitslage fĂŒr sie noch einmal verschlimmern könnte, sollten dem Aggressor Russland nun weitreichende ZugestĂ€ndnisse gemacht werden.
Zugleich sind viele Staats- und Regierungschefs zu Hause mit kriegsmĂŒden WĂ€hlerinnen und WĂ€hlern konfrontiert, die die kostspielige UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine mehr und mehr infrage stellen. Mittlerweile wurden von der EuropĂ€ischen Union und den Mitgliedstaaten knapp 190 Milliarden Euro mobilisiert.Â
Kritisch wird auch gesehen, dass seit einer Lockerung von ReisebeschrĂ€nkungen zahlreiche junge ukrainische MĂ€nner ihre Heimat in Richtung EU verlassen, um nicht zum MilitĂ€rdienst eingezogen zu werden. Warum soll man das Land weiter unterstĂŒtzen, wenn nicht einmal junge Ukrainer fĂŒr die Zukunft ihres Landes kĂ€mpfen wollen, lautet die Frage.Â
Kaum Druckmittel gegen Trump
Problem fĂŒr die EuropĂ€er ist, dass sie gegen US-PrĂ€sident Trump kaum Druckmittel in der Hand haben. Etliche Spitzenpolitiker haben in der Vergangenheit offen zugegeben, dass der Versuch, die Ukraine ohne die USA zu unterstĂŒtzen, vermutlich aussichtslos wĂ€re. Ganz einfach, weil dafĂŒr die notwendigen militĂ€rischen FĂ€higkeiten fehlten. So gelten zum Beispiel amerikanische Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot auf absehbare Zeit als unverzichtbar, um den ukrainischen Luftraum gegen russische Drohnen und Raketenangriffe zu verteidigen. Ăhnliches gilt fĂŒr die US-Geheimdienstinformationen und weitreichende Raketenwerfer.
Hinzu kommt, dass der kostspielige und riskante Versuch, es doch zu versuchen, der Bevölkerung in etlichen LĂ€ndern vermutlich sehr schwer zu vermitteln wĂ€re. Innerhalb der EU können weitreichende PlĂ€ne fĂŒr mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine schon heute nicht mehr durchgesetzt werden, weil sie eine einstimmige Zustimmung erfordern und LĂ€nder wie Ungarn und die Slowakei blockieren.
EuropÀer wollen Trump zum Umdenken bringen
Die EuropĂ€er wollen deswegen nun versuchen, Trump davon zu ĂŒberzeugen, dass die Umsetzung des vorliegenden Plans auch fĂŒr Amerika eine brandgefĂ€hrliche Sache wĂ€re. Dabei können sie etwa argumentieren, dass sie China motivieren könnte, sich gewaltsam Taiwan einzuverleiben.
Hoffnung ist dabei, dass es so laufen könnte wie im Sommer. Auch damals hatte es nach dem persönlichen Treffen von Trump und Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin in Alaska schon die groĂe BefĂŒrchtung gegeben, dass der Ukraine eine Zustimmung zu einem Friedensvertrag aufgezwungen wird. Die EuropĂ€er schafften es dann aber, Trump zu einem Umdenken zu bringen. Ein geplantes zweites Treffen in Budapest kam bislang nicht zustande. Stattdessen lieĂ Trump sogar neue Sanktionen gegen russische Energieunternehmen verhĂ€ngen.
WidersprĂŒche bei Urheberschaft des Plans
In der Nacht kam es zu einem ungewöhnlichen öffentlichen Widerspruch ĂŒber die Urheberschaft des Plans. Zwei US-Senatoren erklĂ€rten, AuĂenminister Marco Rubio habe sie in einem Telefonat unterrichtet, dass der Plan gar nicht in Washington entstanden sei. Der republikanische Senator Mike Rounds erklĂ€rte, der Plan sei von einem ReprĂ€sentanten Russlands an die US-Regierung herangetragen worden. Der parteilose Senator Angus King sagte unter Berufung auf das GesprĂ€ch mit Rubio, der Plan sei «im Wesentlichen die Wunschliste der Russen».
Kurze Zeit spĂ€ter widersprach ihnen der Minister aber auf der Plattform X und betonte, dass die USA Urheber des Plans seien. Dieser diene «als solider Rahmen fĂŒr die laufenden Verhandlungen». Er sei von den USA erstellt worden und basiere auf «Anregungen der russischen Seite, aber auch auf frĂŒheren und aktuellen BeitrĂ€gen der Ukraine», schrieb Rubio.
Erste Kontaktaufnahme am Sonntag
Aber wie geht es nun konkret weiter? Heute gibt es die erste direkte Kontaktaufnahme zwischen den USA und der Ukraine und ihren wichtigsten europĂ€ischen VerbĂŒndeten auf Ebene der auĂenpolitischen Berater der Staats- und Regierungschefs. FĂŒr Deutschland reist Merz' Top-Diplomat GĂŒnter Sautter nach Genf. Zuvor hatte am Abend der Nationale Sicherheitsrat unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers zum Thema Ukraine getagt, wie Regierungssprecher Stefan Kornelius mitteilte. GroĂbritannien und Frankreich sind in Genf auch dabei, auĂerdem die EU-Kommission und wohl auch Italien.
Nach diesem Treffen wird man etwas klarer sehen, ob es Chancen gibt, die US-Friedensinitiative auf ein breiteres Fundament zu stellen, das auch die EuropĂ€er mittragen können. Sie gehen vorbereitet in das Treffen und haben am Samstag ĂnderungsvorschlĂ€ge nach Washington geschickt.Â
Es liegen also zwei Dokumente auf dem Tisch, wenn am Sonntag die Verhandlungen in Genf beginnen. Dann bleiben bis zu der von Trump gesetzten Frist nur noch vier Tage Zeit. Einen Hoffnungsschimmer gab es am Samstagabend. Trump verneinte in Washington die Frage einer Reporterin, ob sein Friedensplan denn nun das letzte Angebot sei. «Wir versuchen, die Sache auf die eine oder andere Weise zu beenden», fĂŒgte er hinzu.







