PrÀsident «gesucht»: Putin lÀsst wÀhlen
15.03.2024 - 14:54:30Unter Ausschluss der Opposition hat in Russland eine als Farce kritisierte PrĂ€sidentenwahl fĂŒr eine fĂŒnfte Amtszeit von Kremlchef Wladimir Putin begonnen. Der 71 Jahre alte Putin, der seit mehr als zwei Jahren Krieg gegen die Ukraine fĂŒhrt, wird absehbar sechs weitere Jahre das flĂ€chenmĂ€Ăig gröĂte Land der Erde fĂŒhren.
Staatliche Wahlforscher erwarten bei der auf drei Tage angesetzten Abstimmung ein Rekordergebnis am Sonntag von mehr als 80 Prozent der Stimmen. Unter dem Eindruck des Krieges und begleitet von einzelnen Protestaktionen stimmten bereits heute laut Wahlkommission rund 27 Millionen Menschen in dem Land mit den elf Zeitzonen ab. Die Wahlbeteiligung wurde mit 24 Prozent angegeben.Â
Kiew: Wahlen illegitim
Insgesamt waren 114 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen, davon mehr als 4,5 Millionen in den völkerrechtswidrig besetzten Gebieten der von Russland angegriffenen Ukraine. Die Ukraine kritisiert die Abstimmung als illegal. Auch auf russischem Staatsgebiet wurde der erste Wahltag ĂŒberschattet von Putins Ăberfall auf die Ukraine: Aus der Grenzregion Belgorod wurden erneut Angriffe gemeldet, zwischenzeitlich musste die Abstimmung dort sogar unterbrochen werden.Â
Die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti veröffentlichte ein Video, auf dem ein leeres Wahllokal zu sehen ist, und schrieb, Belgoroder WĂ€hler hĂ€tten in SchutzrĂ€umen Zuflucht suchen mĂŒssen. In Berichten unabhĂ€ngiger russischer Medien stellte sich die Situation teils deutlich dramatischer dar: So kursierte etwa ein Video aus einem anderen Wahllokal, auf dem erst ein lautes ExplosionsgerĂ€usch zu hören ist - und dann panisch schreiende Menschen.Â
Seit Tagen schon liefern sich proukrainische ParamilitĂ€rs im Grenzgebiet eigenen Angaben zufolge KĂ€mpfe mit der russischen Armee. Diese bombardierte am ersten Wahltag zudem die sĂŒdukrainische Hafenstadt Odessa so heftig, dass mindestens 16 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt wurden.Â
Putin: Ukrainische Angriffe werden PrÀsidentenwahl nicht stoppen
Kremlchef Wladimir Putin hat die neuen Angriffe von ukrainischer Seite auf das russische Grenzgebiet Belgorod am ersten Tag der PrĂ€sidentenwahl als sinnlosen Störversuch bezeichnet. «Ich bin ĂŒberzeugt, dass unsere Menschen, das Volk Russlands, darauf mit einem noch gröĂeren Zusammenhalt reagieren», sagte Putin bei einer Videoschalte mit den Vertretern nationalen Sicherheitsrates. Die Menschen in dem Vielvölkerstaat lieĂen sich nicht einschĂŒchtern, so der PrĂ€sident.
Bei den seit einigen Tagen andauernden Attacken gegen das russische Grenzgebiet Belgorod und auch gegen die Region Kursk gab es zahlreiche Verletzte in der Zivilbevölkerung. Putin kĂŒndigte Hilfe fĂŒr die Opfer der Angriffe an. FĂŒr die terroristischen Sabotageakte habe die Ukraine mehr als 2500 KĂ€mpfer eingesetzt, bei denen sich die Verluste um die 60 Prozent bewegten, sagte Putin. Zudem seien 35 Panzer und etwa 40 gepanzerte MilitĂ€rfahrzeuge eingesetzt worden. Die Ukraine versuche mit diesen Angriffen erneut, von den Niederlagen im eigenen Land abzulenken.
Tinte in Wahlurnen â Wahlleitung fordert stĂ€rkere Bewachung
In den verschiedenen Regionen Russlands leisteten einige WĂ€hler trotz massiver staatlicher Repressionen Widerstand gegen die als unfair und unfrei kritisierte Abstimmung. An mehreren Orten des Riesenlandes gossen MĂ€nner und Frauen offiziellen Angaben zufolge Farbe in die Wahlurnen, um die darin liegenden Stimmzettel ungĂŒltig zu machen. In St. Petersburg und in Moskau gab es jeweils einen Brandanschlag. Es gab mehrere Festnahmen.
Der Vizechef der Wahlkommission in Moskau, Nikolai Bulajew, stellte die Proteste als von auĂen gesteuerte Aktionen dar und forderte eine stĂ€rkere Ăberwachung der Wahllokale. Die gröĂte Protestaktion ist allerdings erst fĂŒr Sonntag geplant: Da rufen Kremlgegner die Russen dazu auf, um exakt 12.00 Uhr vor den Wahllokalen aufzutauchen und durch die langen Schlangen ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Sie sollen dann etwa die Stimmzettel durch mehrere HĂ€kchen ungĂŒltig machen.
Keine Opposition
Mehr als zwei Jahre nach dem Beginn des Moskauer Angriffskrieges und der damit auch verbundenen VerschĂ€rfung der Repressionen in Russland hat die Wahl in Russland unabhĂ€ngigen Experten zufolge mit Demokratie kaum noch etwas zu tun. Putins drei Mitbewerber - der Kommunist Nikolai Charitonow, der Liberale Wladislaw Dawankow und Leonid Sluzki von der nationalistischen Partei LDPR - sind nicht nur völlig chancenlos, sie sind in wesentlichen Punkten auch voll auf Kremllinie.Â
Bewerber, die sich gegen Putins Angriffskrieg aussprachen, wurden gar nicht erst als Kandidaten zugelassen. Die meisten echten Oppositionellen sind ohnehin ins Ausland geflohen, sitzen im GefĂ€ngnis - oder sind tot. Kritiker sprechen deshalb von einer «Wahlfarce», die nichts mit einer Abstimmung nach demokratischen Regeln gemein habe. Unter anderen die Witwe des kĂŒrzlich im Straflager gestorbenen Kremlgegners Alexej Nawalny, Julia Nawalnaja, rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen.Â
Keine OSZE-Wahlbeobachter
Die unabhĂ€ngige Wahlbeobachtungsorganisation «Golos», die seit Jahren politisch verfolgt wird, wies auf «massenhaften» Wahlbetrug hin: Vielerorts werden Staatsbedienstete und Angestellte groĂer, teils staatlicher Konzerne demnach zur Stimmabgabe gedrĂ€ngt. «Der erste Wahltag hat begonnen und alles lĂ€uft genauso ab, wie wir gewarnt haben:  Von morgens an gab es Druck auf eine riesige Zahl von WĂ€hlern», schrieb der Co-Vorsitzende von «Golos», Stanislaw Andrejtschuk, auf Telegram. FĂŒr Kritik sorgte zudem, dass Russland die Wahlbeobachter der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die fĂŒr eine unabhĂ€ngige und transparente Kontrolle stehen, diesmal nicht eingeladen hat.
Russlands Wahlleiterin Ella Pamfilowa erklĂ€rte, dass alles «normal» ablaufe. Zugleich aber musste sie einrĂ€umen, dass es direkt zu Beginn UnregelmĂ€Ăigkeiten bei der Online-Stimmabgabe gegeben habe. Offiziell begrĂŒndete sie die Probleme mit einer Vielzahl von WĂ€hlern, die im Internet ihre Stimme abgeben wollten. Allein in der Hauptstadt Moskau hĂ€tten am Morgen 500.000 Menschen online ihre Stimme abgegeben, hieĂ es. Kremlkritiker hingegen warnen die Russen vor der elektronischen Stimmabgabe, die als besonders anfĂ€llig fĂŒr Manipulationen gilt.
Teils wurde die Abstimmung wie ein Volksfest mit Folkloredarbietungen und Auftritten von SĂ€ngern organisiert. Viele prominente Politiker, darunter AuĂenminister Sergej Lawrow und Verteidigungsminister Sergej Schoigu, gaben frĂŒh ihre Stimme ab. Zwar gilt als sicher, dass Putin gewinnt - immerhin hatte er fĂŒr die erneute Kandidatur vor knapp vier Jahren extra die russische Verfassung Ă€ndern lassen. Trotzdem will Moskaus Machtapparat eine möglichst hohe Wahlbeteiligung erzielen, um die Abstimmung als legitim zu bezeichnen.Â
Mit der Bekanntgabe der Prognosen, die auf Grundlage von Befragungen der WĂ€hler nach der Stimmabgabe entstehen, und erster Ergebnisse wird direkt am Sonntagabend gerechnet, nachdem um 19.00 Uhr MEZ in der Ostsee-Exklave Kaliningrad die letzten Wahllokale geschlossen haben. VerlĂ€sslichere Zahlen dĂŒrfte es dann in der Nacht zum Montag geben. Das vorlĂ€ufige Endergebnis soll laut Wahlkommission in der ersten TageshĂ€lfte am Montag verkĂŒndet werden.Â
EU-RatsprÀsident Michel gratuliert Putin schon zu Wahlsieg
Weil der Sieger dieser viel kritisierten Abstimmung im Grunde feststeht, schickte EU-RatsprĂ€sident Charles Michel bereits vorsorglich ironische GlĂŒckwĂŒnsche in Richtung Moskau. «Ich möchte Wladimir Putin zu seinem Erdrutschsieg bei den heute beginnenden Wahlen gratulieren», spottete Michel auf der Plattform X (vormals Twitter). «Keine Opposition. Keine Freiheit. Keine Wahl», fĂŒgte er hinzu. Und auch Russlands Machtapparat selbst gibt sich keine allzu groĂe MĂŒhe, die Illusion einer spannenden Wahl aufrechtzuerhalten: Auf dem Roten Platz laufen bereits seit Tagen Vorbereitungen fĂŒr die groĂe Putin-Siegesfeier an diesem Montag.Â





