Tod, Flucht

Tod, Flucht und Zerstörung in der Ukraine

21.02.2024 - 11:45:01 | dpa.de

Zum zweiten Jahrestag des Beginns des russischen Angriffskriegs schaut die Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Flucht, Mobilmachung und Zerstörung prÀgen den Alltag. Das Land hofft auf westliche Hilfe.

Das zerstörte Hotel Odessa in der gleichnamigen Hafenstadt. Das Hotel wurde am 25. September 2023 von russischen Marschflugkörpern getroffen. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
Das zerstörte Hotel Odessa in der gleichnamigen Hafenstadt. Das Hotel wurde am 25. September 2023 von russischen Marschflugkörpern getroffen. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

Besonders im Osten der Ukraine im Donbass sind die Zerstörungen durch den russischen Angriffskrieg gegen das Land verheerend. Auch im SĂŒden leben die Menschen unter stĂ€ndigem Beschuss. Weniger stark betroffen sind die Hauptstadt Kiew und das Hinterland im Westen - auch wenn es dort immer wieder Luftalarm und russische Raketen- und Drohnenangriffe gibt. Einige Aspekte zum Leben in Zeiten des Krieges, der vor zwei Jahren am 24. Februar 2022 begonnen hatte:

Flucht und Tod

Millionen Menschen sind vor den russischen Angriffen auf der Flucht - innerhalb des Landes und im Ausland. Mehr als 10.000 Zivilisten, darunter Hunderte Kinder, haben durch den von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Überfall auf das Land nach Angaben der Vereinten Nationen ihr Leben verloren. Etwa doppelt so viele Verletzte gibt es demnach. Zu vielen lang umkĂ€mpften und inzwischen russisch besetzten StĂ€dten wie Mariupol, Lyssytschansk, Popasna und Sjewjerodonezk haben die UN keinen Zugang. Die wahre Zahl der Toten dĂŒrfte daher deutlich höher liegen. Hinzu kommen Zehntausende getötete Soldaten.

Das FlĂŒchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) schĂ€tzt, dass seit Kriegsbeginn rund 6,5 Millionen Menschen aus der Ukraine ins Ausland geflohen sind. 3,7 Millionen seien durch KĂ€mpfe und Zerstörungen vertrieben worden und hĂ€tten im eigenen Land Zuflucht gefunden, heißt es da. Mehr als 14,6 Millionen Menschen oder rund 40 Prozent der Bevölkerung brauchten laut UN humanitĂ€re Hilfe. Knapp 20 Prozent des Landes, darunter die Schwarzmeer-Halbinsel Krim, sind von russischen Truppen besetzt.

Luftalarm

Das Heulen der Sirenen fĂŒr den Luftalarm gehört zu den stĂ€ndigen Begleitern des Krieges fĂŒr die Ukraine - im ganzen Land. Oft mehrmals tĂ€glich. Damit wird vor möglichen russischen LuftschlĂ€gen mit Raketen, Drohnen oder Bombardierungen durch Flugzeuge gewarnt. Am stĂ€rksten sind die frontnahen Regionen im Osten und SĂŒden des Landes und nahe der russischen Grenze betroffen. Seit Kriegsbeginn wurde laut den Statistiken der Seite alerts.in.ua ĂŒber 33 000-mal im Land Luftalarm ausgelöst. Dabei mehr als 3800-mal im Gebiet Donezk und gut 1000-mal in der Hauptstadt Kiew. In der Hauptstadt dauerten die Alarme dabei bei zwei Jahren Krieg insgesamt fast 50 Tage.

Wegen der Vielzahl der Alarme tendieren viele Ukrainer dazu, diese zu ignorieren. Andere suchen Zuflucht im Inneren ihrer Wohnungen oder in den Schutzbunkern der StĂ€dte. Besonders einschneidend sind die stĂ€ndigen Angriffe und Alarme fĂŒr Schulkinder. In der ostukrainischen Großstadt Charkiw nahe der russischen Grenze lernen viele Kinder unter der Erde in extra in U-Bahnstationen eingerichteten Klassenzimmern. Immer wieder meldet die Flugabwehr, die auch Deutschland geliefert hat, Erfolge bei der Verteidigung.

Ausgangssperre

Seit VerhĂ€ngung des Kriegsrechts gibt es in fast allen Regionen des Landes nĂ€chtliche Ausgangssperren. Ab 23.00 Uhr oder Mitternacht Ortszeit darf sich niemand ohne besondere Genehmigung draußen aufhalten, Restaurants schließen dann auch. Gegen 4.00 Uhr oder 5.00 Uhr morgens wird die Sperre wieder aufgehoben. In frontnahen Gebieten wie Donezk, Cherson und Teilen des Gebietes Saporischschja gelten noch schĂ€rfere Regeln.

Stabile Versorgungslage bei hohen Preisen

Der Kriegsschock wirkte sich auch auf das wirtschaftliche Leben der Ukraine aus. Trotz Maßnahmen zur Stabilisierung der LandeswĂ€hrung hat die Hrywnja gegenĂŒber dem Euro gut 30 Prozent an Wert verloren. Importe aus dem Ausland verteuerten sich. Die Preise stiegen im ersten Kriegsjahr um mehr als 26 Prozent. Im zweiten Kriegsjahr ging die Inflation zwar auf etwa fĂŒnf Prozent zurĂŒck. Trotzdem bekommen die Ukrainer die Kosten besonders bei den Lebensmittelpreisen zu spĂŒren.

Die allgemeine Versorgungslage ist stabil geblieben. Die Treibstoffkrise im FrĂŒhjahr 2022 nach russischen Angriffen auf Erdölraffinerien und Treibstoffdepots bekamen die Tankstellenketten rasch in den Griff. Der Liter Benzin kostet trotz Krieg mit durchschnittlich umgerechnet 1,25 Euro deutlich weniger als in Deutschland. Auch die StromausfĂ€lle im Winter 2022/2023 nach massiven russischen LuftschlĂ€gen vor allem auf Umspannwerke sind bereits wieder fast vergessen.

Niedrige Einkommen

Im bereits vor dem russischen Einmarsch Ă€rmsten Land Europas stiegen zwar seit Kriegsbeginn die Durchschnittslöhne nominal um ĂŒber 20 Prozent. Doch umgerechnet in Euro sanken sie um knapp fĂŒnf Prozent auf nunmehr etwa 435 Euro. Die gut 10,5 Millionen ukrainischen Rentner bekommen unterdessen durchschnittlich in Hrywnja 35 Prozent mehr, was umgerechnet dennoch nur etwa 130 Euro monatlich sind.

Mobilmachung und Ausreiseverbote

Unmittelbar nach dem russischen Überfall ordnete PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj eine allgemeine Mobilmachung an. Damit ist ein Ausreiseverbot fĂŒr MĂ€nner im wehrpflichtigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren verbunden. Real eingezogen werden dabei MĂ€nner im Alter zwischen 27 und 60 Jahren. Die Absenkung des Reservistenalters auf 25 Jahre ist in der Diskussion.

Zu Beginn des Krieges meldeten sich Zehntausende Ukrainer freiwillig. Nach zwei Jahren Krieg und hohen Verlusten mit geschĂ€tzt ĂŒber 100.000 Toten, Zehntausenden Kriegsversehrten, Tausenden Gefangenen und Vermissten kann Kiew kaum noch auf Freiwillige zĂ€hlen und muss zu immer hĂ€rteren Methoden bei der Rekrutierung greifen. Von ĂŒber 800.000 Soldaten sollen gut 300.000 im direkten Fronteinsatz sein. Zudem haben sich durch Flucht ins Ausland Hunderttausende MĂ€nner dem Kriegsdienst entzogen. Etwa 800.000 haben dabei in europĂ€ischen LĂ€ndern Zuflucht gefunden.

KriegsmĂŒdigkeit

Seit langem wĂ€chst vor allem der Unmut der Frauen und Familien von Langzeit-Dienenden. Sie sehen ihre EhemĂ€nner, Söhne und VĂ€ter nur auf seltenen kurzen Fronturlauben - oder per Video. Ehefrauen und MĂŒtter machen immer hĂ€ufiger bei Demonstrationen ihrem Ärger Luft. Sie fordern ein Recht auf Rotation und eine Entlassung fĂŒr Langzeit-Dienende. Wegen des großen Bedarfs an Soldaten und der sich verschlechternden Situation an der Front gibt es kaum eine Aussicht, dass sich daran etwas Ă€ndert.

Ukraine-Hilfen

Ohne die Hilfe des Westens kann die Ukraine nicht ĂŒberleben. Etwa die HĂ€lfte des Staatshaushalts des Landes wird aus dem Ausland bezahlt, also etwa fĂŒr GehĂ€lter im Staatsdienst und fĂŒr Renten. Nach Angaben des Kieler Instituts fĂŒr Weltwirtschaft (ifw) belaufen sich die bewilligten humanitĂ€ren, militĂ€rischen und finanziellen Hilfeleistungen vom 24. Januar 2022 bis 15. Januar dieses Jahres auf bisher mehr als 250 Milliarden Euro. Davon kommen rund 144 Milliarden Euro von den Staaten und den Institutionen der EU und 68,7 Milliarden von den USA. Der Rest stammt aus anderen GeberlĂ€ndern.

Deutschland leistet dabei nach Angaben des Instituts mit insgesamt 17,7 Milliarden Euro in der EU unter den Mitgliedern den grĂ¶ĂŸten Beitrag zur MilitĂ€rhilfe. Hinzu kommen Ausgaben fĂŒr GeflĂŒchtete. Zum Vergleich: Die USA weisen laut ifw bisher 42,2 Milliarden Euro fĂŒr MilitĂ€rhilfe auf.

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