CSRD: Weniger Pflicht, mehr Transparenz in Lieferketten
24.03.2026 - 04:49:22 | boerse-global.deDie europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung hat eine überraschende Wende genommen. Trotz einer radikalen Vereinfachung der Regeln melden immer mehr Unternehmen freiwillig ihre indirekten Emissionen. Der Grund: Der Druck aus globalen Lieferketten wirkt stärker als Gesetze.
Das zeigt eine neue Analyse des Versicherers Allianz vom 22. März. Demnach stiegen freiwillige Angaben zu Scope-3-Emissionen bei eigentlich befreiten Firmen um 40 Prozent. Dieser Trend setzt sich durch, obwohl die EU mit der „Omnibus I“-Richtlinie erst vor wenigen Tagen, am 19. März 2026, tausende Mittelständler von der Berichtspflicht befreit hat. Offenbar schafft der Markt eigene Fakten, wo der Gesetzgeber zurückrudert.
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Omnibus I: EU senkt die Hürden für den Mittelstand
Die neue Richtlinie markiert einen strategischen Schwenk. Ursprünglich sollten über 50.000 Unternehmen in Europa nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) berichten. Jetzt hat die EU die Latte deutlich höher gelegt. Pflichtig sind nur noch Firmen mit mindestens 1.000 Mitarbeitern (vorher: 500) und einem Umsatz von 450 Millionen Euro (vorher: 50 Millionen).
Diese Änderung nimmt schätzungsweise 80 Prozent der ursprünglich betroffenen Unternehmen aus der Pflicht. Die EU-Kommission argumentiert, so würden Bürokratielasten gesenkt und nur die größten Umweltverursacher erfasst. In Deutschland führt dies bereits zu einer Neubewertung tausender Berichtspläne, mitten in der heißen Phase der Berichtssaison für das Geschäftsjahr 2025.
Radikaler Schnitt: 61 Prozent weniger Pflichtangaben
Nicht nur der Kreis der Berichtspflichtigen schrumpft, auch der Aufwand für die verbleibenden Unternehmen wird geringer. Die technischen Standards (ESRS) wurden fundamental entschlackt. Die Anzahl verbindlicher Datenerhebungen wurde um 61 Prozent reduziert – von ursprünglich 1.144 auf nun etwa 450 Punkte.
Der Kniff: Viele bisher verpflichtende Umweltangaben sind jetzt von der Wesentlichkeitsanalyse abhängig. Das heißt, Unternehmen müssen selbst begründen, welche Themen für sie finanziell relevant sind oder erhebliche Auswirkungen haben. Diese größere Eigenverantwortung soll Kosten senken. Wirtschaftsprüfer warnen jedoch, dass sie im Prüfungsprozess zu mehr Scrutiny führen könnte. Die Vereinfachung soll auch die globale Vergleichbarkeit mit Standards wie denen des International Sustainability Standards Board (ISSB) verbessern.
Lieferketten-Druck: Warum Scope 3 zum Wettbewerbsvorteil wird
Doch warum berichten Firmen freiwillig, wenn sie es nicht müssen? Die Allianz-Analyse identifiziert einen klaren Treiber: die Lieferkette. Große, berichtspflichtige Konzerne der ersten Welle („Wave 1“) benötigen für ihre eigenen CSRD-Berichte detaillierte Nachhaltigkeitsdaten von ihren Zulieferern.
Für Mittelständler wird eine solide ESG-Datenlage so zum Eintrittsticket für lukrative Aufträge und den Zugang zu grünen Finanzierungen. Der Markt erzwingt, was der Gesetzgeber lockert. Selbst der Wegfall verpflichtender Klimapläne im Rahmen der CSDDD hat die Corporate Klimastrategien nicht ausgebremst. Sie gelten weiterhin als Zeichen langfristiger Resilienz – und werden von Investoren erwartet.
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Deutschland hinkt hinterher: Blick auf 2027
Während auf EU-Ebene Klarheit herrscht, stockt die nationale Umsetzung in Deutschland. Das CSRD-Umsetzungsgesetz steckt seit September 2025 im parlamentarischen Verfahren fest. Deutschland gehört zu den wenigen Mitgliedstaaten, die die Richtlinie noch nicht vollständig in nationales Recht überführt haben.
Der aktuell Entwurf sieht vor, dass die Berichtspflicht für die verbleibenden „Wave 2“-Unternehmen erst für das Geschäftsjahr 2027 gilt. Die ersten Berichte wären dann 2028 fällig. Dieser Aufschub soll Zeit für den Aufbau digitaler Infrastrukturen und interner Kontrollen schaffen, die für die vorgeschriebene „Limited Assurance“-Prüfung nötig sind.
Bis Juni 2026 wird die EU-Kommission voraussichtlich einen delegierten Rechtsakt veröffentlichen, der die vereinfachten ESRS festschreibt. Obligatorische Branchenstandards wurden hingegen auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Botschaft des März 2026 ist eindeutig: Der regulatorische Druck mag für viele gesunken sein, die Ansprüche des Marktes sind gestiegen. Es geht nicht mehr um das bloße Abhaken einer Liste, sondern um eine strategische, wesentlichkeitsgetriebene Nachhaltigkeitsberichterstattung, die direkt mit der finanziellen Gesundheit des Unternehmens verknüpft ist.
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