ROUNDUP, Komplettverzicht

EU einig ĂŒber Komplettverzicht auf Gas aus Russland

03.12.2025 - 11:01:57

BRÜSSEL - Die EU will bis spĂ€testens Ende 2027 vollkommen unabhĂ€ngig von russischem Erdgas sein.

(neu: EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen und IEA-Chef)

BRÜSSEL (dpa-AFX) - Die EU will bis spĂ€testens Ende 2027 vollkommen unabhĂ€ngig von russischem Erdgas sein. Das sieht eine Einigung zwischen Vertretern der Regierungen der Mitgliedstaaten und des Europaparlaments vor, die vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs erzielt wurde.

Demnach soll die Einfuhr von russischem Gas ĂŒber Pipelines auf Grundlage von langfristigen VertrĂ€gen bis spĂ€testens 1. November 2027 komplett eingestellt werden. Ausnahmen sind fĂŒr BinnenlĂ€nder vorgesehen, die nach Abschluss kurzfristiger VertrĂ€ge noch zwei Monate lĂ€nger Erdgas aus Russland beziehen dĂŒrfen. Ein Verbot fĂŒr den Import von russischem FlĂŒssigerdgas (LNG) soll im Einklang mit dem 19. Sanktionspaket der EU schon ab Januar 2027 gelten.

EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen sprach am Morgen von einem historischen Tag. "Dies ist der Beginn einer neuen Ära, der Ära der vollstĂ€ndigen EnergieunabhĂ€ngigkeit Europas von Russland," so die deutsche Politikerin. Die EU habe die schlimmste Energiekrise seit Jahrzehnten ĂŒberwunden. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, sagte: "Europa zieht einen Schlussstrich unter eine Geschichte, die vor ĂŒber einem halben Jahrhundert begann."

Noch kein Ausstiegsplan fĂŒr Ölexporte

FĂŒr russische Ölexporte in die Slowakei und Ungarn soll die EU-Kommission laut der in BrĂŒssel erzielten Einigung im nĂ€chsten Jahr einen Plan fĂŒr den Ausstieg bis Ende 2027 vorlegen. Die beiden Staaten beziehen als einzige in der EU noch Rohöl aus Russland und sind auch in hohem Maße von russischen Erdgaslieferungen abhĂ€ngig. Schon mehrfach haben Ungarn und die Slowakei weitreichende PlĂ€ne zur UnterstĂŒtzung der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland blockiert.

Die neuen Regeln sollen bereits bestehende Sanktionen mit EinfuhrbeschrĂ€nkungen ergĂ€nzen und sicherstellen, dass sich die EU-Staaten langfristig unabhĂ€ngig von Energieimporten aus Russland und damit weniger erpressbar machen. Zudem soll es der vollstĂ€ndige Importstopp der Rohstoffgroßmacht Russland erschweren, ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter zu finanzieren.

Die Einigung soll auch rechtliche Sicherheit schaffen. Denn wĂ€hrend die Sanktionen gegen Moskau alle sechs Monate verlĂ€ngert werden mĂŒssen und Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten erfordern, sollen die nun vorgesehenen rechtlichen Änderungen dauerhaft gelten.

Allerdings enthĂ€lt die Einigung eine Art Sicherheitsklausel, falls die Versorgungssicherheit eines oder mehrerer Mitgliedstaaten ernsthaft gefĂ€hrdet sein sollte. Unter diesen UmstĂ€nden könnte die EU-Kommission den betroffenen EU-LĂ€ndern erlauben, Einfuhrverbote fĂŒr Gas auszusetzen. Nur wenn ein Mitgliedstaat den Notstand ausruft, sind dann zeitlich begrenzte Lieferungen erlaubt.

Russland macht Milliardengewinne mit Energielieferungen

Auch nach knapp vier Jahren Krieg erwirtschaftet Russland mit Energielieferungen in die EU weiterhin Milliardengewinne. So fĂŒhrten EU-Staaten nach offiziellen Zahlen im Jahr 2024 immer noch 52 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland ein, was rund einem FĂŒnftel aller Einfuhren entsprach. Hinzu kamen 13 Millionen Tonnen Rohöl und mehr als 2.800 Tonnen Uran in angereicherter Form oder als Kernbrennstoff.

Im ersten Halbjahr 2025 importierte die EU nach Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat FlĂŒssigerdgas im Wert von fast 4,5 Milliarden Euro aus Russland. Im vergangenen Jahr war demnach natĂŒrliches und verarbeitetes Gas im Wert von 15,6 Milliarden Euro von dort importiert worden. Zum Vergleich: Aus den USA kam Gas im Wert von 19,1 Milliarden Euro.

Importstopp soll Verbraucher kaum treffen

Einer Analyse der EU-Kommission wĂŒrde der Komplettverzicht auf russisches Gas kein Risiko fĂŒr die Versorgungssicherheit bedeuten. Auf dem Weltmarkt gebe es genĂŒgend andere Anbieter, heißt es aus BrĂŒssel. Verbraucher mĂŒssten sich demnach keine großen Sorgen ĂŒber steigende Gaspreise machen.

Die CDU-Politikerin Andrea Wechsler, Abgeordnete im EU-Parlament, lobte das neue Regelwerk. Es schaffe durch strenge Herkunftskontrollen Transparenz - und ergĂ€nzende Instrumenten stellten sicher, dass mögliche Umgehungen wie indirekte Lieferwege frĂŒhzeitig erkannt und verhindert wĂŒrden.

Die EU will die Importe auf Grundlage des europĂ€ischen Handels- und Energierechts verbieten. Mitte Juni hatte die EU-Kommission dafĂŒr VorschlĂ€ge vorgelegt. Die nun erzielte Einigung muss noch formell vom EuropĂ€ischen Parlament und den Mitgliedstaaten im Rat bestĂ€tigt werden.

@ dpa.de