Asyl, Deutschland

EU-Staaten verstĂ€ndigen sich auf Kernelement fĂŒr Asylreform

04.10.2023 - 13:20:44

Welche Regeln sollen gelten, wenn besonders viele Migranten auf irregulĂ€rem Weg in die EU kommen? Die Regierungen der Mitgliedstaaten stritten lange ĂŒber diese Frage. Nun gibt es einen Kompromiss.

Die EU-Staaten haben nach wochenlangem Streit ĂŒber ein Kernelement der geplanten Asylreform einen Durchbruch erzielt. Es gebe eine gemeinsame Position zu den VorschlĂ€gen der EU-Kommission fĂŒr die umstrittene Krisenverordnung, teilte die spanische EU-RatsprĂ€sidentschaft auf der Plattform X mit.

Mehrere Diplomaten bestĂ€tigten die Einigung, die wichtige GesprĂ€che mit dem Europaparlament fĂŒr den Abschluss der Asylreform ermöglicht. Die Bundesregierung stellte den Kompromiss auch als eigenen Erfolg dar, obwohl bei den PlĂ€nen lange wegen ihrer Bedenken nichts voran ging.

HumanitÀre Bedenken der Bundesregierung

Um die Krisenverordnung wurde in den vergangenen Wochen intensiv gerungen. Sie ist ein zentrales Element der geplanten EU-Asylreform. Über sie könnte etwa bei einem besonders starken Anstieg der Migration der Zeitraum verlĂ€ngert werden, in dem Menschen unter haftĂ€hnlichen Bedingungen festgehalten werden können. Z

udem könnte der Kreis der Menschen vergrĂ¶ĂŸert werden, der fĂŒr die geplanten strengen Grenzverfahren infrage kommt. Generell sehen die PlĂ€ne fĂŒr die EU-Asylreform zahlreiche ErgĂ€nzungen und VerschĂ€rfungen vor, um unerwĂŒnschte Migration zu begrenzen.

Mit Blick auf die Krisenverordnung hatten vor allem die GrĂŒnen innerhalb der Bundesregierung humanitĂ€re Bedenken. Sie befĂŒrchteten, dass die Schutzstandards fĂŒr FlĂŒchtlinge zu stark abgesenkt werden könnten. Nachdem der Druck von PartnerlĂ€ndern gestiegen war, gab Berlin in der vergangenen Woche den Widerstand auf.

Nach Angaben aus Regierungskreisen hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) informell von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht hat und angeordnet, den Widerstand gegen die Krisenverordnung aufzugeben. Scholz sprach nach der Einigung von einem «historischen Wendepunkt».

Kompromiss mit Italien

Sah es vergangene Woche dann zunÀchst nach Bewegung im Streit um die Krisenverordnung aus, sperrte sich Italien wegen der Rolle privater Seenotrettungsorganisationen im Mittelmeer. Rom stimmte nun aber ebenfalls im Ausschuss der stÀndigen Vertreter der Mitgliedstaaten dem Kompromiss zu.

Nach Angaben von Diplomaten setzte die rechte Regierung von Giorgia Meloni durch, dass eine Formulierung gestrichen wird, die die Anwendung von Krisenmaßnahmen nach der Ankunft vieler Migranten wegen SeenotrettungseinsĂ€tzen verbieten sollte. Ungarn und Polen stimmten gegen den Entwurf zur Krisenverordnung, ihnen sind die VorschlĂ€ge nicht scharf genug. Die nötige Mehrheit wurde aber dennoch erreicht. Österreich, Tschechien und Slowakei enthielten sich.

Lob und Kritik aus Deutschland

Auch wenn es nur kleinere ZugestĂ€ndnisse an Deutschland gab, verbuchte Außenministerin Annalena Baerbock die VerstĂ€ndigung als Erfolg. «Wir haben in BrĂŒssel bis zur letzten Minute hart und erfolgreich darum gerungen, dass es nicht zu einer Aufweichung von humanitĂ€ren Mindeststandards wie dem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung kommt», sagte die GrĂŒnen-Politikerin laut Mitteilung.

«Durch unseren Einsatz haben wir zudem sichergestellt, dass die Regelungen der Krisenverordnung nur in sehr stichhaltig begrĂŒndeten FĂ€llen ĂŒberhaupt gezogen werden können.» Bundesinnenministerin Nancy Faeser erklĂ€rte, dass auf deutsche Initiative wichtige Änderungen umgesetzt worden seien.

Letztlich konnte Deutschland aber gegenĂŒber dem frĂŒheren Vorschlag nur noch wenige VerĂ€nderungen durchsetzen. Vor allem fĂŒr die GrĂŒnen gilt dies als bitter, weil sie erneut Entscheidungen mittragen mussten, die sie ursprĂŒnglich nicht akzeptieren wollten.

Amnesty International kritisierte laut einer Mitteilung: «Dieses Abkommen birgt die Gefahr, dass Menschen an den Grenzen Europas festsitzen, inhaftiert oder mittellos bleiben, und trĂ€gt nicht dazu bei, den Schutz von Asylbewerbern in der EU zu verbessern.» Es sei «gefĂ€hrlich», Asylsuchenden ihr Recht zu verweigern, und noch dazu eine unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Reaktion auf Situationen, «mit denen LĂ€nder nach den bestehenden Regeln durchaus umgehen könnten», hieß es weiter.

Faeser sieht deutsche Ideen verwirklicht

Bei der europĂ€ischen Einigung sieht Bundesinnenministerin Nancy Faeser indes deutsche «Vorstellungen von Menschlichkeit und Ordnung» verwirklicht. Auf deutsche Initiative seien wichtige Änderungen umgesetzt worden, erklĂ€rte die SPD-Politikerin in Berlin.

«Es gibt keine Herabsetzung von humanitĂ€ren Standards bei der Aufnahme in Krisensituationen», fĂŒhrte Faeser aus. «Es muss immer eine lĂŒckenlose Registrierung aller ankommenden Menschen sichergestellt sein. Und: Die Regelungen, die die Krisenverordnung vorsieht, können nur durch einen Beschluss mit qualifizierter Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten im Rat und nicht etwa durch einzelne Mitgliedstaaten aktiviert werden. Damit sind die HĂŒrden hoch.» Es brauche eine deutliche Begrenzung der irregulĂ€ren Migration und eine Entlastung der Kommunen.

Mit der Einigung werde der «Grundstein fĂŒr eine solidarische Verteilung der Lasten in Europa gelegt», teilte SPD-Chef Lars Klingbeil mit. «Zugleich werden die humanitĂ€ren Aufnahme-Standards gewahrt. Das ist ein wichtiges Signal vor allem fĂŒr die Kommunen in unserem Land, die zu Recht eine Entlastung einfordern.»

Die Zeit drÀngt

Nach der Einigung auf Ebene der Regierungen der EU-Staaten soll nun schnellstmöglich mit dem Europaparlament eine VerstĂ€ndigung ĂŒber das Reformprojekt erzielt werden. «Hier stehen uns harte Verhandlungen bevor, fĂŒr die wir aufgrund der Verzögerung im Rat nur noch wenige Monate haben», sagte die SPD-Europapolitikerin Birgit Sippel.

Die Zeit drĂ€ngt: Projekte, die bis zur Europawahl im Juni 2024 nicht mit den Regierungen der Mitgliedstaaten ausgehandelt sind, könnten anschließend wieder infrage gestellt werden und sich lange verzögern. Im Fall der geplanten Reform des Asylsystems wĂ€re dies ein besonders großer RĂŒckschlag. An dem Projekt wird bereits seit Jahren gearbeitet. Vor allem rechte Parteien wie die AfD werfen der EU seit langem Versagen im Kampf gegen irregulĂ€re Migration vor.

Die Zahlen der Migranten steigen derzeit wieder stark an. Um Schleuser zu stoppen, kontrollieren mehrere mitteleuropĂ€ische EU-Staaten vorĂŒbergehend wieder verstĂ€rkt an einem Teil ihrer Grenzen. Die Slowakei beschloss am Mittwoch die Entsendung von Polizisten an die SĂŒdgrenze zu Ungarn. Zuvor hatten die NachbarlĂ€nder Tschechien, Polen und Österreich mit verschĂ€rften Kontrollen an der Grenze zur Slowakei begonnen.

Die verschÀrften Kontrollen sind nach den Worten von Bundesinnenministerin Faeser mit Deutschland eng abgestimmt. Bereits vor einer Woche hatte sie «zusÀtzliche flexible Schwerpunktkontrollen an den Schleuserrouten an den Grenzen zu Polen und Tschechien» angeordnet.

@ dpa.de