Von Bataclan bis heute: Wie sich Terror in Europa verÀndert
13.11.2025 - 04:25:09Es war ein Schock fĂŒr Frankreich und ganz Europa: Am 13. November 2015 töteten Islamisten innerhalb weniger Stunden 130 Menschen im GroĂraum Paris und verletzten 350 weitere. Im Konzertsaal «Bataclan» richteten sie ein Blutbad an, in Bars und Restaurants verbreiteten sie Angst und Schrecken. Zehn Jahre spĂ€ter sitzen die AnschlĂ€ge, die die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) fĂŒr sich reklamierte, Frankreich noch immer in den Knochen; die Terrorgefahr bleibt prĂ€sent. Doch das Gesicht des islamistischen Terrorismus in West- und Zentraleuropa hat sich seitdem stark verĂ€ndert. Ein Ăberblick:
Mehr EinzeltÀter statt Gruppen
Laut dem jĂŒngsten Lagebericht von Europol zu Terrorismus in der EuropĂ€ischen Union wurden im vergangenen Jahr die allermeisten islamistischen AnschlĂ€ge von EinzeltĂ€tern ausgefĂŒhrt. Auch Terrorexperte Peter Neumann beobachtet diesen Trend: «Vor zehn Jahren hatten wir ja richtige Netzwerke, die sich ĂŒber Monate hinweg organisiert haben, die miteinander kommuniziert haben, die zum Teil dann natĂŒrlich auch nach Syrien gegangen sind, sich dort haben ausbilden lassen, dann zurĂŒckgeschickt wurden. Es war alles recht professionell.»
Heute hingegen gebe es fast ausschlieĂlich sehr lockere Netzwerke und in den meisten FĂ€llen EinzeltĂ€ter, die sich im Internet radikalisierten. Teils schlĂŒgen diese auch auf eigene Faust zu und hofften, dass Terrornetzwerke ihre Tat spĂ€ter fĂŒr sich beanspruchen wĂŒrden. «Die StrategieĂ€nderung hat deswegen stattgefunden, weil das eben der IS nicht mehr schafft, in Europa solche Netzwerken zu organisieren», meint der Professor fĂŒr Sicherheitsstudien am Londoner King's College.
Messer statt Bombe
Die Tatwaffen sind mittlerweile oft einfachere. Messer kommen laut Neumann nun wohl am hÀufigsten zum Einsatz. Auch werde immer wieder versucht, mit Fahrzeugen in Menschenmengen zu fahren. Islamismusexperte Petter Nesser von der BI Norwegian Business School gibt allerdings zu bedenken, dass Dschihadisten auch weiterhin AnschlÀge mit Bomben planten, diese aber im Zeitraum 2019 bis 2024 deutlich hÀufiger vereitelt worden wÀren als AnschlagsplÀne mit Messern oder Pistolen.
Kleinere Angriffe statt Massenschlag
«Wir sehen, dass die Ambitionen weiterhin da sind, um groĂe AnschlĂ€ge zu verĂŒben», meint Nesser. Doch dank effizienterer Sicherheitsbehörden wĂŒrden diese PlĂ€ne oft vereitelt und eher kleinere Attacken wĂŒrden tatsĂ€chlich durchgefĂŒhrt - mit weniger Opfern. «Das ist im Grunde eine taktische Anpassung und nicht die bevorzugte Strategie der Dschihadisten.» Laut den Anschlagsdaten, die Nesser fĂŒr den Zeitraum 1994 bis Juni 2024 fĂŒr Westeuropa analysiert hat, starben nur fĂŒnf Prozent der Opfer bei Terrorangriffen nach dem Jahr 2018.
Deutschland in Fokus gerĂŒckt
Sowohl Neumann als auch Nesser sehen Deutschland inzwischen stĂ€rker im Visier von Islamisten. «Deutschland ist mit Blick auf die Bedrohungsstufe auf Platz Zwei in Europa gerĂŒckt», sagt Nesser. Frankreich sei weiterhin das Hauptziel, GroĂbritannien an dritter Stelle. Dabei gehe es vermutlich mehr um die Möglichkeiten, anzugreifen, als darum, dass Deutschland stĂ€rker als Feindbild wahrgenommen werde.
Genau zu wissen, wo mehr AnschlĂ€ge geplant wĂŒrden, sei aber schwierig, rĂ€umt Neumann ein. Auch in Frankreich seien etwa viele islamistische Angriffe verhindert worden. Aber: «Mein GefĂŒhl ist, dass jetzt in den 2020er Jahren der deutschsprachige Raum ganz besonders im Vordergrund steht.» In Deutschland, Ăsterreich und der Schweiz sei nach seinem GefĂŒhl «mehr los» als vor zehn Jahren.
TatverdĂ€chtige werden jĂŒnger
Seit Beginn des Jahres wurden in Frankreich bereits Ermittlungsverfahren gegen 17 minderjĂ€hrige TerrorverdĂ€chtige eingeleitet. Vor 2023 seien es gerade einmal zwei bis drei pro Jahr gewesen, sagt der Anti-Terror-Staatsanwalt Olivier Christen dem Sender France Inter. Die Propaganda, die IS und Al-Qaida verbreiteten, entspreche den Codes der sozialen Medien, sei inhaltlich sehr reduziert und dafĂŒr sehr visuell.Â
Auch Neumann beobachtet: «Wir haben jetzt ganz, ganz viele AttentĂ€ter oder versuchte AttentĂ€ter, die Teenager sind. Das war vor zehn Jahren eher die Ausnahme.» Europol zufolge stieg die Zahl der MinderjĂ€hrigen und jungen Menschen, die 2024 an extremistischen Taten beteiligt waren, erneut. «Psychische Gesundheitsprobleme, gesellschaftliche Vereinsamung und digitale AbhĂ€ngigkeit waren wichtige Faktoren fĂŒr die Radikalisierung dieser jungen Menschen.»
Weniger getrieben von Ideologie?
FĂŒr Neumann stellt sich mit dem jĂŒngeren Alter der TatverdĂ€chtigen auch die Frage, ob es sich etwa bei 13-JĂ€hrigen noch um klassische islamistische Radikalisierung handle. «Wie weit geht es da tatsĂ€chlich um politische Inhalte und inwieweit ist es einfach nur so eine Art Gewaltfantasie?» Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez meint gar, die Grenzen zwischen verschiedenen extremistischen Ideologien sei inzwischen porös. «Ich rede vom Rechtsextremismus und dem radikalen Islamismus und Jugendlichen, die sich auf das ein oder das andere beziehen, weniger aus Ideologie als aus Faszination fĂŒr die Gewalttat.»
Auch wenn Islamismusexperte Nesser glaubt, dass diese jungen VerdĂ€chtigen sich nicht wirklich mit der Ideologie identifizieren können, spielt der ideologische Kern aus seiner Sicht weiterhin eine entscheidende Rolle. Junge Menschen wĂŒrden von Ălteren ausgenutzt. Und die wiederum seien stĂ€rker in die ideologischen Netzwerke eingebunden. Er betont zudem: «Die Terroristen greifen noch immer Ziele an, um eine politische Botschaft auszusenden.»









