NotenbÀnker aller Nationen sind vereinigt, Experten sind sicher: Zinsen rauf! Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo auf diesem Globus Inflationsalarm ausgelöst wird.
Zinsen runter!. Begleitet wird diese Zeremonie von kritischen Tönen im Hinblick auf Preiserhöhungen und der Drohung, die Zinsen weiter hoch zu setzen. Doch die Geldgötter in ihren TĂŒrmen kĂ€mpfen gegen ein Gespenst, dass sie keineswegs per Zinserhöhung vertreiben können.
ZunĂ€chst gilt es, nĂŒchtern zu analysieren. Welche Inflation ist hier eigentlich gemeint? Bei Preissteigerungen um die 2% kann man ja wohl kaum von Inflation sprechen. AuĂerdem: Welche Preise steigen? Es sind in erster Linie energieabhĂ€ngige Produkte und staatliche "Leistungen", die teurer werden. Tanken kostet mehr. Und ein Schwimmbadbesuch ist auch teurer geworden (in Berlin z.B. familienfreundliche 4 Euro pro Person). Ausserdem natĂŒrlich nicht zu vergessen die vielen Strafen und Ordnungsgelder, mithilfe derer sich der Staat bereichert unter dem Vorwand, Recht und Ordnung zu forcieren.
Kann man solche Preiserhöhungen mit höheren Zinsen bekÀmpfen? Sicher nicht. Ein Strafticket wegen Falschparken ist wohl kaum zinssensitiv, auch wenn es heute das doppelte kostet wie vor 3 Jahren.
Können Preiserhöhungen bei Ăl und Benzin mit Zinserhöhungen bekĂ€mpft werden? Wohl kaum. Es sei denn, man setzt die Zinsen so hoch, dass die Wirtschaft zum erliegen kommt und damit die Nachfrage nach Energie sinkt.
Die Inflation ist und bleibt ein Gespenst. Genauso wie schon gegen Ende der 90iger Jahre, als ebenfalls alle Welt Inflationsgefahren heraufbeschworen hatte, die sich hinterher in Luft auflösten. Globalisierung und selbstmörderischer Wettbewerb lassen keine Preiserhöhungen zu. Sollte die Rohstoffblase platzen, dann wird es zusĂ€tzlich zu drastischen PreisrĂŒckgĂ€ngen kommen. Selbst wenn der Ălpreis dort bleibt, wo er ist, hat dies eher deflationĂ€re Auswirkungen: Es bleibt weniger Geld in der Tasche, um zu konsumieren. Dies drĂŒckt ebenfallls auf die Preise.
Vor diesem Hintergrund sind Zinserhöhungen mehr als kontraproduktiv. Das hektische Zinsschrauben zeugt eher von Aktionismus aufgrund von vordergrĂŒndigen Resultaten, die durch blinde Statistik gewonnen werden. Das zarte PflĂ€nzchen des Aufschwungs könnte damit bald wieder eingehen. Ăbrig bleibt dann eine kaputte Wirtschaft, eine Börsenbaisse und Verbraucher, die verunsichert sind. Das sind die eigentlichen Gefahren, die am Horizont lauern - es ist die Deflation, und nicht die Inflation!
Ausserdem sollte man nicht ausser Acht lassen, dass es in Europa immerhin 20 Millionen Arbeitslose gibt. In einem solchen Szenario die Zinsen zu erhöhen ist geradezu selbstmörderisch. Die Historie hat gezeigt, dass eine gewisse Inflation durchaus stimmulierend wirkt - dies allerdings wĂŒrde bedeuten, Preissteigerungen um die 3% zuzulassen. Doch davon sind wir weit entfernt. Wenn man die staatlichen und rohstoffkorrelierten Waren / Dienstleistungen rausrechnet, ist die Inflation fast bei Null. Insofern gĂ€be es ĂŒberhaupt keinen Anlass fĂŒr die EZB, aktiv zu werden.
Ende der 90iger Jahre hatte ich die Ehre, mich mit dem Ăkonomieprofessor und NobelpreistrĂ€ger Franco Modigliani (Lebenszyklushypothese) zu unterhalten. Inflation war damals ein allgegenwĂ€rtiges Thema, Notenbanken drohten mit drastischen Erhöhungen der Zinsen. In Anbetracht der Globalisierung und der hohen Arbeitslosigkeit antwortete er auf die Frage, ob Zinserhöhungen notwendig seien: "Solange die Zinsen ĂŒber 0% sind, sind sie zu hoch!"
Fazit: Ab 2007 gehts mit den Zinsen wieder runter.
Michael Mross berichtet von der Deutschen Börse fĂŒr CNBC und fĂŒr n24.
Mehr zu Michael Mross finden Sie auch auf seiner Homepage: www.mross.de
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| 28.06.06 19:14 Uhr
