Alarm, Fluchtkrisen

Alarm vor vernachlÀssigten Fluchtkrisen in Afrika

03.06.2024 - 06:52:24

Wenn bekannte Konflikte die Schlagzeilen beherrschen, haben es andere Krisen schwer. Die Auswertung einer Hilfsorganisation zeigt eine besonders vernachlÀssigte Region. UN-Vertreter schlagen Alarm.

Mehr als 26 Millionen Menschen sind allein in West- und Zentralafrika und angrenzenden großen Konfliktstaaten auf der Flucht. HumanitĂ€re Organisationen schlagen Alarm: Die wachsenden Krisen erhielten kaum politische und mediale Aufmerksamkeit und viel zu wenig Finanzierung, um die Not zu lindern. Der Großteil der Menschen sucht innerhalb der eigenen Landesgrenzen Schutz, bei der Verschlechterung der Lage und angesichts knapper Mittel könne sich das aber Ă€ndern, wenn den Menschen nicht mehr vor Ort geholfen werden könne, sagte der Regionaldirektor fĂŒr West- und Zentralafrika des UN-FlĂŒchtlingswerks (UNHCR), Abdouraouf Gnon KondĂ©, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC) veröffentlichte am Montag ihren jĂ€hrlichen Bericht, in dem sie die weltweit zehn von Politik, Medien und Gebern am stĂ€rksten vernachlĂ€ssigten Flucht- und Vertreibungskrisen ausmachte. Bis auf eine Ausnahme liegen alle in West- und Zentralafrika oder einem angrenzenden Staat. In den meisten der LĂ€nder war der humanitĂ€re Finanzbedarf 2023 NRC zufolge nur höchstens zur HĂ€lfte, oft deutlich weniger, gedeckt. Die Top Ten sind demnach Burkina Faso, Kamerun, die Demokratische Republik Kongo, Mali, der Niger, Honduras, der SĂŒdsudan, die Zentralafrikanische Republik, der Tschad und schließlich der Sudan. 

BURKINA FASO:

In dem westafrikanischen Staat mit rund 23 Millionen Einwohnern sind nach UNHCR-Angaben mehr als zwei Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Die meisten finden in anderen Dörfern und StĂ€dten Zuflucht, was zu enormem Druck auf die knappen Ressourcen fĂŒhrt. Bis zu zwei Millionen Menschen waren zudem nach Angaben von NRC in Orten gefangen, die unter der Blockade von islamistischen Terrormilizen standen. Bislang spielt sich die FlĂŒchtlingskrise grĂ¶ĂŸtenteils im Land ab, doch die Zahl der BurkinabĂ©, die ins Ausland flohen, verdreifachte sich 2023 auf mehr als 148.000 Menschen. 

MALI UND NIGER:

Auch Burkina Fasos Nachbarstaaten werden von den Terrormilizen terrorisiert. Alle drei Staaten werden nach Putschen von MilitĂ€rjuntas regiert. «Die politischen Herausforderungen, die die Geber oder Partner in einigen dieser LĂ€nder haben, fĂŒhren manchmal dazu, dass die humanitĂ€re Hilfe wegen des verfassungswidrigen Charakters des Regimes ausgesetzt wird», sagt UNHCR-Regionaldirektor KondĂ©. «Wir sollten die politischen GesprĂ€che und den Dialog trennen und dafĂŒr sorgen, dass die Zivilbevölkerung nicht vergessen und nicht allein gelassen wird.» In Mali zĂ€hlt das UNHCR zuletzt rund 350.000 aktuell Vertriebene im Land, rund 93.000 FlĂŒchtlinge aus anderen LĂ€ndern sowie mehr als 800.000 Malier, die Hilfe bei der RĂŒckkehr benötigen. Im Niger suchen mehr als 400.000 Einwohner sowie mehr als 400.000 Menschen aus anderen LĂ€ndern Zuflucht. 

KAMERUN:

Der zentralafrikanische KĂŒstenstaat zĂ€hlt nach UNHCR-Angaben insgesamt mehr als 1,6 Millionen Menschen, die weiter im Land auf der Flucht sind oder versuchen, in ihre Heimat zurĂŒckzukehren. Dazu kommen fast 500.000 FlĂŒchtlinge aus den NachbarlĂ€ndern. Im Kamerun schwelt seit sieben Jahren ein gewalttĂ€tiger Konflikt zwischen dem von französischsprachigen Eliten dominierten Zentralstaat und Separatisten in den englischsprachigen Regionen im Westen an der Grenze zu Nigeria. Dort grenzt das Land auch an den Tschadsee, wo ein durch KlimaverĂ€nderungen angeheizter Konflikt mit islamistischen Terrormilizen wie der nigerianischen Boko Haram herrscht. 

ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK:

In dem Land mit mehr als fĂŒnf Millionen Einwohnern sind nach Angaben des UNHCR mehr als 500.000 Menschen auf der Flucht, wĂ€hrend weitere 500.000 ehemalige Vertriebene Hilfe bei der RĂŒckkehr benötigen. Rund 70.000 FlĂŒchtlinge kamen aus benachbarten LĂ€ndern. Das trotz Diamanten und Gold verarmte Land kommt seit einer Rebellion 2013 nicht zur Ruhe, es kommt immer wieder zu Übergriffen durch bewaffnete Gruppen ebenso wie zu Verbrechen, die russischen Söldnern vorgeworfen werden. «Die chronische Vertreibung beeintrĂ€chtigte den sozialen Zusammenhalt in Gemeinschaften und behinderte die Möglichkeit des Wiederaufbaus des Landes», warnen die NRC-Autoren. 

DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO:

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo gilt als eine der gefĂ€hrlichsten Regionen der Welt, seit einem Vierteljahrhundert begehen Dutzende bewaffnete Gruppen hier immer wieder AnschlĂ€ge. Vielen von ihnen geht es um die Kontrolle strategisch wichtiger BodenschĂ€tze wie Coltan, Kobalt, Gold und Diamanten. Zuletzt eskalierte der Konflikt, mehr als 1,6 Millionen Menschen mussten laut NRC in anderthalb Jahren in den Provinzen Nord-Kivu und Ituri fliehen. Nach UNHCR-Angaben waren im April 7,2 Millionen Menschen im Land als Vertriebene auf der Flucht sowie eine weitere Million im Ausland. ZusĂ€tzlich beherbergt das Land mehr als 500.000 FlĂŒchtlinge aus anderen Staaten. 

TSCHAD UND SUDAN:

Der Ausbruch eines Quasi-Kriegs zwischen der Armee und dem mĂ€chtigen ParamilitĂ€r im Sudan im April vergangenen Jahres stĂŒrzte das Land am östlichen Rand der Sahelzone in eine humanitĂ€re Katastrophe. Die UN bezeichnen den Sudan mittlerweile als weltweit grĂ¶ĂŸte Vertreibungskrise. Ein Jahr nach dem Ausbruch waren nach UNHCR-Angaben fast neun Millionen Menschen auf der Flucht, darunter 6,8 Millionen im Land und 1,9 Millionen Menschen, die ins benachbarte Ausland geflohen waren. Mehr als 600.000 von ihnen sind im benachbarten Tschad untergekommen, wo bereits zuvor Hunderttausende Sudanesen teils seit 2003 Zuflucht gesucht hatten. Der Tschad beherbergt zudem FlĂŒchtlinge aus anderen NachbarlĂ€ndern sowie rund 200.000 eigene Binnenvertriebene. 

@ dpa.de