Antibiotika werden global nicht optimal eingesetzt
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 06:32 Uhr | dpa.deSo wĂŒrden einfache Mittel fĂŒr hĂ€ufige bakterielle Infektionen zu wenig genutzt, heiĂt es in einer Studie im Fachjournal "The Lancet Public Health". Andererseits erhielten gerade in Ă€rmeren LĂ€ndern Patienten oft nicht die letzten Mittel, die bei schweren Infektionen nötig sind.
Das Forschungsteam um Aislinn Cook von der City St George's, University of London orientierte sich an den drei Kategorien, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2017 eingefĂŒhrt hat: einfache Mittel fĂŒr hĂ€ufige Infektionen ("Access"), speziellere mit höherem Resistenzrisiko fĂŒr Antibiotikaresistenzen ("Watch") und letzte Mittel bei schweren Infektionen durch multiresistente Erreger ("Reserve").
"Die GewĂ€hrleistung eines gerechten und angemessenen Zugangs zu wirksamen, essenziellen Antibiotika ist von zentraler Bedeutung fĂŒr die Ziele fĂŒr nachhaltige Entwicklung", schreiben die Studienautoren.
Die Forscher nutzten verschiedene Datenbanken, um die Antibiotikanutzung in 186 LÀndern und Territorien zu erheben. Diese Gebiete teilten sie in vier Cluster ein, die nach Durchschnittseinkommen und anderen soziodemografischen Daten, nach Infektionslast und vorhandenen Resistenzen vergleichbar waren. Die aus vielen LÀndern fehlenden Daten wurden durch Modellrechnungen ergÀnzt.
Auch Deutschland nutzt zu viele Antibiotika der mittleren Kategorie
Cook und Kollegen ermittelten Staaten, die eine geringe Sterblichkeit durch Infektionen und einen geringen Antibiotikagebrauch aufweisen und deren Daten als Orientierungswerte dienen können. FĂŒr das Cluster der wohlhabendsten LĂ€nder war dies die Schweiz, fĂŒr die ĂŒbrigen Staaten Marokko.
Im Vergleich zu diesen Orienterungsstaaten nutzten die meisten LĂ€nder zu viele "Watch"-Antibiotika aus der mittleren Kategorie - von 67 untersuchten LĂ€ndern, fĂŒr die umfangreichere Daten vorlagen, waren es 66 Staaten, darunter auch Deutschland.
Etwa die HĂ€lfte der untersuchten LĂ€nder verwendeten weniger "Reserve"-Antibiotika fĂŒr schwere Infektionen, als nach den Kriterien dieser Studie angemessen gewesen wĂ€ren - ein lebenswichtiger Bedarf kann also bisweilen nicht gedeckt werden, weil offenbar der Zugang fehlt. Knapp die HĂ€lfte der LĂ€nder wiederum verwendete weniger "Access"-Antibiotika als angemessen.
Eine Antibiotika-Kur pro Mensch und Jahr
Den globalen Bedarf schÀtzen die Wissenschaftler auf 43 Milliarden Tagesdosen im Jahr 2019. Bei einer Weltbevölkerung von damals weniger als acht Milliarden Menschen entspricht diese Gesamtmenge grob einer Antibiotika-Kur jÀhrlich pro Person mit mehreren Tagesdosen. Einer publizierten SchÀtzung zufolge wurden 2018 etwa 40,2 Milliarden Tagesdosen weltweit verbraucht.
"Ăberverbrauch und mangelnder Zugang werden in der Studie deutlich", erklĂ€rte Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut in Berlin. Er betont, dass Deutschland etwas zu viele Antibiotika insgesamt und deutlich zu viele "Watch"-Antibiotika verbrauche. "Dies liegt auch daran, dass in den Leitlinien in Deutschland oft Watch-Antibiotika empfohlen werden, obwohl Access-Antibiotika angebracht wĂ€ren."
Mathias Pletz vom UniversitĂ€tsklinikum Jena weist darauf hin, dass in Deutschland zuletzt viele ukrainische Kriegsverletzte behandelt wurden. Diese hĂ€tten fĂŒr ihre Knocheninfektionen mit multiresistenten Erregern viele Reserve-Antibiotika benötigt. "Da sich die verwendeten Verbrauchsdaten auf 2019 beziehen, ist dieser konkrete Effekt darin zwar noch nicht enthalten, er zeigt aber grundsĂ€tzlich, wie anfĂ€llig diese Normierung fĂŒr solche Verzerrungen ist", sagt Pletz. Diese Art von Verzerrungen hĂ€tten die Autoren fĂŒr ihre Studie nicht berĂŒcksichtigt.
