Jahrestag des Todes von Amini: Angespannte Lage im Iran
17.09.2023 - 20:35:43Mit strengen Sicherheitsvorkehrungen hat die iranische StaatsfĂŒhrung rund um den Todestag der Protestikone Jina Mahsa Amini erneut ihre Macht demonstriert.
Einem Bericht zufolge nahmen Irans Sicherheitsbehörden mehr als 260 Menschen fest. Die Festnahmen seien innerhalb der vergangenen 24 Stunden erfolgt, berichtete die Zeitung «Shargh». Die Sicherheitsbehörden begrĂŒndeten die Festnahmen demnach unter anderem mit VerstöĂen gegen die öffentliche Sicherheit, der Anstiftung zu Protesten oder mit Waffenbesitz.
Aminis Vater wurde in ihrer Heimatstadt Saghes am Samstag vorĂŒbergehend festgenommen und verhört, wie mehrere kurdische Menschenrechtsgruppen berichteten. In Berlin, Hamburg, Frankfurt und anderen deutschen StĂ€dten zeigten Tausende Menschen ihre SolidaritĂ€t.
Tod Aminis löste schwere Proteste aus
An diesem Samstag jÀhrte sich erstmals der Tod Aminis, der im Herbst 2022 die schwersten Proteste im Iran seit Jahrzehnten ausgelöst hatte. Islamische SittenwÀchter hatten die damals 22-JÀhrige wegen eines angeblich nicht richtig getragenen Kopftuchs festgenommen. Was genau danach geschah, ist bis heute ungeklÀrt - letztlich fiel die junge Frau ins Koma und starb in einem Krankenhaus. Zu Aminis Beerdigung strömten damals Tausende Menschen. Ausgehend von den Kurdenregionen verbreiteten sich die Proteste wie ein Lauffeuer.
Vor allem die junge Generation ging in der Folge unter dem Slogan «Frau, Leben, Freiheit» gegen die repressive Politik der islamischen FĂŒhrung auf die StraĂe. Die Staatsmacht lieĂ die Proteste, die das Land ĂŒber Monate hinweg in Atem hielten, gewaltsam niederschlagen. Auf GeheiĂ der iranischen Justiz wurden sieben MĂ€nner im Zusammenhang mit den Demonstrationen hingerichtet. Als Zeichen des stillen Protests ignorieren bis heute viele Frauen die Kopftuchpflicht.
SolidaritÀtskundgebungen in Deutschland und Europa
In Deutschland gab es zum Jahrestag verschiedene Demonstrationen in mehreren StĂ€dten. In Hamburg schĂ€tzte das Lagezentrum, dass sich rund 2500 Menschen an Demonstrationen beteiligt hĂ€tten. Es sei zu vereinzelten Verkehrsbehinderungen gekommen. In Berlin gab es Aktionen unter anderem am GroĂen Stern und vor dem ReichstagsgebĂ€ude. Mehrere Hundert Demonstrantinnen und Demonstranten gingen in Frankfurt auf die StraĂe. Auch in BrĂŒssel gab es einen Protestmarsch.
Irans Kurdenregionen im Ausnahmezustand - zahlreiche Festnahmen
Aminis Heimatort Saghes wurde vor ihrem Todestag abgeriegelt. Aus Angst vor einem erneut gewaltsamen Vorgehen der SicherheitskrĂ€fte gab es zunĂ€chst keine Protestaufrufe. Den Todestag wollten Menschen in den Kurdengebieten dennoch wĂŒrdigen, etwa durch LadenschlieĂungen. Irans Geheimdienst nahm laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Tasnim mehrere Bewohner in den Kurdengebieten fest. Auch in anderen StĂ€dten herrschte mit StraĂenkontrollen eine angespannte Stimmung.
Aus gut informierten Kreisen in den Kurdengebieten hieĂ es, Aminis Familie stĂŒnde bereits seit Wochen faktisch unter Hausarrest. Am Todestag seiner Tochter hĂ€tte ihr Vater schlieĂlich in Begleitung von SicherheitskrĂ€ften zum Grab gehen dĂŒrfen, um dort ein Totengebet zu sprechen. Das massive Aufgebot an MilitĂ€r und SicherheitskrĂ€ften, all jene Vorkehrungen der Machtdemonstration werteten einige Bewohner der Region als Zeichen der SchwĂ€che der iranischen StaatsfĂŒhrung.
Die bekannte Schauspielerin Hanieh Tavassoli wurde am Wochenende kurzzeitig festgenommen, wie iranische Medien unter Berufung ihre Schwester berichteten. Tavassolis Instagram-Auftritt mit ihren zwei Millionen Followern war unterdessen nicht zu erreichen. Die 44-JÀhrige kam auf Kaution frei. Im Zuge der Protestwelle im Herbst 2022 waren mehrere Schauspielerinnen ins Fadenkreuz der Justiz geraten, die sich mit der Bewegung solidarisiert hatten.
Im SĂŒdiran töteten unbekannte Angreifer ein Mitglied der berĂŒchtigten Basidsch-Einheiten, wie die staatliche Nachrichtenagentur IRNA am Sonntag berichtete. Drei weitere MĂ€nner seien verwundet worden. Die Miliz spielt eine zentrale Rolle bei der UnterdrĂŒckung von Protesten im Land. Die Einheit ist Teil der Revolutionsgarden, ihr sollen mehrere Hunderttausend systemtreue AnhĂ€nger angehören.
Baerbock setzt Zeichen - Scholz mit Protest-Slogan
BundesauĂenministerin Annalena Baerbock versprach den Menschen im Iran unterdessen weitere UnterstĂŒtzung gegen UnterdrĂŒckung. «Wir setzen die Schicksale der Menschen im Iran in BrĂŒssel, New York und Genf auf die Tagesordnung», erklĂ€rte die GrĂŒnen-Politikerin, die sich derzeit in den USA aufhĂ€lt. Dort traf sie am Freitag (Ortszeit) die Tochter des im Iran wegen TerrorvorwĂŒrfen zum Tode verurteilten Deutsch-Iraners Djamshid Sharmahd. Er ist einer von mehreren im Iran inhaftierten Deutschen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb in einem X-Post mit dem Hashtag #MahsaAmini: «Frau, Leben, Freiheit».


