G20-Gipfel in Brasilien: Die gespaltene Weltgemeinschaft
19.11.2024 - 16:49:08Beim G20-Gipfel im brasilianischen Rio de Janeiro haben sich die Differenzen zwischen den fĂŒhrenden WirtschaftsmĂ€chten der Welt in zentralen Fragen erneut deutlich gezeigt. Eine gemeinsame GipfelerklĂ€rung wurde nur durch fĂŒr westliche LĂ€nder schmerzhafte Minimalkompromisse bei den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten erreicht. Gastgeber Brasilien kann dagegen mit der Umsetzung seiner Agenda zufrieden sein.Â
Den G20 gehören die groĂen westlichen Demokratien wie die USA, Deutschland und GroĂbritannien an, aber auch autoritĂ€r gefĂŒhrte Staaten wie Russland, China und Saudi-Arabien. Zwischen den beiden Lagern stehen Gastgeber Brasilien sowie LĂ€nder wie Indien oder auch SĂŒdafrika. Brasiliens PrĂ€sident Luiz InĂĄcio Lula da Silva setzte die beiden Kriege gar nicht erst auf die Tagesordnung. Lula verfolgte eine Agenda, die vor allem die Themen des sogenannten «globalen SĂŒdens» hervorhob, also der SchwellenlĂ€nder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens.
DĂŒrftige SĂ€tze zur Ukraine, kein Wort zu Hamas-Massaker
Zum Ukraine-Krieg schafften es lediglich ein paar dĂŒrftige SĂ€tze in das Abschluss-KommuniquĂ©. Eine Verurteilung Russlands? Fehlanzeige. Genauso wenig fand der TerrorĂŒberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 Eingang in das Dokument. Von deutscher Seite hatte es vor dem Gipfel noch geheiĂen, ein solches Verhandlungsergebnis wĂ€re «inakzeptabel». Am Ende stimmte Deutschland trotzdem zu.Â
Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich diesbezĂŒglich enttĂ€uscht. Angesichts dessen, dass der russische PrĂ€sident Wladimir Putin die Ukraine seit 1.000 Tagen in blindem GröĂenwahn gnadenlos bombardieren lasse, sei es zu wenig, wenn die G20 keine deutlichen Worte zur Verantwortung Russlands in dieser Frage fĂ€nden, sagte Scholz. «Das hĂ€tte ich mir gerne anders gewĂŒnscht.» Zum Krieg in Gazastreifen sagte er, es wĂ€re förderlich gewesen, wenn man gesagt hĂ€tte: «Alles ist losgegangen mit einem furchtbaren und brutalen Terrorangriff auf Israel.»
Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron erklĂ€rte, dass es dem Text gutgetan hĂ€tte, wenn er expliziter gewesen wĂ€re. Bei der Ukraine bleibe er hinter den Formulierungen zurĂŒck, die man bereits erreicht habe. «Ich denke, wir mĂŒssen in der Tat sehr deutlich machen, dass dies ein Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist und dass unsere PrioritĂ€t heute darin besteht, einen dauerhaften Frieden zu erreichen.»
Die Sprecherin des britischen Premierministers Keir Starmer sagte, die ErklĂ€rung sei «enttĂ€uschend, aber nicht ĂŒberraschend». Sie verwies auf die ErklĂ€rung eines G7-Ministertreffens am Wochenende, in der Russland als «einziges Hindernis fĂŒr einen gerechten und andauernden Frieden» bezeichnet worden sei.Â
Kaum mehr Initiativen vom scheidenden US-PrÀsidenten
Dass die Anliegen und Positionen der westlichen Demokratien bei dem Gipfel kaum Anklang fanden, mag auch daran liegen, dass der US-PrĂ€sident bald aus dem Amt scheidet. FĂŒr Joe Biden war der G20-Gipfel eine Art Abschied von der WeltbĂŒhne. Seine Gipfelteilnahme wurde von Donald Trumps Einzug ins WeiĂe Haus im Januar ĂŒberschattet.Â
Der scheidende PrĂ€sident kann kaum noch verlĂ€ssliche US-Zusagen machen, denn Trump dĂŒrfte einen GroĂteil seiner Politik rĂŒckgĂ€ngig machen. Im Vergleich zu anderen Gipfeln dieser Art hielten sich die USA mit der AnkĂŒndigung neuer Initiativen auffĂ€llig zurĂŒck. Der PrĂ€sident beschrĂ€nkte seine öffentlichen Auftritte wĂ€hrend des Gipfels in Rio auf das Nötigste - auch eine Pressekonferenz gab es nicht.Â
Scholz auf Gipfel von K-Frage verfolgt
Was Biden schon erlebt hat, könnte Scholz bevorstehen: der RĂŒckzug von der Spitzenkandidatur bei der nĂ€chsten Wahl. WĂ€hrend Scholz in Rio mit den GroĂen dieser Welt am Tisch saĂ, wurde in seiner Partei zunehmend darĂŒber diskutiert. Der Kanzler machte den Ukraine-Krieg zu seinem zentralen Gipfelthema - unbeeindruckt davon, dass das Thema nicht auf der Agenda stand. Die Vorlage gab ihm Biden mit der Erlaubnis fĂŒr Kiew, Waffen mit bis zu 300 Kilometern Reichweite gegen russisches Territorium einzusetzen. Scholz blieb trotzdem bei seinem klaren Nein zur Lieferung der Taurus-Raketen.
Applaus bekam er dafĂŒr allerdings von der falschen Seite. «Ich denke, dass die derzeitige Position von Scholz eine verantwortungsvolle Position ist», sagte der russische AuĂenminister Sergej Lawrow, der in Rio seinen in Moskau verbliebenen PrĂ€sidenten Putin vertrat. Kritik kam dagegen aus der Ukraine von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj, den Lula nicht eingeladen hatte: «Nach den ErklĂ€rungen (Putins) ĂŒber Atomwaffen, finde ich, dass es auch fĂŒr Deutschland Zeit ist, eine entsprechende Entscheidung zu fĂ€llen.»Â
Hunger, KlimaerwÀrmung, Besteuerung der Superreichen
FĂŒr Brasiliens PrĂ€sident Lula war der Gipfel in der KĂŒstenmetropole Rio ein Erfolg. Er konnte sich in zentralen Themen durchsetzen und brachte seine wichtigsten Punkte wie Kampf gegen Hunger und Armut, Klima und Reform der internationalen Organisationen in der AbschlusserklĂ€rung unter. Selbst die umstrittene MilliardĂ€rssteuer, von der unter anderem die USA und Argentinien nichts wissen wollten, schaffte es in das Papier.Â
So verstĂ€ndigten sich die G20-Staaten darauf, sich fĂŒr eine wirksame Besteuerung der Superreichen einzusetzen. Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) sieht das als echten Gipfelerfolg. «Diese Einigung ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines wichtigen Weges hin zu mehr Fairness weltweit», sagte sie. «Denn prozentual zahlen die meisten MilliardĂ€re heute deutlich weniger Steuern als eine Lehrerin oder eine Putzkraft.» Das sei ungerecht.
NGO kritisiert Passage zum Klimaschutz
Die G20-Staaten bekrĂ€ftigten in Rio auch das international vereinbarte Ziel, die ErderwĂ€rmung auf 1,5 Grad gegenĂŒber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Aus Sicht der Bundesregierung ist positiv, dass an die Verpflichtung der Staaten erinnert wird, spĂ€testens im kommenden Jahr nachgebesserte PlĂ€ne zum Klimaschutz bei den UN einzureichen, die das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite halten.Â
KlimaschĂŒtzer kritisieren aber, dass in dem Abschlussdokument nicht steht, dass sich alle Staaten zu einer Abkehr von Ăl, Kohle und Gas verpflichten. Das «Fehlen einer Verpflichtung der reichsten und gröĂten Emittenten der Welt zur Abkehr von fossilen Brennstoffen im Abschlusskommuniqué» sei erschĂŒtternd, sagt Stela Herschmann, Klimaexpertin bei ObservatĂłrio do Clima, einem der wichtigsten Netzwerke der brasilianischen Zivilgesellschaft zur Klimaagenda.







