US-Truppenabzug aus dem Irak: Machtvakuum droht durch Milizen
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 14:04 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas US-MilitĂ€r ist vollstĂ€ndig aus dem Irak abgezogen, wodurch die Regierung in Bagdad nun selbst fĂŒr die Sicherheit des Landes sorgen muss.
Irak ĂŒbernimmt Verantwortung
Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums verlieĂen die letzten Soldaten das Land. Damit endet eine zwölfjĂ€hrige Kampagne gegen den Islamischen Staat, der im Irak und in der Region als organisierte militĂ€rische Bedrohung besiegt gilt.
Verbliebene IS-Strukturen und mit dem Iran verbĂŒndete Milizen bleiben nach EinschĂ€tzung des Pentagons zentrale Herausforderungen. MinisterprĂ€sident Ali al-Saidi sagte, das Ende der internationalen Koalitionsmission bedeute nicht das Ende des Kampfes gegen den Terrorismus, sondern den Ăbergang zur vollstĂ€ndigen irakischen Verantwortung fĂŒr Sicherheit und StabilitĂ€t.
Milizen feiern Abzug
Die Miliz Asaib Ahl al-Hak bezeichnete den Abzug als Erfolg des Widerstands gegen die auslĂ€ndische MilitĂ€rprĂ€senz. Sie forderte Bagdad zugleich auf, auch die tĂŒrkischen Truppen im Nordirak zum Abzug zu bewegen.
Die ebenfalls iranfreundliche Kataib Hisbollah drohte der Regierung mit ihrem Sturz, falls diese gegen die Interessen des Volkes handle. Die Miliz kĂŒndigte an, notfalls feindliche Flugzeuge im irakischen Luftraum abzuschieĂen.
Rund 2.500 Soldaten abgezogen
Zuletzt waren nach Pentagon-Angaben rund 2.500 US-Soldaten im Irak stationiert. Ihre Standorte lagen in Erbil, nahe dem Flughafen von Bagdad und in der GrĂŒnen Zone der Hauptstadt. Der vollstĂ€ndige Abzug war bereits 2024 zwischen Washington und Bagdad vereinbart worden.
Seit 2014 bekĂ€mpften die USA mit VerbĂŒndeten den IS im Irak und in Syrien. Die Organisation verlor ihre groĂen Herrschaftsgebiete, verĂŒbt aber weiterhin vereinzelt AnschlĂ€ge.
Entwaffnung auf Juni verschoben
Parallel zum Abzug sollten die mĂ€chtigen iranverbĂŒndeten Milizen entwaffnet und in den staatlichen Sicherheitsapparat eingegliedert werden. Der von MinisterprĂ€sident al-Saidi angekĂŒndigte Schritt wurde jedoch auf Juni kommenden Jahres verschoben. Die Milizen lehnen eine Entwaffnung bislang ab; eine gewaltsame Umsetzung könnte neue schwere KĂ€mpfe auslösen.
Die USA waren 2003 in den Irak einmarschiert und hatten Saddam Hussein gestĂŒrzt. Nach dem Abzug 2011 kehrten sie 2014 auf Bitte der irakischen Regierung zur BekĂ€mpfung des IS zurĂŒck. Die Bundeswehr beteiligt sich seit 2015 an dem Einsatz; das Mandat fĂŒr bis zu 500 KrĂ€fte lĂ€uft bis Januar.
Sicherheitsverantwortung fĂŒr Bagdad
Mit dem vollstĂ€ndigen Abzug endet nicht jede internationale UnterstĂŒtzung fĂŒr den Irak, aber die militĂ€rische PrĂ€senz der USA als sichtbarster Sicherheitsgarant fĂ€llt weg. Die irakischen StreitkrĂ€fte mĂŒssen nun verbliebene IS-Zellen eigenstĂ€ndig bekĂ€mpfen und zugleich verhindern, dass bewaffnete Gruppierungen den Staat politisch oder militĂ€risch unter Druck setzen.
Der IS kontrolliert zwar keine groĂen Gebiete mehr, ist aber weiterhin zu AnschlĂ€gen fĂ€hig. Dadurch entsteht ein doppeltes Risiko: Ein zu schwacher staatlicher Sicherheitsapparat könnte Extremisten neue SpielrĂ€ume eröffnen; ein zu harter Machtkampf mit den schiitischen Milizen könnte zusĂ€tzlich innerirakische Gewalt auslösen. Die verschobene Entwaffnung nimmt Bagdad zunĂ€chst den wichtigsten Hebel fĂŒr eine geordnete Neuordnung.
Irak als Schauplatz regionaler RivalitÀt
Der Abzug fĂ€llt in eine Phase erhöhter Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Irakische Milizen sind in staatliche Strukturen eingebunden, verfolgen aber teils eigene politische und militĂ€rische Interessen. Ihre Drohungen gegen die Regierung zeigen, dass die zentrale Frage nicht allein lautet, wer den IS bekĂ€mpft, sondern wer im Irak letztlich ĂŒber Waffen und sicherheitspolitische Entscheidungen verfĂŒgt.
FĂŒr die Region bleibt der Irak deshalb ein wichtiger Pufferstaat. Angriffe auf US- oder kurdische Ziele könnten zunehmen, zugleich kann Bagdad versuchen, seine gröĂere Eigenverantwortung fĂŒr eine unabhĂ€ngigere AuĂen- und Sicherheitspolitik zu nutzen. FĂŒr Deutschland ist relevant, ob die Bundeswehr ihre Ausbildungs- und UnterstĂŒtzungsrolle in Erbil fortsetzt und unter welchen Schutzbedingungen dies geschieht.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
DER SPIEGEL: âIrak: USA ziehen MilitĂ€r vollstĂ€ndig ab â StabilitĂ€t bleibt fragilâ (28.09.2026)
Der Bericht ordne den Abzug als Abschluss der amerikanischen Anti-IS-Mission ein und hebe hervor, dass die Terrormiliz zwar ihr Herrschaftsgebiet verloren habe, einzelne Zellen aber aktiv blieben. Zugleich stelle der Artikel den Irak als Schauplatz des regionalen Konflikts zwischen Washington und Teheran dar und betone, dass die geplante Entwaffnung iranfreundlicher Milizen verschoben worden sei.
BR24: âNahost-Ticker: WeiĂes Haus drĂ€ngt EU Diesel-Reserven freizugebenâ (28.09.2026)
Der Ticker bestĂ€tige den vollstĂ€ndigen Abzug und setze einen stĂ€rkeren Schwerpunkt auf die unmittelbare Sicherheitsgefahr eines Machtvakuums. Er verweise zudem auf BefĂŒrchtungen eines Wiedererstarkens des IS und stelle den Vorgang in den Zusammenhang des laufenden Kriegs zwischen den USA und dem Iran.
Beide Berichte stimmten beim Ende der US-MilitĂ€rprĂ€senz und bei der fortbestehenden InstabilitĂ€t ĂŒberein. Der eine Beitrag betone stĂ€rker die historische Entwicklung und die Milizen, der andere die akute regionale Eskalationsgefahr; offen bleibe insbesondere, wie Bagdad die Milizen kontrollieren und den Schutz vor IS-Angriffen gewĂ€hrleisten werde.
