ROUNDUP, Leipzig

Semtex im Spiel

Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 18:53 Uhr | dpa.de

(Aktualisierung: PETN-BestÀtigung, 4. Abs., und Aussage zu Munition im neuen 7.

Abs.)

LEIPZIG (dpa-AFX) - Nach dem Fund mit einer Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Viele Fragen sind nach wie vor offen. Aus den LÀndern kommen Forderungen nach einem besseren Schutz der FlughÀfen. Zugleich werden immer mehr Details des Vorfalls bekannt.

So hat der Mitarbeiter des Flughafens, der die Drohne in der Nacht zum Mittwoch entdeckt hatte, großes GlĂŒck gehabt. Er holte das mit einer Sprengstoffvorrichtung bestĂŒckte FluggerĂ€t nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen mit einem Fußtritt aus der Luft und brachte es zu Boden.

Nach Angaben des Landeskriminalamts Sachsen hatte er die Drohne auf der Start- und Landebahn "SĂŒdpiste" bemerkt. Sie befand sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei entschĂ€rften die Sprengvorrichtung.

Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ist inzwischen bestĂ€tigt, dass fĂŒr den Sprengsatz die Explosivstoffe Semtex und PETN verwendet wurden. Der Plastiksprengstoff Semtex wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt. Er gelangte im Kalten Krieg mehrmals in die HĂ€nde von Terroristen - so wurde der Sprengstoff beim Lockerbie-Bombenanschlag auf ein Verkehrsflugzeug ĂŒber Schottland im Dezember 1988 verwendet.

Flugverkehr lĂ€uft ĂŒber "SĂŒdpiste"

Der Flugverkehr auf der nördlichen Landebahn des Airports stand am Donnerstag weiter weitgehend still. In direkter NÀhe der "Nordpiste" war die Polizei mit etwa 20 Wagen im Einsatz, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur beobachtete. Dass die PolizeikrÀfte nach dem zweiten, bisher unbekannten Flugobjekt suchen, mit dem in der Nacht zu Mittwoch eine DHL-Maschine kollidierte, bestÀtigte die zustÀndige Generalstaatsanwaltschaft Dresden nicht.

Seit dem Morgen starteten und landeten Flugzeuge den Beobachtungen zufolge wieder auf der sogenannten SĂŒdpiste, die zuvor noch gesperrt war. Dort war in der Nacht zum Mittwoch die Drohne mit der Sprengvorrichtung entdeckt worden. Sie befand sich nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei entschĂ€rften die Sprengvorrichtung.

Spekulationen, die ukrainischen Transporter könnten Munition geladen haben, wurden dementiert. "Die betreffenden Antonow-Flugzeuge waren zum Zeitpunkt des Vorfalls leer und damit ohne Fracht", sagte die Kommunikationschefin der Mitteldeutschen Flughafen AG, Maret Montavon, der "Leipziger Volkszeitung".

Nach dem Drohnenfund war auf dem Flughafen ein mutmaßlich zweites unbekanntes Flugobjekt mit einem Frachtflugzeug zusammengestoßen, das wegen der Sperrung der Landebahn wieder durchgestartet war. Bei der Maschine seien nach der Landung in Hannover leichte BeschĂ€digungen festgestellt worden, hieß es. Die Suche nach diesem zweiten Objekt sollte nach Angaben des Landeskriminalamtes am Donnerstag fortgesetzt werden.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte am Abend von einer "neuen GefahrenqualitÀt" und einem "hybriden Anschlagsszenario" gesprochen.

Generalstaatsanwaltschaft: Höchste PrioritÀt

"Das Ermittlungsverfahren und die polizeilichen Maßnahmen werden mit höchster PrioritĂ€t gefĂŒhrt und dauern an", teilte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft mit. Weitere AuskĂŒnfte wĂŒrden derzeit nicht erteilt. Offen blieb auch, ob die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen ĂŒbernimmt. Diese ist unter anderem bei Terrorismus und Spionage zustĂ€ndig.

Beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz beschĂ€ftigt sich eine Sondereinheit mit dem Vorfall, wie ein Sprecher mitteilte. "Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und die Landessicherheitsbehörden stimmen sich aktuell im gemeinsamen Zentrum zur Abwehr Hybrider Bedrohungen (GAZ-Hybrid) ab und analysieren den Sachverhalt gemeinsam", hieß es.

Experte: Bedrohung fĂŒr kritische Infrastruktur

Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke stufte den Vorfall als neue Dimension der Bedrohung fĂŒr kritische Infrastruktur ein. Anders als bei bisherigen DrohnenvorfĂ€llen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug oder SchĂ€den durch die Drohne selbst. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor fĂŒr Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden der Deutschen Presse-Agentur.

Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestĂ€tigen, zeige der Vorfall, "dass wir in der Entdeckung derart kleiner Objekte an kritischen Infrastrukturen noch nicht gut sind", sagte Fricke. Das gelte sowohl fĂŒr die verfĂŒgbaren Technologien als auch fĂŒr die Geschwindigkeit, mit der diese in der Praxis eingefĂŒhrt wĂŒrden.

Mehr Drohnensichtungen an deutschen FlughÀfen

Die Zahl der Drohnensichtungen an deutschen FlughĂ€fen ist im ersten Halbjahr 2026 deutlich gestiegen. Bundesweit wurden an den 15 internationalen VerkehrsflughĂ€fen in den ersten sechs Monaten 166 der Flugobjekte gemeldet, wie aus Zahlen der Deutschen Flugsicherung (DSF) hervorgeht. Die meisten VorfĂ€lle gab es am Berliner Hauptstadtflughafen BER (28) und am grĂ¶ĂŸten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main (27). In Leipzig/Halle wurden 18 unerlaubte FluggerĂ€te gesichtet.

Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) hatte am Mittwochabend jedoch betont, dass es sich meist um FĂ€lle unsachgemĂ€ĂŸer Anwendung durch private Piloten handle. "Das war es diesmal nicht", fĂŒgte er hinzu.

Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fĂŒr besseren Schutz

Mehrere Innenminister forderten einen besseren Schutz fĂŒr die FlughĂ€fen und mehr Befugnisse fĂŒr die Betreiber kritischer Infrastruktur. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) verlangte eine schnelle Festlegung darauf, wer bei Ă€hnlichen FĂ€llen wann genau zustĂ€ndig ist: "Wir können nicht mehr lĂ€nger warten: Wir mĂŒssen klĂ€ren, wer fĂŒr die deutsche Luftsicherheit zustĂ€ndig ist. LĂ€nderpolizeien, Bundespolizei, Luftverkehrsbehörden und Bundeswehr mĂŒssen wissen, wann wer eingreifen darf, kann und muss."

GrĂŒne fordern Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates

Die GrĂŒnen im Bundestag forderten Beratungen des Nationalen Sicherheitsrates. Fraktionschefin Katharina Dröge sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Sicherheitsrat mĂŒsse umgehend zusammenkommen, um ĂŒber die Lage und die notwendigen Konsequenzen daraus zu beraten. In einer solch ernsten Situation dĂŒrften auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nicht fehlen.

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