ROUNDUP, Angriffen

Unternehmen berichten von mehr Angriffen durch Geheimdienste

18.09.2025 - 12:22:06

Die deutsche Wirtschaft sieht sich so intensiv wie noch nie mit Industriespionage, Sabotage oder Datendiebstahl konfrontiert - zunehmend auch durch auslÀndische Geheimdienste.

Bei der HĂ€lfte der Angriffe kommt mittlerweile KĂŒnstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Das geht aus einer den Angaben zufolge reprĂ€sentativen Befragung von mehr als 1.000 Unternehmen unterschiedlicher Branchen durch den Digitalverband Bitkom hervor.

Danach sind sich 87 Prozent der befragten FĂŒhrungskrĂ€fte sicher, dass ihr Unternehmen in den zurĂŒckliegenden zwölf Monaten mindestens einen Angriff erlebt hat. Weitere zehn Prozent gaben an, sie seien in diesem Zeitraum vermutlich Ziel von Datenklau, Sabotage oder Spionage geworden. Der Gesamtschaden, der durch die digital und analog verĂŒbten Angriffe entstanden ist, wird von den Betroffenen auf rund 289 Milliarden Euro geschĂ€tzt.

Geheimdienste werden hÀufiger als TÀter ermittelt oder vermutet

Mehr als jedes vierte betroffene Unternehmen (28 Prozent) geht davon aus, dass die TĂ€ter, mit denen sie es zu tun hatten, einem auslĂ€ndischen Nachrichtendienst zuzuordnen sind. Bei der Befragung ein Jahr zuvor hatte dies noch jedes fĂŒnfte Unternehmen (20 Prozent) vermutet. 2023 lag dieser Anteil noch bei sieben Prozent.

Insgesamt 68 Prozent der Unternehmen, die binnen eines Jahres Ziel von Spionage, Sabotage oder Datenklau waren, sehen kriminelle Banden als mutmaßliche TĂ€ter. 42 Prozent der Befragten fĂŒhrten entsprechende VorfĂ€lle auf Taten einzelner Angreifer zurĂŒck. 22 Prozent der Befragten sahen konkurrierende Unternehmen am Werke.

China und Russland auf Platz eins

Auf die Frage, aus welcher Region solche Handlungen vorgenommen wurden, nannten jeweils 46 Prozent der Unternehmen China und Russland. 31 Prozent verorteten die TÀter in Osteuropa, 21 Prozent in Deutschland, 22 Prozent im EU-Ausland und 24 Prozent in den USA. Bei den Fragen nach dem TÀterkreis und dem regionalen Ursprung der Angriffe waren Mehrfachnennungen möglich, da Unternehmen teils auch mehrfach Angriffe registrierten.

Auch Iran und Nordkorea seien relevante Akteure bei Cyberspionage und -sabotage, sagt Sinan Selen, VizeprĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) und designierter PrĂ€sident der Behörde. Wo es ihnen hilfreich erscheine, duldeten staatliche Stellen die AktivitĂ€ten krimineller Akteure und nutzen sie teils auch fĂŒr ihre Zwecke. Insgesamt gelte: "Das BfV baut angesichts der verstetigten Bedrohungslage seine Rolle als Abwehrdienst in personeller und technischer und operativer Hinsicht umfassend aus."

KI-generierte falsche Schadensmeldungen

Laut Bitkom-PrĂ€sident Ralf Wintergerst berichten Versicherer von einer hohen Zahl falscher Schadensmeldungen, die von Kriminellen offensichtlich unter Zuhilfenahme von KI erstellt wurden. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, nutzten die Unternehmen inzwischen ebenfalls eine KI, die helfe Muster zu erkennen und herauszufinden, ob diese FĂ€lle ĂŒberhaupt stattgefunden haben können.

Der Großteil der SchĂ€den entsteht laut Bitkom inzwischen durch Cyberattacken. Allerdings seien diese inzwischen kaum noch von anderen Angriffen zu trennen, sagt Wintergerst. So könne es beispielsweise passieren, dass ein Papierhersteller nach einem Angriff auf seine IT kein Papier mehr produzieren könne. "Wir trennen in der Bearbeitung nicht mehr zwischen digital und analog", sagt Selen. Wenn ein Angreifer eine ZielflĂ€che bestimmt habe, nutze er alle Instrumente. Deswegen mĂŒsse man bei diesen Fragen inzwischen deutlich ganzheitlicher denken.

Technologisch weder weitgehend souverÀn noch autark

Problematisch sieht der Bitkom-PrĂ€sident die AbhĂ€ngigkeit deutscher Unternehmen von IT-Dienstleistungen und Produkten aus dem Nicht-EU-Ausland. Eine Umfrage des Verbands hatte kĂŒrzlich gezeigt, dass deutsche Unternehmen aufgrund der aktuellen geopolitischen Rahmenbedingungen vor allem AbhĂ€ngigkeiten von China und den USA fĂŒrchten.

Bei der digitalen SouverĂ€nitĂ€t gehe es darum, ob deutsche Unternehmen noch eigenstĂ€ndig in der Lage seien zu entscheiden, "auszuwĂ€hlen mit welchen Technologiepartnern wir zusammenarbeiten, und im Zweifelsfall auf jemand anderen zu switchen, wenn es denn erforderlich ist", erklĂ€rt der VerbandsprĂ€sident. Als Folge der unterschiedlich hohen Investitionen in SchlĂŒsseltechnologien in Deutschland, Europa und anderen Weltregionen in den zurĂŒckliegenden Jahrzehnten, "werden wir auch in den nĂ€chsten zehn Jahren weder autark noch weitgehend souverĂ€n sein", sagt Wintergerst.

Deutsche IT-Produkte einsetzen

Um hier voranzukommen, brauche es die richtigen politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Mut. Der Bitkom-PrĂ€sident appellierte an Unternehmen und Behörden, auch "deutsche Produkte, die vielleicht noch nicht das hundert Prozent gleiche Niveau haben, einzusetzen, denn sonst haben sie nie die Chance, am Ziel angekommen". Das gelte sowohl fĂŒr Unternehmen als auch fĂŒr staatliche Auftraggeber.

An der Befragung nahmen zwischen Mitte April und Mitte Juni laut Bitkom FĂŒhrungskrĂ€fte von 1.002 Unternehmen in Deutschland mit mindestens zehn BeschĂ€ftigten und einem Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro teil.

@ dpa.de