Scholz drÀngt Putin zu Truppenabzug und Verhandlungen
15.11.2024 - 17:22:56 | dpa.deIn seinem ersten Telefonat mit Wladimir Putin seit fast zwei Jahren hat Bundeskanzler Olaf Scholz den russischen PrĂ€sidenten zur Beendigung des Angriffskriegs gegen die Ukraine und zum Abzug seiner Truppen aufgefordert. Gleichzeitig habe der Kanzler Putin «zu Verhandlungen mit der Ukraine mit dem Ziel eines gerechten und dauerhaften Friedens» gedrĂ€ngt, teilte Regierungssprecher Steffen Hebestreit nach dem etwa einstĂŒndigen GesprĂ€ch mit. Er habe auch die unverbrĂŒchlicheEntschlossenheit Deutschlands bekrĂ€ftigt, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Aggression so lange wie nötig zu unterstĂŒtzen.Â
Putin zeigte sich unter bestimmten Bedingungen zu Verhandlungen bereit. Er bestand nach Angaben des Kremls darauf, dass eine Lösung Moskaus Sicherheitsinteressen berĂŒcksichtigen und «von den neuen territorialen Gegebenheiten ausgehen» mĂŒsse. Auch mĂŒsse die Ukraine auf eine Nato-Mitgliedschaft verzichten und den Verlust der von Russland besetzten Gebiete anerkennen. Kiew und seine westlichen VerbĂŒndeten lehnen das kategorisch ab.Â
Mit der Annexion der Halbinsel Krim 2014 und im Zuge des Angriffskriegs ab 2022 hat Russland rund 20 Prozent der Ukraine besetzt, die es zu seinem Staatsgebiet zĂ€hlt.Â
GesprÀch dauerte eine Stunde
Wegen des Angriffs auf die Ukraine hat der Westen die hochrangigen GesprĂ€chskanĂ€le nach Moskau weitgehend stillgelegt. Scholz initiierte nun das GesprĂ€ch mit Putin. Zuletzt hatten die beiden am 2. Dezember 2022 telefoniert. Das letzte persönliche Treffen liegt fast drei Jahre zurĂŒck. Es fand eine Woche vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im Kreml statt, wo die beiden wegen Corona an einem riesigen ovalen Tisch meterweit voneinander entfernt saĂen. Nach der Invasion gab es noch einzelne Telefonate, die dann aber abbrachen. Das hatte vor allem mit der russischen KriegsfĂŒhrung und fehlender Aussicht auf konkrete Ergebnisse zu tun.Â
Fast 1.000 Tage Krieg mit Zehntausenden Toten
Am Dienstag dauert der russische Angriffskrieg mit Zehntausenden Toten auf beiden Seiten genau 1.000 Tage. Deutschland ist der zweitwichtigste Waffenlieferant der Ukraine und hat bereits Panzer, Artillerie, Luftabwehrsysteme und andere Waffen und RĂŒstungsgĂŒter fĂŒr viele Milliarden Euro ins Kriegsgebiet geschickt. Die Bitte der Ukraine um weitreichende Waffen wie den Marschflugkörper Taurus lehnt Scholz ab, weil er darin eine Eskalationsgefahr sieht.
Scholz nennt Einsatz von Nordkoreanern «gravierende Eskalation»
Nach Angaben aus Regierungskreisen verurteilte Scholz in dem Telefonat vor allem die russischen Luftangriffe gegen zivile Infrastruktur in der Ukraine. Er habe auch verdeutlicht, dass mit der Entsendung nordkoreanischer Soldaten nach Russland fĂŒr KampfeinsĂ€tze eine «gravierende Eskalation und Ausweitung des Konflikts» verbunden sei.
Scholz habe «die unverbrĂŒchliche Entschlossenheit Deutschlands» betont, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf zu unterstĂŒtzen. Dabei habe er unterstrichen, dass die UnterstĂŒtzung langfristig ausgerichtet ist und der russische PrĂ€sident nicht damit rechnen könne, «dass die Zeit auf seiner Seite ist», hieĂ es.
Putin gibt Nato die Schuld am Krieg
Putin hielt Scholz laut Kreml entgegen, dass der Krieg eine Folge jahrelanger aggressiver Politik der Nato sei, die die Ukraine zu einem gegen Russland gerichteten Aufmarschgebiet machen wolle. Der russische PrĂ€sident habe auch einen nie dagewesenen Verfall in den russisch-deutschen Beziehungen konstatiert â «als Folge des unfreundlichen Kurses der Behörden der BRD». Zugleich sagte Putin demnach mit Blick auf die russischen Energielieferungen der Vergangenheit, dass Russland seine VertrĂ€ge stets erfĂŒllt habe und bereit sei, die Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil wieder aufzunehmen.
Scholz und Putin wollen nun in Kontakt bleiben
Scholz und Putin vereinbarten den Angaben beider Seiten zufolge, in Kontakt zu bleiben. Der Kanzler hatte zur Vorbereitung des GesprĂ€chs mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj telefoniert. Laut Hebestreit will der Kanzler Selenskyj nun nochmal anrufen.Â
Scholz bemĂŒht sich aktuell um eine zweite Ukraine-Friedenskonferenz nach einem Gipfel in der Schweiz im vergangenen Sommer, an dem dann auch Russland teilnehmen könnte. Bisher ist dafĂŒr aber kein Termin in Sicht.Â
G20-Gipfel dĂŒrfte Anlass des GesprĂ€chs seinÂ
Scholz hatte in den vergangenen Monaten immer wieder gesagt, dass er zu einem GesprĂ€ch mit Putin bereit sei. Er wolle nur den richtigen Zeitpunkt finden. Der nun gewĂ€hlte dĂŒrfte mit dem bevorstehenden G20-Gipfel im brasilianischen Rio de Janeiro zusammenhĂ€ngen, zu dem Scholz am Sonntag aufbricht.Â
Die G20 der fĂŒhrenden WirtschaftsmĂ€chte aller Kontinente ist das einzige GesprĂ€chsformat, in dem Russland und die Nato-Staaten noch hochrangig an einem Tisch sitzen. Scholz plant dort kein GesprĂ€ch mit dem russischen AuĂenminister Sergej Lawrow. Nach Angaben aus seinem Umfeld wird er aber mit dem chinesischen PrĂ€sidenten Xi Jinping, der als wichtigster VerbĂŒndeter Putins gilt, ĂŒber den Ukraine-Krieg sprechen.
Putin und Selenskyj in Rio nicht dabei
Putin selbst hat seine Teilnahme am Gipfel abgesagt, um nicht «die normale Arbeit des Forums zu stören», das andere Themen habe. Gegen ihn liegt ein internationaler Haftbefehl des Weltstrafgerichts in Den Haag vor wegen mutmaĂlicher Kriegsverbrechen in der Ukraine. Er wĂŒrde in Brasilien eine Festnahme riskieren.
Die Ukraine gehört nicht zur G20. Selenskyj wurde von den brasilianischen Gastgebern auch nicht als Gast nach Rio eingeladen.
Kreml sieht NervositÀt im Westen nach Trumps Sieg
Russland hatte nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-PrĂ€sidentenwahl erneut grundsĂ€tzliche Bereitschaft zum Dialog ĂŒber die Ukraine signalisiert - auch mit Scholz. Moskau sieht im Westen NervositĂ€t mit Blick auf die Ukraine. Es sei voreilig, nun ĂŒber VerĂ€nderungen der Positionen bei den EuropĂ€ern zu sprechen, hieĂ es. «Aber es gibt offizielle ErklĂ€rungen von europĂ€ischen Vertretern, die von der Fortsetzung ihrer allgemeinen Linie sprechen, alle Arten von UnterstĂŒtzung zu leisten. Und auf Russisch heiĂt das, Waffen in die Ukraine zu pumpen, um diesen Krieg bis zum Ende fortzusetzen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Trump hatte im Wahlkampf angekĂŒndigt, er werde den Ukraine-Krieg binnen kĂŒrzester Zeit durch einen Deal mit Russland beenden. Details nannte er nicht. Putin gratulierte Trump vorige Woche zum Wahlsieg und zeigte sich nach auĂen hin offen fĂŒr einen Dialog. Zugleich betonte er, dass Trump unberechenbar sei und daher abzuwarten bleibe, was auf seine AnkĂŒndigungen folgt.
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