Rechte, PalÀstinenser

UN stÀrken Rechte der PalÀstinenser

10.05.2024 - 19:59:02

Weite Teile der Weltgemeinschaft stĂ€rken den PalĂ€stinensern inmitten des Gaza-Krieges den RĂŒcken: Sie bekommen bei den UN mehr Rechte - und der internationale Druck auf die USA steigt.

  • Der palĂ€stinensische Botschafter Riad Mansur bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Manuel Elias/UN Photo/dpa

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  • Der israelische Botschafter Gilad Erdan bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Manuel Elias/UN Photo/dpa

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Der palÀstinensische Botschafter Riad Mansur bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Manuel Elias/UN Photo/dpaDer israelische Botschafter Gilad Erdan bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Manuel Elias/UN Photo/dpa

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen stĂ€rkt die Rolle der PalĂ€stinenser innerhalb des grĂ¶ĂŸten UN-Gremiums deutlich. Eine mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit angenommene Resolution in New York rĂ€umt dem Beobachterstaat PalĂ€stina eine deutlich erweiterte Teilnahme an den Sitzungen der Vollversammlung ein, gibt ihm aber kein regulĂ€res Stimmrecht. Zudem forderte das Gremium mit 193 Mitgliedsstaaten vom ausschlaggebenden Weltsicherheitsrat die «wohlwollende» PrĂŒfung einer Vollmitgliedschaft PalĂ€stinas.

FĂŒr die Resolution stimmten 143 LĂ€nder, 9 Staaten votierten dagegen. 25 LĂ€nder enthielten sich - darunter auch Deutschland, das PalĂ€stina nicht als unabhĂ€ngiges Land anerkennt. Zusammen mit der Bundesrepublik enthielten sich Großbritannien, Italien, Österreich und die Ukraine. Israel lehnte den Antrag genauso ab wie sein VerbĂŒndeter, die USA. Europa zeigte sich gespalten: Eine Reihe Staaten wie Frankreich, Spanien und Portugal stimmten dem Antrag zu - Ungarn und Tschechien dagegen. Mit Ja votierten außerdem China und Russland, genauso wie der Iran, alle arabischen Staaten sowie die meisten LĂ€nder Afrikas und SĂŒdamerikas.

Die Vollversammlung stellt mit der Annahme fest, dass der «Staat PalĂ€stina (...) zur Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zugelassen werden sollte» - der Sicherheitsrat solle diese «noch einmal wohlwollend prĂŒfen». Die USA bekrĂ€ftigten, in diesem Fall erneut von ihrem Vetorecht im mĂ€chtigsten UN-Gremium mit seinen 15 Mitgliedern Gebrauch machen zu wollen. Vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges wurde die Abstimmung auch als internationales Stimmungsbild zu den jĂŒngsten Eskalationen im Nahostkonflikt gesehen. Bei den Vereinten Nationen gibt es eine deutliche Mehrheit fĂŒr israelkritische oder propalĂ€stinensische BeschlĂŒsse. Ein Vetorecht existiert in der Vollversammlung nicht.

Deutschland enthĂ€lt sich und plĂ€diert fĂŒr Zwei-Staaten-Lösung

Nach seiner Enthaltung bei einer UN-Abstimmung zur Empfehlung einer palĂ€stinensischen Vollmitgliedschaft bei den Vereinten Nationen hat Deutschland das Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung in Nahost betont. «Wenn die sofortige Vollmitgliedschaft all das Leid, das wir erleben, beenden wĂŒrde, hĂ€tten wir heute aus vollem Herzen mit Ja gestimmt», sagte der stellvertretende deutsche Botschafter Thomas Zahneisen vor der UN-Vollversammlung in New York. Jedoch könnten lediglich direkte Verhandlungen zwischen Israelis und PalĂ€stinensern zu einem nachhaltigen Frieden fĂŒhren.

Israels Botschafter: UN öffnen sich fĂŒr «moderne Nazis»

Der israelische Außenminister Israel Katz verurteilt den Beschluss der UN-Vollversammlung, die Rechte der PalĂ€stinenser im grĂ¶ĂŸten Gremium der Weltorganisation zu stĂ€rken, scharf. «Das politische Theater der Vereinten Nationen traf eine willkĂŒrliche, absurde und inkohĂ€rente Entscheidung, die die Mörder der Hamas belohnt», schrieb der Politiker am Freitag auf der Plattform X.

Vor der Abstimmung hatte bereits der israelische UN-Botschafter Gilad Erdan der Vollversammlung mit deutlichen Worten geĂ€ußert, «die Errichtung eines palĂ€stinensischen Terrorstaates» voranzutreiben. «Sie haben die Vereinten Nationen fĂŒr moderne Nazis und völkermörderische Dschihadisten geöffnet, die sich fĂŒr die Errichtung eines islamischen Staates in ganz Israel, in der Region einsetzen und jeden jĂŒdischen Mann, jede jĂŒdische Frau und jedes jĂŒdische Kind ermorden. Es macht mich krank.» Erdan schredderte vor dem Rednerpult in einem symbolischen Akt Zettel, auf denen «Charta der Vereinten Nationen» stand. Mit den Worten «schĂ€men Sie sich» beendete er seine Rede.

Gilad Erdan

Der palĂ€stinensische UN-Botschafter Riad Mansur zeigte sich trotz der Blockade der USA im Weltsicherheitsrat zuversichtlich, eines Tages vollstĂ€ndiges Mitglied der Vereinten Nationen zu sein. «Ohne Zweifel wird der Tag kommen, an dem PalĂ€stina seinen rechtmĂ€ĂŸigen Platz in der Gemeinschaft der freien Nationen einnehmen wird. Besatzung und Kolonialismus sowie Tod und Zerstörung sind nicht unser Schicksal. Sie werden uns aufgezwungen. Aber Freiheit ist unser einziges Schicksal».

PropalÀstinensisches Votum setzt USA unter Druck

Die nun angenommene Vorlage mit dem Namen «Resolutionsentwurf zur Aufnahme neuer Mitglieder in die Vereinten Nationen» und das klare propalĂ€stinensische Votum setzten die USA inmitten wachsender Kritik an Israels KriegsfĂŒhrung im Gazastreifen nun weiter unter Druck. Die US-Regierung bekrĂ€ftigte ihre Haltung, dass eine Einigung mit Israel auf eine Zweistaatenlösung Voraussetzung fĂŒr die Anerkennung einer UN-Vollmitgliedschaft PalĂ€stinas wĂ€re. AntrĂ€ge auf eine Mitgliedschaft scheiterten deshalb Mitte April und bereits im Jahr 2011 im Weltsicherheitsrat. In der UN-Charta ist festgelegt, dass die Aufnahme eines neuen Mitgliedsstaates auf «Empfehlung des Sicherheitsrats durch Beschluss der Generalversammlung» erfolgt.

In der UN-Vollversammlung ist es den PalĂ€stinensern nun kĂŒnftig erlaubt, sich Ă€hnlich wie normale Mitglieder zu verhalten: Vertreterinnen und Vertreter PalĂ€stinas dĂŒrfen auch zu Themen sprechen, die nicht mit dem Nahostkonflikt zu tun haben. Zudem können sie ÄnderungsantrĂ€ge fĂŒr BeschlĂŒsse einreichen oder neue Tagesordnungspunkte vorschlagen und Funktionen innerhalb des Plenums ausfĂŒhren. Andere Gremien der Vereinten Nationen werden im Entwurf aufgefordert, PalĂ€stina Ă€hnliche Rechte zu gewĂ€hren. Es wird aber auch betont, dass die PalĂ€stinenser kein Stimmrecht haben und nicht fĂŒr UN-Organe kandidieren dĂŒrften.

Die Abstimmung in der Vollversammlung hatte unter den einflussreichsten LĂ€ndern USA, China und Russland auch deshalb fĂŒr Unruhe gesorgt, weil diese einen Kontrollverlust bei der Aufwertung von Regionen fĂŒrchten, deren Staatlichkeit umstritten ist. In diesem Zusammenhang fielen Namen wie der Kosovo, Taiwan oder Berg-Karabach. In dem Text des angenommenen Resolutionsentwurfs wird deshalb betont, dass es sich im Fall PalĂ€stinas um eine Ausnahme handelt, «ohne einen PrĂ€zedenzfall zu schaffen».

Deutschland erkennt PalÀstina nicht als unabhÀngiges Land an

Von 193 UN-Mitgliedsstaaten haben bisher mehr als 130 PalÀstina als unabhÀngiges Land anerkannt. Deutschland gehört wie die USA nicht dazu. Im Jahr 2012 wurde PalÀstina - Àhnlich wie der Vatikan - zu einem nicht-mitgliedschaftlichen Beobachterstaat bei den Vereinten Nationen aufgewertet, damals mit 138 Ja-Stimmen.

Innerhalb des UN-Systems gilt PalÀstina damit als «Staat», aus Sicht Deutschlands dagegen existiert das Land PalÀstina so nicht - das AuswÀrtige Amt spricht in Bezug auf Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem von «palÀstinensischen Gebieten». Aufgrund der eingeschrÀnkten internationalen Anerkennung bezweifeln zumindest einige LÀnder, dass die PalÀstinenser in internationalen Organisationen auf gleiche Weise mitwirken können wie Mitglieder, deren Staatlichkeit nicht infrage steht.

Die US-Regierung hat zudem Sorge, dass der Kongress in Washington auf die Entscheidung der Vollversammlung negativ reagiert: US-Gesetze verbieten es der amerikanischen Regierung, UN-Organisationen zu finanzieren, wenn diese einer Gruppe Vollmitgliedschaft gewĂ€hren, «die nicht ĂŒber die international anerkannten Merkmale der Staatlichkeit» verfĂŒgen. Dies ist mit dem Beschluss vom Freitag Juristen zufolge zwar nicht gegeben, dennoch könnte bei einigen Abgeordneten in Washington die Forderung nach einem Finanzierungsstopp der Vereinten Nationen aufkommen.

@ dpa.de