Börse Frankfurt-News: Datenspielerei vs DatenquÀlerei, Prognosen vs Schwurbelei
25.08.2025 - 10:27:22Doch die Meisten lassen sich von datengestĂŒtzten Szenarien leiten. Warum das nicht in DatenquĂ€lerei ausarten darf, erklĂ€rt Ali Masarwah, Fondsanalyst und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Finanzdienstleisters envestor.
25. August 2025. FRANKFURT (envestor): Vor wenigen Tagen flatterte eine DWS-Analyse auf meinen Tisch: Anleger bekommen heute fĂŒr eine Unze Gold so viele Barrel Rohöl wie seit fĂŒnf Jahren nicht mehr. Die These hinter dem errechneten Gold/?-l-VerhĂ€ltnis: Der fallende ?-lpreis signalisiert eine schwĂ€chelnde Weltkonjunktur; der von Hoch zu Hoch eilende Goldpreis wiederum lĂ€sst auf die steigende NervositĂ€t der Anlegerinnen und Anleger schlieĂen, die mutmaĂlich mit volatilen MĂ€rkten rechnen. Stehen also eine Konjunkturkrise und eine Korrektur bei Risikoanlagen bevor?
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Das ist möglich. Aber vielleicht auch nicht. Es könnte sein, dass ausgerechnet diese beiden Datenpunkte die komplexe RealitĂ€t an den MĂ€rkten von morgen einfangen und heute aussagen, was morgen passieren wird. Es könnte aber auch sein, dass ganz andere Faktoren die Richtung der MĂ€rkte bestimmen werden. Etwa könnte eine erkennbare Lockerung der Geldpolitik der USA die Hausse an den MĂ€rkten befeuern. Ja, es könnte sogar sein, dass das Gold/?-l-VerhĂ€ltnis darauf beruht, dass die GoldkĂ€ufe vieler Notenbanken den Preis des Edelmetalls nach oben getrieben haben. Dann wĂ€re die VerknĂŒpfung der beiden Datenpunkte ?-lpreis und Goldpreis irrelevant. Sind Datenanalysen wie die oben genannte also eine pure Spielerei? Ja und nein.
Dass die Auslöser fĂŒr Marktbewegungen oft vollkommen zufĂ€llig sind - Stichwort SchmetterlingsflĂŒgelschlag der Chaos-Theorie - bedeutet nicht, dass es keine fundamentalen Treiber fĂŒr die mittelfristige Richtung der MĂ€rkte gibt. Vor diesem Hintergrund sind die Zahlenspiele der Analysten bei der DWS nicht nur harmlos, sondern auch legitim, ja: nötig. Denn Thesen aufzustellen ist nicht bloĂ eine intellektuelle FingerĂŒbung, sondern die Voraussetzung dafĂŒr, Fakten abzuwĂ€gen, sich eine Meinung zu bilden und letztlich sein Portfolio so zusammenzuschrauben, dass es den Herausforderungen der Zeit gewachsen ist. Manche Thesen gehen auf, andere, auch die furchtbar schlauen, scheitern. Wer investiert, handelt unter unsicheren Bedingungen.
Doch nicht alles, was herbeizitiert wird, ist legitim. Denn Datenspielerei kann zu DatenquĂ€lerei metastasieren. Der DAX steht auf einem Allzeithoch? DER CRASH KOMMT! DatengestĂŒtzte Szenarioanalysen dienen der Horizonterweiterung und der Wahrheitsfindung, DatenquĂ€lerei ist eindimensional, destruktiv und oftmals manipulativ. So berufen sich Verschwörungsschwurbler zunĂ€chst auf bekannte Fakten ("Die AktienmĂ€rkte sind so hoch bewertet wie lange nicht"), um dann ihre Verschwörungsagenda auszubreiten ("Der DAX fĂ€llt in drei Monaten auf 8.000 Punkte!"). Fakten können also missbraucht werden.
Andere Datenschinder wollen schlicht mit "Pump and Dump"-Methoden abzocken ("Diese Aktie hat sich schon verdoppelt, sie wird sich in den nÀchsten drei Wochen noch einmal verachtfachen!"). Uns sollten bei allzu simplen und plakativen Botschaften tatsÀchlicher oder vermeintlicher Analysten die Warnleuchten angehen.
Leichtherzige Datenspielereien können amĂŒsant, unterhaltsam, harmlos oder auch nĂŒtzlich sein, um Hypothesen zu entwickeln und das Marktgeschehen aus einer anderen, bisher wenig beleuchteten Perspektive auszuloten. DatenquĂ€lerei hingegen ist agendaÂgetrieben und per se schĂ€dlich - sie ist eindimensional, fördert einseitige Sichtweisen und Betriebsblindheit und fĂŒhrt letztlich in die Sackgasse. Wer investiert, sollte gerade offen sein fĂŒr die Argumente der Anderen. Wer kein Korrektiv der eigenen Meinung zulĂ€sst, wird in den meisten FĂ€llen schlechte Renditen erzielen, schlimmstenfalls sogar ĂŒblen Schiffbruch erleiden.
Von Ali Masarwah, 25. August 2025, © envestor.de
Ăber den AutorAli Masarwah ist Fondsanalyst und GeschĂ€ftsfĂŒhrer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-VertriebsgebĂŒhren zahlt. Masarwah analysiert seit ĂŒber 20 Jahren MĂ€rkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschĂ€tzt.
Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion vo
(FĂŒr den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die BeitrĂ€ge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

