ROUNDUP, Balance

Eine neue Balance: US-Truppen ziehen aus dem Irak ab

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 10:48 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

(Aktualisierung: Pentagon zum Vollzug, 1., 2. und 3.

Absatz)

BAGDAD/WASHINGTON (dpa-AFX) - Es ist eine ZĂ€sur: Mehr als 20 Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak und nach jahrelangen, erbitterten KĂ€mpfen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind die letzten US-Soldaten aus dem Irak abgezogen.

"Dieser Meilenstein spiegelt den Erfolg einer zwölfjĂ€hrigen Kampagne wider, durch die der IS als organisierte militĂ€rische Bedrohung im Irak und in der gesamten Region besiegt wurde", hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung des US-Verteidigungsministeriums.

Die irakische Regierung trage nun die Hauptverantwortung fĂŒr die BewĂ€ltigung der sicherheitspolitischen Herausforderungen im Land, teilte das Pentagon weiter mit. Dazu zĂ€hlten die verbliebenen Strukturen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie mit dem Iran verbĂŒndete Milizen, die nach US-EinschĂ€tzung die irakische SouverĂ€nitĂ€t und die StabilitĂ€t in der Region untergraben.

Kriege, Vertreibung, Terrorismus und politische Unruhen haben tiefe Spuren hinterlassen. Ohne das US-MilitÀr beginnt nun eine neue Phase der Ungewissheit.

Warum ziehen die US-Truppen jetzt ab?

Formell beschlossen wurde der Schritt 2024. Der US-Kampfeinsatz endete bereits 2021, und die zuletzt etwa 2.500 US-Soldaten waren nur noch als Berater und Ausbilder im Land. Schon 2011 waren die Truppen komplett abgezogen - doch dann rĂŒckte die IS-Terrormiliz von 2014 an im Irak und in Syrien vor und stellte auch die USA und den Rest der Welt vor eine neue Bedrohung.

Der Abzug ist eine der wichtigsten Forderungen von Iraks MinisterprĂ€sidenten Ali al-Saidi und den mĂ€chtigen, mit Iran verbĂŒndeten Milizen im Land. Diese sollten eigentlich parallel zum US-Abzug ihre Waffen abgeben. Der Schritt wurde nun aber auf Juni 2027 verschoben - Erfolgschancen ungewiss.

Wie begann der US-MilitÀreinsatz im Irak?

Das hat mit den TerroranschlĂ€gen im September 2001 in den USA zu tun. Der damalige US-PrĂ€sident George W. Bush rief einen globalen "Krieg gegen den Terror" aus und prĂ€gte den Begriff der "Achse des Bösen": Damit brandmarkte er den Iran, den Irak und Nordkorea, Terrornetzwerke zu unterstĂŒtzen.

Die USA warfen dem damaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein vor, Verbindungen zu Al-Kaida zu haben und Massenvernichtungswaffen anzustreben. Beides stellte sich spĂ€ter als falsch heraus. Dennoch marschierten die USA 2003 mit VerbĂŒndeten im Irak ein und stĂŒrzten Hussein, wĂ€hrend dessen brutaler Herrschaft Hunderttausende ums Leben kamen.

Was war die Bilanz bis 2011?

Der Einmarsch gilt unter vielen Historikern als schlechteste Entscheidung der US-Außenpolitik der Geschichte. Es folgten Jahre von AufstĂ€nden, Chaos und Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen, bei denen etwa 4.500 US-Soldaten und Zehntausende Iraker getötet wurden. Auch Fotos von HĂ€ftlingen im irakischen GefĂ€ngnis Abu Ghraib gingen um die Welt, gefoltert und misshandelt von US-MilitĂ€r.

In dem Krieg und danach steigerten der Iran und mit ihm verbĂŒndete Milizen ihren Einfluss deutlich. Das Machtvakuum stĂ€rkte auch Al-Kaida und fĂŒhrte spĂ€ter zum Entstehen des IS. Die Gesamtkosten des Kriegs wurden auf bis zu drei Billionen US-Dollar beziffert. Zeitweise waren mehr als 160.000 US-Soldaten im Land stationiert.

Warum folgte 2014 ein weiterer Einsatz?

Mit der blitzartigen Expansion der sunnitischen IS-Terrormiliz ab 2014 kehrten US-Truppen auf Gesuch Bagdads zurĂŒck. Im ausgerufenen "Kalifat" des IS wurden Schiiten und die jesidische Minderheit ermordet und die Welt mit Videos von Hinrichtungen in Schrecken versetzt. TerroranschlĂ€ge brachten die Gefahr des IS bis nach Europa und in die USA.

Mit der US-gefĂŒhrten "Operation Inherent Resolve" (OIR), der sich mehr als 80 LĂ€nder anschlossen, begann der Kampf um die Befreiung Iraks und Syriens von der IS-Gewaltherrschaft. Die verlustreichen Schlachten zogen sich teils ĂŒber Wochen und Monate. Die britische Organisation Airwars zĂ€hlte 1.400 Tote der US-Koalition und schĂ€tzungsweise bis zu 13.000 getötete Zivilisten. Auch die Bundeswehr beteiligte sich seit 2015 an dem Einsatz.

Der Sieg nach Zehntausenden Luftangriffen war nur möglich mit Hilfe örtlicher BodenkĂ€mpfer, darunter kurdische Peschmerga. Heute konzentriere sich der IS im Irak auf "das eigene Überleben" heißt es im aktuellen OIR-Bericht. Dort wie in Syrien, von wo das US-MilitĂ€r im April abzog, gebe es so wenig Angriffe wie zuletzt 2013. Tausende IS-Gefangene sitzen heute in irakischen GefĂ€ngnissen.

Welche Rolle spielt der Abzug im Iran-Krieg?

Der Schritt spielt dem Iran in die HĂ€nde, denn er kann seine Macht im Irak erhalten oder ausbauen. Die Milizen können weiter US-Einrichtungen oder Energie-Infrastruktur in den Golfstaaten angreifen. Kritiker fĂŒrchten eine Wiederholung des US-Abzugs aus Afghanistan: ein militĂ€rischer Abschied, ohne Gefahren ausreichend einzudĂ€mmen. Die Milizen verlieren mit den US-Soldaten aber auch eines ihrer Hauptargumente fĂŒr den bewaffneten "Widerstand".

Washington wird weiter auf deren Entwaffnung dringen. Das Ziel sollte nicht sein, den Irak gegen den Iran aufzubringen, sagt Lahib Higel von der Crisis Group. DafĂŒr sei der Iran im Irak politisch zu mĂ€chtig und auch ein zu wichtiger Wirtschaftspartner. "Der Irak braucht Raum, um seine eigene Balance zu finden", sagt Higel zum Spagat zwischen Teheran und Washington.

Noch stĂ€rker gefĂ€hrdet sind jetzt vor allem die Kurden, die im Krieg hundertfach angegriffen wurden und die nun ihren wichtigsten Schutzschild verlieren. Sie mĂŒssen wie in Syrien auch um ihr Projekt fĂŒr eine Selbstverwaltung bangen, die vor allem mit Schutz des Westens entstand, schreibt die Denkfabrik Atlantic Council. Der kurdische MinisterprĂ€sident Masrur Barsani spricht in einem Interview von einer "Schande".

Wie blicken die USA heute auf den Irak-Krieg zurĂŒck?

Die Mehrheit der Amerikaner geht Umfragen zufolge nicht davon aus, dass der Krieg die USA sicherer gemacht hat. Der Abzug passt zum erklÀrten Ziel Trumps, US-MilitÀreinsÀtze im Nahen Osten herunterzufahren und die "ewigen Kriege" zu beenden. Allerdings könnte auch der Iran-Krieg, den Trump gemeinsam mit Israel begann, ein solcher "forever war" werden.

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