ROUNDUP, Harzer

Harzer Schmalspurbahnen vor tiefgreifendem Wandel

02.09.2025 - 18:23:11

Auf die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) kommen in den kommenden Jahren tiefgreifende VerÀnderungen zu.

"Die Harzer Schmalspurbahnen mĂŒssen sich neu erfinden", sagte Aufsichtsratschef Thomas Balcerowski (CDU) bei der Vorstellung einer Analyse zu den Perspektiven des Unternehmens. Das Gutachten habe erhebliche Investitionsdefizite zutage gefördert. Man sei in GesprĂ€chen mit der Politik, denn man brauche die UnterstĂŒtzung der BundeslĂ€nder, weil der Wandel aus dem laufenden GeschĂ€ft heraus nicht geleistet werden könne.

"Die Situation der HSB ist hochgradig kritisch", heißt es in der Analyse, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. "Der Dampflokbetrieb ist in aktueller Form perspektivlos." Im vergangenen Jahr hatten die HSB das Beratungsunternehmen SCI Verkehr mit dem Gutachten beauftragt. Es bestehe dringender Handlungsbedarf bei Dampfloks, Reisezugwagen und TriebzĂŒgen. Schon jetzt sei die VerfĂŒgbarkeit der Fahrzeuge unzureichend und ein neues Fahrzeugkonzept erforderlich. So empfiehlt die Beratungsfirma die Anschaffung neuer Diesel-Hybrid-Triebwagen, die zusĂ€tzlich zu Dampfloks fahren könnten.

Betriebsrat: "GrĂ¶ĂŸte Krise, die wir jetzt abarbeiten mĂŒssen"

Laut der Analyse weisen Infrastruktur und Fahrzeugflotte so deutliche InstandhaltungsrĂŒckstĂ€nde auf, dass der Betrieb der Schmalspurbahnen auch kurzfristig gefĂ€hrdet sei. Das Beratungsunternehmen sieht fĂŒr die Harzer Schmalspurbahnen bis zum Jahr 2045 Investitionskosten in Höhe von 544,1 Millionen Euro. Dazu kommen noch einmal laufende Kosten von 253,2 Millionen Euro. Nur mit diesen finanziellen Mitteln komme die HSB sukzessive in die Lage, ein nachhaltig wirtschaftliches Unternehmen zu sein. Dennoch betont Aufsichtsratschef Balcerowski: "Eine Insolvenz, eine Abwicklung ist nicht möglich!"

Am Nachmittag informierten GeschĂ€ftsfĂŒhrung und Aufsichtsrat die Belegschaft ĂŒber die Ergebnisse der Analyse. "Die Stimmung ist natĂŒrlich bedrĂŒckend", sagte Betriebsratsvorsitzender Michael Kröberg. Es sei viel EnttĂ€uschung: "Das ist die grĂ¶ĂŸte Krise, die wir jetzt abarbeiten mĂŒssen."

Sanierungsmaßnahmen könnten mindestens zehn Jahre dauern

DafĂŒr mĂŒsse aber auf allen Strecken in die Schienen investiert werden - auch bei der bei Touristen besonders beliebten Strecke zum Brocken, sagte HSB-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Katrin MĂŒller. Das könne dazu fĂŒhren, dass zu bestimmten Zeiten Strecken geschlossen werden mĂŒssten.

Es werde mindestens zehn Jahre dauern, bis alle Maßnahmen umgesetzt sind, betonte Balcerowski, der auch Landrat des Landkreises Harz ist. "Selbst wenn wir alle Hausaufgaben machen, hĂ€tten wir trotzdem einen solchen Zuschussbedarf." Man könne den Kostensteigerungen nicht ausweichen.

Die prognostizierten Millionenkosten der Analyse beschrÀnken sich allerdings auf eine Variante, in der sich der Betrieb auf die Brocken- und die Harzquerbahn beschrÀnkt. Allein auf der Strecke zwischen Wernigerode und dem Brocken werden laut Gutachten 96 Prozent der TicketverkÀufe erlöst. Der regulÀre Betrieb auf der Selketalbahn steht damit vor dem Aus.

Empfehlung: BeschrÀnkung auf weniger Strecken

Bei einem Erhalt des heutigen Angebots lĂ€gen die Kosten bei den Investitionen noch einmal um 34 Prozent, bei den notwendigen BetriebszuschĂŒssen um mehr als 36 Prozent höher. Der Aufsichtsrat des Unternehmens hatte vergangene Woche bereits entschieden, am Streckennetz festhalten zu wollen. Andernfalls werde die Gesellschafterstruktur, die vor allem durch die anliegenden StĂ€dte und Gemeinden bestimmt ist, zerschlagen und es komme zu grĂ¶ĂŸeren finanziellen Risiken.

Allerdings könne man sich vorstellen, etwa bei der Selketalbahn weniger stark zu investieren und nur noch zu bestimmten Zeiten touristische Fahrten mit den Dampfloks anzubieten, sagte Aufsichtsratschef Balcerowski.

Auch eine Anbindung an Braunlage in Niedersachsen und an die Touristenattraktion Pullman City in Hasselfelde sei nicht endgĂŒltig vom Tisch. Allerdings mĂŒssten jetzt erst einmal die drĂ€ngendsten Probleme im bestehenden Netz angegangen werden, so der Aufsichtsratschef. "Wir sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Region, das ist auch wichtig fĂŒr die GesprĂ€che mit den LĂ€ndern."

Probleme rĂŒhren teilweise noch aus den 90er Jahren

Die Harzer Schmalspurbahnen sehen jetzt die LĂ€nder ThĂŒringen und vor allem Sachsen-Anhalt am Zug, ein Bekenntnis zu den historischen Bahnen abzugeben. Schon in den vergangenen Jahren hatte allein Sachsen-Anhalt mehrere Millionen Euro zugeschossen, um die Defizite auszugleichen. Die Probleme rĂŒhren dabei teilweise Jahrzehnte in die Vergangenheit zurĂŒck. Bei GrĂŒndung der HSB habe man einen Vertrag mit den LĂ€ndern geschlossen, in denen ein fixer Betrag jĂ€hrlich fĂŒr die UnterstĂŒtzung vereinbart worden sei, sagte MĂŒller. Dieser Betrag sei seit den 90er Jahren lange nie angepasst worden. Auch dadurch lasse sich das Investitionsdefizit erklĂ€ren.

Sachsen-Anhalts Infrastrukturministerin Lydia HĂŒskens (FDP) hatte zuletzt erklĂ€rt, es brauche ein tragfĂ€higes Konzept, damit die HSB weiter unterstĂŒtzt werden könnte. Ende September soll es weitere GesprĂ€che zwischen dem Unternehmen und den LĂ€ndern geben.

Aufsichtsratschef hoffnungsvoll fĂŒr GesprĂ€che

"Ich glaube am Ende dann doch, dass man sich zur HSB bekennen wird", ist sich Aufsichtsratschef Balcerowski sicher. Allein touristisch generierten die Bahnen viel Umsatz in der Region. "Das wĂ€re ein erheblich grĂ¶ĂŸerer Schaden."

Mit rund 140 Kilometern in ThĂŒringen und Sachsen-Anhalt betreibt die HSB das lĂ€ngste zusammenhĂ€ngende Schmalspurnetz Deutschlands. Zuletzt fuhren die HSB bei rund einer Million FahrgĂ€sten jĂ€hrlich ein Millionendefizit ein.

@ dpa.de