Thema des Tages, Umstrukturierung

Bahn verkauft DB Schenker

13.09.2024 - 11:12:20

BERLIN/ESSEN - In Deutschland plagen ZugverspÀtungen die FahrgÀste, wÀhrend das Bahn-Management weltweit GeschÀfte macht.

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BERLIN/ESSEN (dpa-AFX) - In Deutschland plagen ZugverspĂ€tungen die FahrgĂ€ste, wĂ€hrend das Bahn-Management weltweit GeschĂ€fte macht. Das monieren Kritiker seit Jahren und fordern einen grĂ¶ĂŸeren Fokus auf das KerngeschĂ€ft auf der Schiene. Mit dem Verkauf der Logistiktochter DB Schenker geht der bundeseigene Konzern weiter in diese Richtung. FĂŒr rund 14,3 Milliarden Euro verĂ€ußert er die gut laufende Tochter an den dĂ€nischen Wettbewerber DSV - und damit einen der wenigen gut laufenden GeschĂ€ftsbereiche im eigenen Haus.

Inklusive erwarteter ZinsertrĂ€ge bis zum Vollzug des Verkaufs sei das GeschĂ€ft 14,8 Milliarden Euro wert, teilte die Bahn mit. FĂŒr beide Unternehmen ist es ein Rekorddeal. Die Schenker-BeschĂ€ftigten hĂ€tten indes einen anderen Bieter bevorzugt.

Ziele: Schuldenabbau und WeltmarktfĂŒhrerschaft

"Der Verkauf von DB Schenker an DSV markiert die grĂ¶ĂŸte Transaktion in der Geschichte der DB und ermöglicht unserer Logistiktochter eine klare Wachstumsperspektive", teilte Bahnchef Richard Lutz mit. Das Geld verbleibt demnach im Bahnkonzern und soll vollstĂ€ndig in den Abbau des Schuldenbergs fließen, der sich zum ersten Halbjahr auf rund 33 Milliarden Euro belief.

FĂŒr DSV wiederum bildet der Kauf einen wichtigen Schritt zu mehr Marktanteilen: "Hand in Hand und unter einem Dach werden die Mitarbeiter von DSV und Schenker unsere StĂ€rken bĂŒndeln, um einen echten WeltmarktfĂŒhrer in der Branche zu schaffen", teilte DSV-Chef Jens H. Lund mit. Gemessen am Umsatz wĂŒrde der kombinierte Konzern den bisherigen MarktfĂŒhrer DHL und auch KĂŒhne + Nagel hinter sich lassen.

Der globale Logistikmarkt gilt als hoch fragmentiert. Selbst als kombinierter Konzern kĂ€men Schenker und DSV den Angaben zufolge lediglich auf einen Marktanteil von bis zu sieben Prozent. Finanzieren will DSV die Übernahme zu rund vier bis fĂŒnf Milliarden Euro aus Eigenkapital. Der Rest komme aus Krediten.

DSV und Schenker: UmsatzstÀrkster Logistikkonzern der Welt

DSV beschĂ€ftigt eigenen Angaben zufolge weltweit rund 75.000 Menschen und gilt nach UmsĂ€tzen aktuell als weltweit drittgrĂ¶ĂŸter Logistikkonzern. Mit der Übernahme will der Konzern vor allem sein EuropageschĂ€ft stĂ€rken. Schenker sei insbesondere in Deutschland, Frankreich und Spanien stĂ€rker aufgestellt als DSV, betonte Lund. "Die Kombination wird sicherstellen, dass wir in allen MĂ€rkten eine starke PrĂ€senz haben."

Innerhalb der nĂ€chsten drei bis fĂŒnf Jahre will das Unternehmen deshalb rund eine Milliarde Euro in Deutschland investieren, vor allem in die ZusammenfĂŒhrung der bisherigen doppelten Infrastruktur wie Lagerhallen.

DB Schenker mit seinem Hauptsitz in Essen hat nach eigenen Angaben rund 72.700 BeschĂ€ftigte in mehr als 130 LĂ€ndern. "Wichtige Zentralfunktionen bleiben in Deutschland erhalten, darunter die IT in Essen", heißt es in einer internen DSV-PrĂ€sentation, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Darin heißt es aber auch, dass mittelfristig 1.600 bis 1.900 Vollzeitstellen abgebaut werden sollen. Diese sollen vor allem in der Verwaltung wegfallen, wĂ€hrend im operativen Bereich ArbeitsplĂ€tze erhalten und langfristig aufgebaut wĂŒrden.

BeschÀftigte sorgen sich um ArbeitsplÀtze

Sorge vor einem grĂ¶ĂŸeren Stellenabbau im Zuge der Übernahme hatte die Schenker-BeschĂ€ftigten in den vergangenen Wochen und Monaten umgetrieben. In internen Schreiben hatte sich der Gesamtbetriebsrat fĂŒr den Zuschlag an den zweiten zuletzt noch verbliebenen Bieter ausgesprochen, den Private-Equity-Investor CVC Capital Partners. "Da CVC kein Logistik-GeschĂ€ft betreibt, sind hier keine derart drohenden Arbeitsplatzverluste zu erwarten", heißt es darin. Nun mĂŒssen die Arbeitnehmervertreter mit DSV zu seiner sozialvertrĂ€glichen Lösung kommen. Bis 2027 gelten nach der Übernahme durch DSV zufolge den Angaben vereinbarte Sozialzusagen, unter anderem zum Schutz von ArbeitsplĂ€tzen.

Bahn trennt sich von Tafelsilber

Mit Schenker trennt sich der finanziell schwer angeschlagene Konzern von einem der wenigen gut laufenden GeschÀftsbereiche im eigenen Haus. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres fuhr Schenker einen operativen Gewinn (Ebit) von 520 Millionen Euro ein. Vor allem Schenker war es zu verdanken, dass die Bahn nach der Corona-Krise zumindest zeitweise wieder schwarze Zahlen schrieb. 2023 machte der Logistikriese einen Gewinn von 1,8 Milliarden Euro und holte die Bahn zumindest operativ aus der Verlustzone. Im FrachtgeschÀft bleibt der Bahn jetzt nur die seit Jahren in der Krise steckende DB Cargo.

Schenker galt vielen Bahnkritikern als Dorn im Auge, weil das Unternehmen mit seinem hohen Straßen-, Luft- und Seefrachtanteil aus ihrer Sicht nicht zum eigentlichen GeschĂ€ft der Bahn auf der Schiene passt.

"Mein Ziel ist es, dass sich die DB AG auf ihr KerngeschĂ€ft - den Schienenverkehr in Deutschland - fokussiert", bekrĂ€ftigte am Freitag Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP). "Mit dem Verkauf von Schenker ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung unternommen worden." Mit dem jetzt von ihm geforderten Sanierungskonzept mĂŒsse sich der Konzern wirtschaftlich wie strukturell neu aufstellen. Dabei helfe es, mit dem Erlös die Schulden deutlich reduzieren zu können.

Verkauf steht noch unter Vorbehalt

Andere sehen diese Verwendung kritisch. "Den Verkaufserlös in die Schuldentilgung beim DB-Konzern zu stecken, signalisiert der DB lediglich, dass wieder Platz fĂŒr neue Schulden da ist - das Ă€ndert strukturell nichts", teilte der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Wettbewerberverbands Die GĂŒterbahnen, Peter Westenberger mit. "Wir fordern, die Milliarden aus dem Verkauf als Grundstock fĂŒr einen mehrjĂ€hrigen Infrastrukturfonds zu verwenden."

Die Transaktion von Schenker soll DSV im zweiten Quartal des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Zuvor mĂŒssen noch der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn, der eine PrĂŒfung des Schenker-Verkaufs im Dezember 2022 angewiesen hatte, die Bundesregierung als auch die Wettbewerbsbehörden zustimmen.

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