ROUNDUPGanztagsschulen, LĂŒcken

Noch klaffen LĂŒcken

Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 13:11 Uhr | dpa.de

Der neue Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab dem 1.

August wird nach EinschĂ€tzung des Instituts der deutschen Wirtschaft in einigen westdeutschen LĂ€ndern vorerst nicht vollstĂ€ndig eingelöst. "Hier bestehen teilweise noch grĂ¶ĂŸere LĂŒcken", erlĂ€uterte IW-Experte Wido Geis-Thöne der Deutschen Presse-Agentur. So "reicht in den westdeutschen BundeslĂ€ndern, außer Hamburg, der zeitliche Umfang der Betreuung und das Angebot wĂ€hrend der Ferien auch nicht immer aus, um den Rechtsanspruch vollstĂ€ndig zu erfĂŒllen."

Doch werden sich Schulen nach seiner EinschĂ€tzung mit Notlösungen oder grĂ¶ĂŸeren Gruppen behelfen. "So werden wahrscheinlich nur wenige Familien mit SechsjĂ€hrigen, die einen Betreuungsplatz wĂŒnschen, leer ausgehen", sagte Geis-Thöne voraus. Im Zweifel werde eher die QualitĂ€t der Betreuung leiden. Das befĂŒrchten auch andere Fachleute. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte, dass qualifiziertes Personal, geeignete RĂ€ume und eine verlĂ€ssliche Finanzierung fehlten.

Zuerst fĂŒr ErstklĂ€ssler

Der 2021 beschlossene Rechtsanspruch auf bis zu acht Stunden Betreuung pro Tag gilt ab dem neuen Schuljahr zunĂ€chst fĂŒr ErstklĂ€ssler. Praktisch heißt das: Die Jungen und MĂ€dchen gehen nachmittags in den Hort und werden dort betreut, sowohl bei Hausaufgaben als auch bei Spiel und Sport. Bis 2029 soll der Anspruch schrittweise bis zur vierten Klasse ausgeweitet werden.

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sieht das als "Meilenstein" vor allem mit Blick auf Bildungschancen, die in Deutschland je nach Elternhaus sehr ungleich verteilt sind. "Kinder, deren Familien sich keine Nachhilfe oder teure Freizeitangebote leisten können, erhalten hier UnterstĂŒtzung und vielfĂ€ltige Möglichkeiten, ihre Talente zu entfalten", betonte Prien. Mit dem neuen Rechtsanspruch wĂŒrden diese Chancen Schritt fĂŒr Schritt allen Kindern offenstehen - "unabhĂ€ngig von ihrer Herkunft oder ihrem Wohnort".

Voraussetzungen unterschiedlich

Allerdings hatte auch Prien zuletzt fĂŒr Geduld geworben. Die Voraussetzungen der BundeslĂ€nder bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs seien unterschiedlich, sagte sie im Juni. "Da bin ich pragmatisch, da können wir nicht ĂŒberall von Beginn an die gleiche QualitĂ€t erreichen."

Derzeit sind nach Angaben aus Priens Ministerium 74 Prozent der Grundschulen Ganztagsschulen. Rund 1,9 Millionen Grundschulkinder wĂŒrden ganztĂ€gig betreut - 57 Prozent der Altersgruppe. Die meisten LĂ€nder gingen fĂŒr das neue Schuljahr von "bedarfsdeckenden KapazitĂ€ten" aus, erlĂ€uterte eine Ministeriumssprecherin. Allerdings bestĂŒnden regionale Unterschiede und besondere Herausforderungen in BallungsrĂ€umen, Zuzugsregionen und einzelnen lĂ€ndlichen Gebieten.

Wie viele PlÀtze fehlen?

Eine IW-Studie vom MĂ€rz sieht fĂŒr Westdeutschland bis 2029 erheblichen Ausbaubedarf. Wie groß er tatsĂ€chlich ist, hĂ€ngt davon ab, wie viele Eltern den Anspruch fĂŒr ihre Kinder wahrnehmen. Auf Grundlage einer SelbsteinschĂ€tzung der Eltern kam das IW auf einen zusĂ€tzlichen Bedarf von rund 150.000 PlĂ€tzen bis 2029, davon 45.300 in Nordrhein-Westfalen und 42.300 in Bayern. Legt man eine Betreuungsquote von 75 Prozent zugrunde, kommt man laut IW auf eine SchĂ€tzung, dass bis 2029 rund 570.000 PlĂ€tze geschaffen werden mĂŒssten.

Auch mit Blick auf das kommende Schuljahr seien die LĂ€nder völlig unterschiedlich auf den neuen Rechtsanspruch vorbereitet, sagte IW-Experte Geis-Thöne auf dpa-Anfrage. Musterland im Westen sei Hamburg, wo grundsĂ€tzlich jedes Kind an einer öffentlichen Grundschule einen Ganztagsplatz habe. Auch in Ostdeutschland gebe es eine ausreichende Versorgung mit BetreuungsplĂ€tzen fĂŒr Grundschulkinder. "Anders ist die Lage in den ĂŒbrigen westdeutschen LĂ€ndern", erlĂ€uterte der Experte.

Allerdings hĂ€tten die Schulen die Möglichkeit, BetreuungskapazitĂ€ten von den Ă€lteren Grundschulkindern zu den ErstklĂ€sslern zu verlegen, fĂŒgte er hinzu. In den nĂ€chsten Jahren könnten sich Schulen damit behelfen, Betreuungsgruppen zu vergrĂ¶ĂŸern. "So ist damit zu rechnen, dass auch weiterhin alle Eltern, die einen Betreuungsplatz wĂŒnschen, einen Platz bekommen", sagte Geis-Thöne.

Caritas pocht auf QualitÀt

Die Gewerkschaft Verdi warf den BundeslĂ€ndern ungenĂŒgende Vorbereitung vor. "Leider haben sich die BundeslĂ€nder viel zu spĂ€t darum gekĂŒmmert, in den Kommunen die Voraussetzungen fĂŒr eine qualitativ gute Umsetzung zu schaffen", sagte Vizechefin Christine Behle. Etliche TrĂ€ger hĂ€tten zum Beispiel in Bayern bis zuletzt keine solide Fördergrundlage und Planungssicherheit fĂŒr Einstellungen und Betrieb gehabt. In Nordrhein-Westfalen drohe ein Szenario, bei dem betreute Kinder ab Klasse 2 ihren Platz verlören, um den Rechtsanspruch fĂŒr ErstklĂ€ssler erfĂŒllen zu können. Behle nannte das "Versagen mit Ansage".

Der Deutsche Caritasverband mahnte: "Eine rein zahlenmĂ€ĂŸige Betrachtung des Fortschritts, die die Anzahl der GanztagsplĂ€tze zum alleinigen Maßstab nimmt, reicht dabei nicht aus. Entscheidend ist die QualitĂ€t der Angebote, gerade fĂŒr Kinder aus verletzlichen Familienkonstellationen." Nötig seien genug qualifiziertes und multiprofessionelles Personal, eine kindgerechte PĂ€dagogik und die verbindliche Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe, forderte Caritas-PrĂ€sidentin Eva Welskop-Deffaa.

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