ROUNDUP, Bolsonaro

Bolsonaro zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt

12.09.2025 - 07:05:17

BRASÍLIA - Brasiliens frĂŒherer PrĂ€sident Jair Bolsonaro ist wegen eines versuchten Staatsstreichs zu mehr als 27 Jahren Haftstrafe verurteilt worden.

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BRASÍLIA (dpa-AFX) - Brasiliens frĂŒherer PrĂ€sident Jair Bolsonaro ist wegen eines versuchten Staatsstreichs zu mehr als 27 Jahren Haftstrafe verurteilt worden. Die Mehrheit der fĂŒnfköpfigen Kammer des Obersten Bundesgerichts sprach den 70-JĂ€hrigen schuldig, wie die TV-Live-Übertragung am Donnerstag (Ortszeit) zeigte. Damit ist Bolsonaro der erste Ex-PrĂ€sident Brasiliens, der wegen eines Umsturzversuchs verurteilt wurde.

Bolsonaro selbst war nicht persönlich auf der Anklagebank erschienen. Seit Anfang August befindet er sich wegen VerstĂ¶ĂŸen gegen Auflagen im Hausarrest. Die UrteilsverkĂŒndung war ursprĂŒnglich fĂŒr Freitag angesetzt gewesen. Da beim Obersten Gericht noch Rechtsmittel eingelegt werden können, wird die Haftstrafe nicht sofort vollstreckt. Eine Anfechtung des Urteils ist aber Experten zufolge unwahrscheinlich.

VorwĂŒrfe: UmsturzplĂ€ne nach Wahlniederlage

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft und der Richter hatte Bolsonaro nach seiner Wahlniederlage Ende 2022 mit MilitĂ€rs und VerbĂŒndeten einen Staatsstreich gegen die Regierung seines linken Nachfolgers Luiz InĂĄcio Lula da Silva geplant. Ziel sei es gewesen, einen Ausnahmezustand zu verhĂ€ngen und Neuwahlen durchzusetzen - allerdings habe Bolsonaro die UnterstĂŒtzung der MilitĂ€rfĂŒhrung nicht gewonnen.

Am 8. Januar 2023, wenige Tage nach Lulas Amtsantritt, stĂŒrmten AnhĂ€nger des Rechtspolitikers den Kongress, das Oberste Gericht und den PrĂ€sidentenpalast in BrasĂ­lia. Auch wenn Bolsonaro an diesem Tag nicht selbst in Brasilien, sondern in den USA war, wirft ihm das Gericht eine indirekte Beteiligung an den Geschehnissen vor. Zudem soll Bolsonaro von MordplĂ€nen gegen Lula, VizeprĂ€sident Geraldo Alckmin und Richter Alexandre de Moraes gewusst haben.

Bolsonaros Verteidigung wies die VorwĂŒrfe im gesamten Verfahren zurĂŒck und argumentierte, dass keine stichhaltigen Beweise fĂŒr eine Beteiligung Bolsonaros an einem Umsturzplan vorlĂ€gen. Seine AnwĂ€lte sprachen von einem "politischen Prozess", in dem ihr Mandant keine faire Chance gehabt habe. Sie verwiesen dabei auf den Obersten Richter Moraes, der sowohl eine zentrale Rolle in den Ermittlungen gespielt habe als auch selbst als mutmaßliches Ziel der PutschplĂ€ne genannt werde. Damit sei eine "Vorverurteilung" durch das Gericht unvermeidlich gewesen.

Bolsonaro wurde nicht nur wegen versuchten Staatsstreichs verurteilt, sondern auch wegen gewaltsamer Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats, Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, BeschĂ€digung denkmalgeschĂŒtzten Kulturgutes und SachbeschĂ€digung. Daneben wurden auch sieben hochrangige MilitĂ€rs und ehemalige Kabinettsmitglieder verurteilt, darunter Ex-Verteidigungsminister Paulo SĂ©rgio Nogueira, Marinechef Almir Garnier und Bolsonaros damaliger Sicherheitsberater Augusto Heleno.

Urteil der Richter

Richter Moraes bezeichnete Bolsonaro als "AnfĂŒhrer einer kriminellen Organisation" und fĂŒhrte detailliert zahlreiche Belege fĂŒr die versuchte Umsturzplanung auf. Dazu zĂ€hlten unter anderem öffentliche Angriffe auf das Wahlsystem, geheime Ministertreffen, Besprechungen mit Botschaftern und EntwĂŒrfe eines Umsturzdekrets sowie die gewalttĂ€tigen Ausschreitungen vom 8. Januar. "Das war kein Sonntag im Park, kein Ausflug nach Disneyland", sagte Moraes bezĂŒglich des Sturms auf RegierungsgebĂ€ude.

Vier der fĂŒnf Richter stimmten fĂŒr eine Verurteilung von Bolsonaro, nur Richter Luiz Fux votierte fĂŒr einen Freispruch, da ihm zufolge die Beweise keine Grundlage fĂŒr den Vorwurf eines versuchten Staatsstreichs geben wĂŒrden.

Da das Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wird, gibt es keine höhere Instanz. Eine erneute PrĂŒfung einzelner Streitpunkte im Plenum mit elf Richtern wĂ€re laut Experten nur bei mindestens zwei abweichenden Stimmen möglich gewesen. Bolsonaros AnwĂ€lte können aber formelle Unklarheiten im Urteil anfechten - grĂ¶ĂŸere inhaltliche Änderungen sind unwahrscheinlich. Erst wenn darĂŒber entschieden ist, wird das Urteil rechtskrĂ€ftig und vollstreckbar.

Parallelen zu den USA

Der Prozess hat auch eine internationale Dimension. Bolsonaro gilt als enger VerbĂŒndeter von US-PrĂ€sident Donald Trump und wurde bisweilen als "Tropen-Trump" bezeichnet. Die Bilder der Krawalle in BrasĂ­lia erinnerten an die ErstĂŒrmung des US-Kongresses in Washington zwei Jahre zuvor. Trump selbst wurde in Ă€hnlichen VorwĂŒrfen angeklagt, ein Verfahren gegen ihn wurde jedoch kurz vor seiner erneuten Vereidigung eingestellt. Beide Politiker bezeichneten die Prozesse gegen sich als "Hexenjagd".

Das Strafverfahren gegen Bolsonaro fĂŒhrte zu diplomatischen Spannungen mit den USA. Trump verhĂ€ngte Zölle von 50 Prozent auf zahlreiche brasilianische Produkte und belegte Richter Moraes persönlich mit Sanktionen.

Von dem Urteil zeigte sich Trump "ĂŒberrascht" und erklĂ€rte, er kenne Bolsonaro gut, halte ihn fĂŒr einen guten PrĂ€sidenten. "Das Ă€hnelt sehr dem, was sie mit mir versucht haben, aber damit sind sie ĂŒberhaupt nicht durchgekommen." Trumps Außenminister Marco Rubio kĂŒndigte an, auf die "Hexenjagd" reagieren zu werden, ohne Details zu nennen.

Historische Dimension

Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel bezeichnete das Urteil als wichtigen Moment fĂŒr Brasilien. Er verwies darauf, es habe in der Geschichte des Landes zahlreiche gescheiterte und erfolgreiche Putschversuche gegeben. Doch meist seien die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Im Gegensatz zu LĂ€ndern wie Argentinien, wo MilitĂ€rs strafrechtlich verfolgt wurden, hatte es in Brasilien nie eine vollstĂ€ndige juristische Aufarbeitung gegeben. "Insofern ist das wirklich ein ganz, ganz wichtiger Moment", sagte Stuenkel, Professor fĂŒr internationale Beziehungen an der renommierten UniversitĂ€t Fundaçao Getulio Vargas in Sao Paulo.

In der Vergangenheit wurden zwar bereits Ex-PrÀsidenten wegen Korruption verurteilt - etwa Fernando Collor de Mello und Lula, der inzwischen wieder im Amt ist. Eine Verurteilung wegen eines versuchten Staatsstreichs hingegen ist ein PrÀzedenzfall.

Reaktionen im gespaltenen Land - Proteste möglich

Brasilien ist stark polarisiert zwischen AnhĂ€ngern des linken PrĂ€sidenten Lula und den UnterstĂŒtzern seines rechten VorgĂ€ngers Bolsonaro. Viele sehen das Strafverfahren als politisch motiviert, andere als Beweis fĂŒr die StĂ€rke der Institutionen.

Die kommenden Wochen könnten von Protesten geprĂ€gt sein: "Es kann natĂŒrlich vereinzelt zu politischer Gewalt immer kommen", sagte Stuenkel. GrĂ¶ĂŸere Ausschreitungen hingegen hĂ€lt der Experte fĂŒr unwahrscheinlich. "Eine Verurteilung, unabhĂ€ngig davon, was danach kommt, ist einer der wichtigsten Momente der Konsolidierung der brasilianischen Demokratie seit Ende der Diktatur", sagte Stuenkel.

@ dpa.de