Selenskyj und EuropÀer warnen Trump vor AlleingÀngen
10.08.2025 - 04:51:59Vor dem geplanten Treffen von US-PrĂ€sident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin haben die ukrainische FĂŒhrung und ihre europĂ€ischen VerbĂŒndeten die Grenzen ihrer Kompromissbereitschaft betont. Internationale Grenzen dĂŒrften nicht gewaltsam verĂ€ndert werden, hieĂ es in einer gemeinsamen ErklĂ€rung von Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, GroĂbritannien, Finnland und der EU-Kommission. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymr Selenskyj lehnte Gebietsabtretungen an Russland erneut ab und fordert vehement, in Verhandlungen ĂŒber die Zukunft der Ukraine einbezogen zu werden.
Sinnvolle Verhandlungen seien nur «im Rahmen eines Waffenstillstands oder einer Verringerung der Feindseligkeiten» möglich, bekrĂ€ftigten die EuropĂ€er. Der derzeitige Frontverlauf könne lediglich «Ausgangspunkt fĂŒr Verhandlungen sein». AuĂerdem brauche die Ukraine robuste und glaubwĂŒrdige Sicherheitsgarantien.
Gebietsabtretungen sind nicht nur fĂŒr Selenskyj tabu
Am kommenden Freitag will sich Trump persönlich mit Putin treffen - nicht auf neutralem Boden, wie zuvor spekuliert, sondern im US-Bundesstaat Alaska. In Kiew, Berlin und BrĂŒssel wird befĂŒrchtet, dass beide auf Gebietsabtritte der Ukraine an die russischen Besatzer hinwirken könnten. Medienberichten zufolge hat Putin den USA entsprechende Forderungen ĂŒbermittelt.
Zwar ist die ukrainische Bevölkerung nach dreieinhalb Jahren mit pausenlosen russischen Angriffen kriegsmĂŒde. Eine Abtretung von Gebieten wĂŒrde aber schwere innenpolitische Verwerfungen hervorrufen - und auch eine VerfassungsĂ€nderung erfordern.
Trump-Vize Vance trifft EuropÀer und Ukrainer
Am Samstag kamen in GroĂbritannien hochrangige Regierungsvertreter und Sicherheitsberater aus den USA, der Ukraine und mehreren europĂ€ischen Staaten zusammen - darunter US-VizeprĂ€sident JD Vance, der aus seiner kritischen Haltung gegenĂŒber den traditionellen VerbĂŒndeten der USA in Europa keinen Hehl macht. Ăber den Inhalt der GesprĂ€che, die Selenskyj als «konstruktiv» bezeichnete, wurde kaum etwas bekannt.
«Der Weg zum Frieden fĂŒr die Ukraine muss gemeinsam und nur gemeinsam mit der Ukraine bestimmt werden, das ist eine Frage des Prinzips», sagte Selenskyj spĂ€ter in seiner abendlichen Videoansprache. Ăhnlich Ă€uĂerte sich der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron. Er schrieb auf X, die EuropĂ€er mĂŒssten ebenfalls Teil einer Lösung sein, weil es auch um ihre Sicherheit gehe. Macron hatte sich zuvor mit Selenskyj, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und dem britischen Premierminister Keir Starmer ausgetauscht.
Selenskyjs Rolle bleibt ungewiss
Ob Selenskyj ebenfalls eine Einladung nach Alaska erhĂ€lt, ist ungewiss. Bei den Planungen fĂŒr das Treffen war er zunĂ€chst auĂen vor. Vor der AnkĂŒndigung des Gipfels hatte es aus Washington noch geheiĂen, auf ein Zweiertreffen zwischen Trump und Putin solle ein DreiergesprĂ€ch mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten folgen. Trump machte dies spĂ€ter jedoch nicht zur Voraussetzung, um sich mit Putin zu treffen.Â
Der russische PrĂ€sident bezeichnete einen Dreier-Gipfel zwar als möglich. Die Bedingungen dafĂŒr seien jedoch noch lange nicht erfĂŒllt, erklĂ€rte er zuletzt. Der Kreml lud Trump derweil schon zu einem weiteren Treffen nach Russland ein.
Was fordert Putin - und was bietet er an?
Kurz vor Bekanntgabe seiner Zusammenkunft mit Putin in Alaska brachte Trump die Möglichkeit eines «Gebietstauschs» zwischen der Ukraine und Russland «zum Wohl beider Seiten» ins Spiel. Es solle auch etwas zurĂŒckgegeben werden, erklĂ€rte Trump. Moskau erhebt Anspruch auf weite Teile der Ost- und SĂŒdukraine und fordert einen Verzicht Kiews auf einen Nato-Beitritt.
Laut Berichten des «Wall Street Journal» und der «New York Times» soll Putin bei einem Treffen mit dem US-UnterhĂ€ndler Steve Witkoff am Mittwoch in Moskau eine Einstellung der KĂ€mpfe angeboten haben - unter der Bedingung, dass Russland unter anderem die Kontrolle ĂŒber die gesamte ostukrainische Donbass-Region erhĂ€lt. Das wĂŒrde die Preisgabe mehrerer Tausend Quadratkilometer FlĂ€che und strategisch wichtiger StĂ€dte durch die ukrainische Armee bedeuten.
Unklar bleibt den Berichten zufolge, welche ZugestĂ€ndnisse der Kreml im Gegenzug machen wĂŒrde. Laut «New York Times» gehen europĂ€ische Diplomaten davon aus, dass Putin einer Waffenruhe zustimmen wĂŒrde, bei der die aktuellen Frontlinien unter anderem in den sĂŒdukrainischen Regionen Cherson und Saporischschja eingefroren werden. BefĂŒrchtet wird indes, dass er am Ende doch eine vollstĂ€ndige Abtretung dieser - und womöglich noch weiterer - Gebiete erzwingen will.
«Putin will, dass ihm die Eroberung des SĂŒdens unserer Regionen Cherson und Saporischschja und der kompletten Gebiete Luhansk, Donezk und der Krim verziehen wird», sagte Selenskyj. Nach der - vom Westen mit vergleichsweise wenig Gegenwehr quittierten - Annexion der Krim 2014 werde man «diesen zweiten Versuch der Aufteilung der Ukraine durch Russland» nicht zulassen. Sollte er gelingen, werde es einen dritten Versuch geben, warnte der PrĂ€sident. «Daher beharren wir fest auf den klaren ukrainischen Positionen.»
Frage nach SicherheitsgarantienÂ
Den Punkt eines perspektivischen Nato-Beitritts der Ukraine lieĂen die europĂ€ischen VerbĂŒndeten in ihrer ErklĂ€rung offen - ebenso wie die Frage, ob die USA Teil kĂŒnftiger Sicherheitsgarantien sein sollten. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Trump der Ukraine verbindlichen Schutz zusichern wĂŒrde. Denkbar wĂ€re aber, dass er mögliche Zusagen in diese Richtung als Druckmittel nutzt - und eine Friedenslösung an wirtschaftliche Vorteile fĂŒr die USA zu koppeln versucht.
Trump steht unter innenpolitischem Druck
Das geplante Treffen in Alaska wird die erste persönliche Begegnung zwischen einem amtierenden US-PrĂ€sidenten und Putin seit vier Jahren sein. Nach der russischen Invasion im Februar 2022 herrschte unter Trumps demokratischem AmtsvorgĂ€nger Joe Biden weitgehend Funkstille - die USA wurden zum wichtigsten UnterstĂŒtzer der ukrainischen Verteidiger, Biden stellte Putin international als Kriegstreiber an den Pranger.
Trump, der im Wahlkampf immer wieder angekĂŒndigt hatte, den Ukraine-Krieg «innerhalb von 24 Stunden» zu beenden, holte Putin nach Beginn seiner zweiten Amtszeit aus der diplomatischen Isolation. Innenpolitisch hat der Republikaner mit seinem Versprechen hohe Erwartungen geweckt. Viele seiner AnhĂ€nger - darunter einflussreiche Kongressmitglieder - verlangen einen strikten «America First»-Kurs und lehnen militĂ€rische sowie finanzielle UnterstĂŒtzung der USA fĂŒr andere LĂ€nder weitgehend ab.
US-Ultimatum fĂŒr Russland verstrichen
Nach seinem Amtsantritt im Januar ĂŒbte Trump vor allem Druck auf die Ukraine aus, weniger auf den Angreifer Russland. Bei einem Besuch Selenskyjs im WeiĂen Haus kam es zum offenen Eklat zwischen den beiden PrĂ€sidenten. Zwar entspannte sich das VerhĂ€ltnis danach wieder - zuletzt schien auch Trumps Geduldsfaden gegenĂŒber Moskau dĂŒnner zu werden.
Ein von ihm gesetztes Ultimatum an Putin löste sich dann aber mit der AnkĂŒndigung des Treffens in Alaska in Luft auf. Stattdessen erklĂ€rte der US-PrĂ€sident, Selenskyj sei nicht zu allen Entscheidungen befugt und mĂŒsse sich rasch innenpolitische Zustimmung organisieren. Man stehe «sehr nah vor einem Deal».
Selenskyj kann nicht im Alleingang handeln
TatsĂ€chlich kann in Alaska ohne ukrainische Beteiligung kaum etwas Verbindliches beschlossen werden. Die US-Regierung kann der ukrainischen Armee weder eine Feuerpause noch einen RĂŒckzug aus eigenen Gebieten vorschreiben. Territoriale Fragen erfordern auĂerdem eine umfangreiche VerfassungsĂ€nderung. Weder Selenskyj noch das ukrainische Parlament - die Oberste Rada - können dies im Alleingang beschlieĂen.Â
Trump verfĂŒgt allerdings ĂŒber erhebliche Druckmittel: Neben Waffenlieferungen sind auch Geheimdienstinformationen aus den USA fĂŒr die ukrainischen Verteidiger kaum zu ersetzen. Schon im MĂ€rz lieĂ Trump die US-MilitĂ€rhilfe fĂŒr das Land vorĂŒbergehend aussetzen. Sollte sich das wiederholen, wĂŒrden die militĂ€rischen FĂ€higkeiten der Ukrainer auf einen Schlag erheblich geschwĂ€cht.


