Nord-Stream-Explosionen: Kleine Schiffe wÀren gesunken
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 15:46 Uhr | dpa, AD HOC NEWS"Kleine Schiffe haben absolut keine Chance", sagte der Wasserbauspezialist Mario Oertel von der BundeswehruniversitÀt Hamburg vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht. Er sollte am dritten Prozesstag im Verfahren um den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines darlegen, was passiert wÀre, wenn zum Zeitpunkt der Explosionen an der Stelle Schiffe gefahren wÀren.
Gutachter: Kleine Schiffe wÀren gesunken
Das Ergebnis etwa fĂŒr Jachten und Segelschiffe mit einer LĂ€nge von 12 bis 15 Metern: "Es ist davon auszugehen, dass Schiffe dieser GröĂe kentern oder sinken wĂŒrden, wenn sich diese unmittelbar ĂŒber der Blasenfahne im Bereich der FontĂ€ne befinden", erklĂ€rte Oertel. Menschen könnten stĂŒrzen oder ĂŒber Bord gehen. "Im Bereich der gasbeeinflussten, sauerstoffarmen Zone bestehen Gefahren des Ertrinkens und wohl auch des Erstickens."
"Mein erstes BauchgefĂŒhl war, da wird alles versenkt", sagte Oertel. Diese Hypothese habe sich in der Analyse aber nicht bestĂ€tigt. Schon mittelgroĂe Schiffe, etwa StĂŒckgutfrachter, dĂŒrften eher nicht sinken, wenn sie in den ersten Sekunden durch das Explosionsgebiet fahren wĂŒrden. Oertel schrĂ€nkte aber ein: "FahrstabilitĂ€t und ManövrierfĂ€higkeit können sicherheitsrelevant beeintrĂ€chtigt werden." Auch die Ladungssicherheit wĂ€re nicht mehr gewĂ€hrleistet.
Vor Gericht steht der frĂŒhere Offizier einer Spezialeinheit des ukrainischen MilitĂ€rs Serhij Kusnjezow. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 50-JĂ€hrigen vor, der Drahtzieher hinter der Sprengung der Ostsee-Gaspipelines gewesen zu sein. Kusnjezow soll die Explosionen gemeinsam mit sechs weiteren TĂ€tern verursacht haben. Er sitzt seit November 2025 in Untersuchungshaft.
Selbst groĂe Schiffe wĂŒrden die Folgen spĂŒren
Selbst groĂe Schiffe, etwa Containerschiffe, wĂŒrden die Folgen spĂŒren, sagte Experte Oertel. Das Fahrverhalten, die ManövrierfĂ€higkeit und die Ladungssicherung wĂ€ren beeintrĂ€chtigt. "Insgesamt ist fĂŒr groĂe Schiffe von einer geringeren, jedoch nicht vernachlĂ€ssigbaren GefĂ€hrdung auszugehen."
Die Initialphase der Explosion sei viel krasser gewesen, "als wir es uns vorstellen können", sagte Oertel. Er ging in seinem Gutachten davon aus, dass in der Pipeline Nord Stream 1 ein Druck von 165 bar herrschte - das entspricht einer WassersÀule von fast 1.700 Metern - und in der Pipeline Nord Stream 2 von etwa 103 bar.
Am Anfang wohl 165 Kubikmeter Gas pro Sekunde ausgetreten
Nach der Explosion mehrerer SprengsĂ€tze am Grund der Ostsee am 26. September 2022 fiel den Angaben zufolge der Druck in der einen Leitung innerhalb von zehn Stunden auf 16 bar, in der anderen innerhalb von sieben Stunden auf ein hydrostatisches Niveau. FĂŒr die ersten Sekunden ging Oertel an der Sohle von einem Gasaustritt von 165 Kubikmetern pro Sekunde aus.
Die Ausdehnung des an der OberflĂ€che blubbernden Gas-Wasser-Gemischs bezifferte er auf etwa 500 mal 600 Meter. Die Auswurfhöhe im etwa 40 Meter groĂen Zentrum habe etwa elf Meter betragen, teils sogar bis 20 Meter - "was wirklich massiv viel ist", sagte Oertel.
Bundesanwaltschaft wirft Angeklagtem Kriegsverbrechen vor
Wegen des Einsatzes verbotener Methoden der KriegsfĂŒhrung durch einen Angriff gegen zivile Objekte lautet die Anklage auf Kriegsverbrechen. AuĂerdem wird der 50-jĂ€hrige Kusnjezow beschuldigt, eine Sprengstoffexplosion herbeigefĂŒhrt, Bauwerke zerstört und öffentliche Betriebe gestört zu haben.
Ein als Zeuge geladener Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) sagte, seine Behörde habe nach einem nachrichtendienstlichen Hinweis des Verfassungsschutzes vom 14. Oktober 2022 nach einem hochseetauglichen Boot gesucht, mit dem die Saboteure zum Anschlagsort sĂŒdlich der Insel Bornholm gekommen sein sollen. ZunĂ€chst hĂ€tten Beamte dabei rund ein Dutzend Firmen in Rostock besucht. Am Ende sei nur noch ein Unternehmen ĂŒbriggeblieben, das seinen Sitz zwar eigentlich auf RĂŒgen habe, aber auch im Rostocker Jachthafen Hohe DĂŒne tĂ€tig sei.
Charter der Jacht "Andromeda" kostete 11.000 Euro
Die MĂ€nner hĂ€tten ein Boot ohne Skipper und ohne ein Automatisches Identifikationssystem (AIS) gesucht. Das AIS ist ein Funksystem, das durch den Austausch von Navigations- und anderen Schiffsdaten die Sicherheit des Schiffsverkehrs verbessern soll. GewĂŒnscht gewesen seien auch ein kleines Beiboot und ein Generator, beides habe es aber nicht gegeben. Die vereinbarten Kosten fĂŒr die letztlich vom 27. August bis zum 24. September 2022 gebuchte, 15,5 Meter lange und fĂŒr elf Personen zugelassene "Andromeda" bezifferte der BKA-Mann auf rund 11.000 Euro.
UrsprĂŒnglich hatte der Staatsschutzsenat in Hamburg - er ist auch fĂŒr Mecklenburg-Vorpommern zustĂ€ndig - im Nord-Stream-Prozess bis Ende Januar 24 Verhandlungstermine anberaumt. Am Mittwoch fĂŒgte er bis Juni 2027 weitere 19 Hauptverhandlungstermine hinzu.
