Schimpfen und fahren - Menschen wieder mehr im Zug unterwegs
14.04.2024 - 10:05:04"Wir schimpfen, aber wir fahren", sagt der Chef des Verkehrsverbands Allianz pro Schiene, Dirk Flege. Das BĂŒndnis meldet fĂŒr 2023 einen Rekord: Die Verkehrsleistung der Eisenbahn in Deutschland lag demnach im vergangenen Jahr bei 104,2 Milliarden Personenkilometern. Angestrebt wird, dass in den nĂ€chsten Jahren zahlreiche Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen. Doch Experten bezweifeln, dass das gelingt.
"Bahnfahren ist beliebt", meint Lobbyist Flege. Bei der Verkehrsleistung sei die Corona-Delle ĂŒberkompensiert, teilte sein Verband der Deutschen Presse-Agentur auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts mit. Zuvor hatte die Verkehrsleistung 2019 einen Rekord erreicht, mit 102 Milliarden Personenkilometern. Die Rechenformel fĂŒr die Kennziffer: Zahl der FahrgĂ€ste mal zurĂŒckgelegte Wegstrecke.
Bedingungen fĂŒr FahrgĂ€ste schwierig
Blickt man allein auf die Zahl der FahrgĂ€ste ergibt sich ein anderes Bild, wie der MobilitĂ€tsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin fĂŒr Sozialforschung erklĂ€rt. Nach seinen Daten sind zwar im Nahverkehr wieder so viele Menschen unterwegs wie vor der Pandemie. In Fern- und RegionalzĂŒgen sĂ€Ăe dagegen nur etwa 80 Prozent der gewohnten Kundenzahl. "Die Leute wollen Bahn fahren", meint Knie. "Aber unter den jetzigen Bedingungen tun sie es nicht."
TatsĂ€chlich haben es FahrgĂ€ste auf der Schiene derzeit nicht leicht. Rund ein Jahr lang sorgten gleich zwei Tarifrunden bei der Bahn fĂŒr mehrere Streiks und zahlreiche ZugausfĂ€lle. Hinzu kommt der schlechte Zustand des Schienennetzes. Zahlreiche Baustellen bremsen den Bahnverkehr seit Jahren aus, VerspĂ€tungen sind an der Tagesordnung, die UnpĂŒnktlichkeit insbesondere bei der Deutschen Bahn ist hoch.
"Auf der StraĂe ist es auch nicht besser", hĂ€lt der Fahrgastverband Pro Bahn dagegen. Anders als im Auto könne man im Zug immerhin die Fahrtzeit nutzen zum Lesen, Filme schauen, um Karten zu spielen oder ein Bier zu trinken, sagt der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. Nach seiner Beobachtung sind die ZĂŒge voller geworden. Junge Menschen seien mobiler als frĂŒher und verzichteten hĂ€ufiger auf ein Auto. Und das Deutschlandticket fĂŒhre dazu, dass FahrgĂ€ste auch fĂŒr lĂ€ngere Fahrten von 200 oder 300 Kilometern in den Regio stiegen.
Schub durch Deutschlandticket
Das Monatsabo fĂŒr bundesweite Fahrten im Nah- und Regionalverkehr fĂŒr derzeit 49 Euro pro Monat habe der Nachfrage einen deutlichen Schub verpasst, heiĂt es bei der Allianz pro Schiene. Nach Branchenangaben hat das Ticket viele bisherige Kunden stĂ€rker an Busse und Bahnen gebunden - sprich: Sie fahren nun mit dem 49-Euro-Ticket statt mit Einzelfahrscheinen, Monats- oder Streifenkarten wie zuvor. Einen groĂen Umstieg vom Auto in die öffentlichen Verkehrsmittel habe es nicht gegeben, stellt MobilitĂ€tsforscher Knie fest.
Um die Klimaziele zu erreichen, will die Bundesregierung jedoch die Verkehrsleistung auf der Schiene bis 2030 gemessen an 2015 verdoppeln. Damals lag der Wert bei knapp 92 Milliarden Personenkilometer. Knie ist skeptisch. "Die Bahn muss wieder an ZuverlĂ€ssigkeit gewinnen", fordert er. Zudem mĂŒssten SteuervergĂŒnstigungen beim Diesel und bei Dienstwagen fallen, damit Autofahrer ĂŒber einen Umstieg nachdenken. "Die Verdoppelung ist nicht zu schaffen", meint Fahrgastvertreter Naumann. DafĂŒr fehle es bei der Bahn an KapazitĂ€t - bei ZĂŒgen, bei Gleisen, beim Personal.
Neue EinschrÀnkungen
Bund und Konzern wollen die Probleme im Netz in den nĂ€chsten Jahren mit einer Grundsanierung angehen. 40 viel befahrene Streckenkorridore sollen bis 2030 grundlegend modernisiert werden. Das Netz soll damit weniger anfĂ€llig fĂŒr Störungen werden und der Verkehr flĂŒssiger laufen. Doch die Bauarbeiten bringen zunĂ€chst weitere EinschrĂ€nkungen mit sich: Die einzelnen Korridore werden fĂŒr die Dauer der Sanierung jeweils fĂŒr mehrere Monate vollstĂ€ndig gesperrt. Los geht es im Juni auf der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim. Knie fĂŒrchtet, dass die Bahn dadurch FahrgĂ€ste verlieren wird. "Sie können nicht die Leute monatelang aus ihren Routinen reiĂen."
Der Bund hat fĂŒr die Modernisierung des Netzes bis 2027 bisher knapp 30 Milliarden Euro zugesagt. Das deckt allerdings nur knapp zwei Drittel des Gesamtbedarfs, den die Bahn auf rund 45 Milliarden Euro bis 2027 beziffert. In welchem Umfang das Netz auch in den Jahren danach weiter finanziert werden soll, ist völlig offen.

