Streeck fĂŒr Selbstbeteiligung von Patienten
16.09.2025 - 15:07:25 | dpa.de(neu: weitere Reaktionen)
BERLIN (dpa-AFX) - Zum EindĂ€mmen immer höherer Milliardenkosten fĂŒr die Gesundheitsversorgung fordert der CDU-Fachpolitiker Hendrik Streeck eine Selbstbeteiligung von Patientinnen und Patienten. "WĂ€hrend Menschen in DĂ€nemark im Schnitt viermal und in Frankreich fĂŒnfmal pro Jahr zum Arzt gehen, suchen Deutsche im Durchschnitt zehnmal pro Jahr eine Praxis auf", sagte der Bundestagsabgeordnete der "Rheinischen Post". "Hier kann eine moderate, sozialvertrĂ€gliche Selbstbeteiligung helfen, Bagatellbesuche zu reduzieren." Von den Krankenkassen und aus der Opposition kam Kritik.
Streeck machte deutlich, eine Selbstbeteiligung diente "nicht als HĂ€rte, sondern als Steuerung - schlank organisiert und fair." Es gehe nicht darum, Versorgung einzuschrĂ€nken, sondern die notwendigen Leistungen fĂŒr alle zu sichern. "Eine kluge Selbstbeteiligung kann sogar einen positiven Anreiz setzen: fĂŒr PrĂ€vention, fĂŒr gesunde LebensfĂŒhrung, fĂŒr Eigenverantwortung", sagte der Bonner Virologe, der in der Corona-Pandemie bundesweit bekannt wurde.
"Gesundheit ist keine All-inclusive-Dienstleistung"
Streeck sagte, es brauche auch einen kulturellen Wandel. "Wir mĂŒssen uns von einer unsolidarischen Vollkasko-MentalitĂ€t verabschieden. Gesundheit ist keine All-inclusive-Dienstleistung des Staates. Wer mit einer ErkĂ€ltung die Notaufnahme blockiert, darf nicht erwarten, sofort die gesamte Palette an Hightech-Diagnostik zu beanspruchen."
Mit einer finanziellen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) befasst sich eine gerade eingesetzte Expertenkommission, die bis zum FrĂŒhjahr erste VorschlĂ€ge vorlegen soll. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will damit auch immer neue Beitragserhöhungen verhindern. Im Arbeitsauftrag des Gremiums lautet eine der Fragestellungen, wie sich Eigenverantwortung auch mit Blick auf Zuzahlungen "unter BerĂŒcksichtigung des Solidarprinzips und der Bedarfsgerechtigkeit" fördern lĂ€sst.
"Herablassend und falsch"
Die SPD reagierte ablehnend auf Streecks Forderung. Diese verkenne die eigentlichen Ursachen der Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christos Pantazis. "Nicht die Menschen, die Àrztliche Hilfe suchen, sind das Problem - sondern die stark steigenden Ausgaben im stationÀren Bereich, bei Arzneimitteln und durch strukturelle Fehlanreize auf Seiten der Leistungserbringenden", betonte Pantazis.
Auch der GrĂŒnen-Gesundheitspolitiker Armin Grau kritisierte Streecks ĂuĂerungen. "Es ist herablassend und falsch, den Menschen in unserem Land eine "unsolidarische VollkaskomentalitĂ€t" zu unterstellen." Es gebe bereits hohe Selbstbeteiligungen etwa bei Zahnersatz, mit dem Ergebnis, dass sich weniger wohlhabende Menschen eine solche Versorgung oft nicht leisten könnten. Viele Arzttermine gingen auch nicht von den Versicherten aus, sondern entstĂŒnden durch quartalsweise Einbestellungen und Fehlanreize im VergĂŒtungssystem.
Linke sieht Angriff auf Solidarprinzip
Der Linken-Politiker Ates GĂŒrpinar widersprach Streeck ebenfalls. "Zwar wĂŒrden sich Arztbesuche insgesamt verringern - aber das wĂŒrde insbesondere kranke und einkommensschwache Menschen treffen, weil auch viele notwendige Besuche nicht stattfinden", sagte GĂŒrpinar. "Solche VorschlĂ€ge greifen das Solidarprinzip an", kritisierte er.
Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Das fortwĂ€hrende Patienten-Bashing muss ein Ende haben." In die GKV zahlten rund 75 Millionen Versicherte ein, es seien also keinesfalls staatliche All-inclusive-Dienstleistungen. Auch LĂ€ndervergleiche zu Arzt-Patienten-Kontakten hinkten, da die ambulante Versorgung in DĂ€nemark und Frankreich nicht vergleichbar mit Deutschland sei. Abgeordnete sollten sich zudem im Klaren darĂŒber sein, dass sie "Bagatellbesuche" in Praxen dann auch gesetzlich definieren mĂŒssten. Sozialer Sprengstoff wĂ€re so programmiert.
"Wie hoch sollen Zuzahlungen steigen?"
Die Kassen mahnten Reformen an. "Die strukturellen Probleme unseres Gesundheitssystems können wir nicht dadurch lösen, dass wir fĂŒr kranke Menschen die Zuzahlungen erhöhen oder die PraxisgebĂŒhr wieder auferstehen lassen", sagte die stellvertretende Chefin des GKV-Spitzenverbandes, Stefanie Stoff-Ahnis, der dpa. Allein die KrankenhĂ€user wĂŒrden in diesem Jahr zehn Milliarden Euro mehr ausgeben als im Vorjahr. "Wie hoch sollen denn die Zuzahlungen steigen, um so etwas auszugleichen?"
Die Arbeitgeber teilten die grundsĂ€tzliche EinschĂ€tzung, dass die Menschen zu oft zum Arzt gehen. "Deutschland leidet unter einem ĂbermaĂ an Arztbesuchen - 60 Prozent mehr als im OECD-Durchschnitt. Das Dauerwarten im Wartezimmer ist kein Zeichen guter Versorgung, sondern von fehlender Steuerung", beklagte der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA), Steffen Kampeter. Er nannte den VorstoĂ von Streeck richtig und verwies zugleich auf seinen Vorschlag fĂŒr eine Ă€rztliche KontaktgebĂŒhr zur Patientensteuerung. Dies könne "unnötige Arztbesuche und Ărzte-Hopping" begrenzen.
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