ROUNDUP, Kartellamt

Kartellamt untersagt Klinikverbund - Land plant schon weiter

26.07.2024 - 15:37:24

Das Bundeskartellamt hat einen Verbund zwischen den UniversitÀtskliniken Heidelberg und Mannheim untersagt.

Die Behörde kam nach einem monatelangen PrĂŒfverfahren zu dem Schluss, dass die zu erwartenden Nachteile vor allem aufseiten von Patientinnen und Patienten die möglichen Vorteile ĂŒberwiegen.

Das Land will beim Bundeswirtschaftsministerium eine sogenannte Ministererlaubnis beantragen, um neben der Marktbeherrschung Aspekte wie die Notwendigkeit, Gesundheitsversorgung, Spitzenforschung oder dringend benötigte MedizinstudienplĂ€tze berĂŒcksichtigt zu wissen.

Das Land Baden-WĂŒrttemberg und die Stadt Mannheim streben einen Verbund der HĂ€user an, um den hochdefizitĂ€ren Standort Mannheim zu erhalten - und ein "europĂ€isches Leuchtturmprojekt der Medizin" zu schaffen, wie Mannheims Ex-OberbĂŒrgermeister Peter Kurz (SPD) im vergangenen Jahr formulierte. Das Land ist TrĂ€ger des Standortes Heidelberg, die Stadt Mannheim TrĂ€gerin der örtlichen UniversitĂ€tsklinik.

Land will Ministererlaubnis beantragen

"Wir sind nach wie vor von der Notwendigkeit und Bedeutung des von allen Beteiligten gewollten Zusammenschlusses ĂŒberzeugt - aus wirtschaftlicher und medizinisch-strategischer Sicht und ganz besonders aufgrund der gesellschaftlichen Verantwortung fĂŒr die bestmögliche Versorgung von Patientinnen und Patienten", erklĂ€rte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (GrĂŒne).

Das Kartellrecht sei nicht darauf ausgelegt, die Besonderheiten und Herausforderungen eines Zusammenschlusses zweier so großer UniversitĂ€tsklinika zu berĂŒcksichtigen und dabei zu bedenken, dass im Falle einer Untersagung medizinische Spitzenforschung, eine hochkarĂ€tige Patientenversorgung und rund 270 MedizinstudienplĂ€tze verloren gehen könnten.

In dem gewĂŒnschten Verbund sollten beide KrankenhĂ€user auf medizinischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene eng zusammenarbeiten, ohne ihr eigenstĂ€ndiges Profil zu verlieren. Allein in Mannheim gibt es insgesamt 2.000 StudienplĂ€tze fĂŒr Humanmedizin. Geplant war, dass das UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg Mehrheitsgesellschafter der Mannheimer Uniklinik wird.

Kartellamt fĂŒrchtet QualitĂ€tsschwund mangels Wettbewerbs

Der PrÀsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt, erklÀrte, die wettbewerblichen Nachteile infolge eines Zusammenschlusses hÀtten vor allem die Patientinnen und Patienten zu tragen, "denn in der Region verbleiben neben den Kliniken der Beteiligten nur wenige vergleichbare und unabhÀngige Wettbewerber, in manchen medizinischen Fachbereichen fast gar keine".

Gehörten wesentliche Anbieter zum selben TrĂ€ger, gehe der QualitĂ€tswettbewerb verloren, weil man Abwanderungen zur Konkurrenz nicht mehr im gleichen Maße befĂŒrchten muss, argumentiert die Behörde unter anderem.

Das Kartellamt hat laut Mundt auch ein Argument der Parteien berĂŒcksichtigt, wonach GrĂ¶ĂŸe, höhere Fallzahlen und Spezialisierung oft zu besserer BehandlungsqualitĂ€t fĂŒhren. "Allerdings gehen wir nicht davon aus, dass zur Verwirklichung dieses Vorteils der Zusammenschluss ĂŒberhaupt notwendig ist. Andere Formen der Kooperation können Ă€hnlich positive Wirkungen entfalten, ohne gleich den Kliniken ihre UnabhĂ€ngigkeit zu nehmen."

Das Bundeskartellamt hatte das Leistungsspektrum und die Patientenherkunft von mehr als 320 KrankenhÀusern in einem Umkreis von rund 150 Kilometern um Heidelberg analysiert sowie 30 KrankenhÀuser und 215 niedergelassene FachÀrztinnen und FachÀrzte in der Region befragt.

Der Beschluss ist noch nicht rechtskrĂ€ftig. Gegen ihn kann beim Oberlandesgericht DĂŒsseldorf Beschwerde eingereicht werden.

Stadt an "Grenzen ihrer finanziellen LeistungsfÀhigkeit"

Der angestrebte Verbund ist laut Gesundheitsminister Manne Lucha (GrĂŒne) weiterhin der richtige Weg fĂŒr eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung in der gesamten Region Rhein-Neckar. "Ich unterstĂŒtze daher den jetzt erforderlichen Weg ĂŒber einen Antrag beim Bundeswirtschaftsministerium zur Erreichung dieser Ziele."

Das UniversitĂ€tsklinikum in Mannheim fĂ€hrt hohe Verluste ein - so hoch, dass das Land seit 2021 hohe BetrĂ€ge zur UnterstĂŒtzung aufwenden muss. FĂŒr 2025 erwartet das Klinikum nach Angaben der Stadt ein Minus von 99 Millionen Euro. OberbĂŒrgermeister Christian Specht (CDU): "Die Finanzierung eines Supra-Maximalversorgers, der Patientinnen und Patienten nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland mit hochspezialisierten medizinischen Leistungen auf der Basis wissenschaftlicher Exzellenz versorgt, bringt unsere Stadt zunehmend an die Grenzen ihrer finanziellen LeistungsfĂ€higkeit."

Die Uniklinik Heidelberg hat nach frĂŒheren Angaben fast 2.600 Betten sowie gut 86.000 stationĂ€re und mehr als eine Million ambulante Patienten im Jahr. Mit 10.700 BeschĂ€ftigten zĂ€hlt sie zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region. Im Mannheimer Haus arbeiten rund 4.300 Mitarbeiter. Sie behandeln nahezu 45.000 Patienten stationĂ€r und ĂŒber 170.000 ambulant.

@ dpa.de